Foto: Twentieth Century Fox

Genaue Blicke auf einen Ort der Wissensvermittlung

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4. September 2017, 16:32

Neue Arbeiten von Martin McDonagh, Frederick Wiseman und Andrew Haigh beim Filmfestival von Venedig

Jede Halbzeit ist ein willkommener Anlass für eine erste Auslese. Bei Filmfestivals merkt man das daran, dass sich die Spreu vom Weizen zu trennen beginnt. In Venedig wurde am Montagabend mit Martin McDonaghs Three Billboards Outside Ebbing, Missouri jedenfalls der bislang am stärksten akklamierte Film präsentiert, inklusive mehrmaligen Szenenapplauses in der Pressevorführung. Einen Publikumsliebling hat man am Lido also bereits gefunden.

Regisseur Martin McDonagh bleibt mit "Three Billboards" dem von ihm präferierten Genre der schwarzen Komödie treu.
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Frances McDormand spielt eine 50-jährige Frau, deren Tochter brutal ermordet wurde. Weil ihr die polizeilichen Untersuchungen zu schleppend vorangehen, greift die Verbitterte zur Selbsthilfe: Sie mietet die drei riesigen Werbetafeln am Stadtrand von Ebbing und klagt in Schwarz auf Blutrot Ergebnisse ein.

Spirale des Hasses

Die Reaktion des Sheriffs (Woody Harrelson) und seines rassistischen Officers (Sam Rockwell) bleibt nicht aus, den Wortgefechten folgen Taten, die Spirale des Hasses beginnt sich immer schneller zu drehen. Dennoch ist McDonagh seinem präferierten Genre der schwarzen Komödie treu geblieben, indem er – wie schon in Seven Psychopaths (2012) - die Gewalt mit einer überproportionalen Dosis an Wortwitz, Situationskomik und zynischen Reden zur Lage der US-Nation konterkariert. Auch deshalb hinterlässt Three Billboards einen zwiespältigen, weil zu gefälligen Eindruck: McDonagh genügt es zu offensichtlich, der Form zu genügen.

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Zu den Höhepunkten des Festivals zählt jedenfalls Frederick Wisemans Ex Libris – The New York Public Library, der neben Human Flow von Ai Weiwei zweite lange Dokumentarfilm im Wettbewerb. Mit präzisem Blick dokumentiert der Pionier des Direct Cinema seit Jahrzehnten vorwiegend US-amerikanische Institutionen und ist mittlerweile längst selbst zu einer solchen geworden.

Scharfsinniger Beobachter

Ex Libris ist ein weiteres Paradebeispiel seiner subtilen Methodik für eine sozialpolitische Bestandsaufnahme: Wiseman zeigt die Bibliothek, die zu den größten der Welt zählt, nicht als Ort der Aufbewahrung von Büchern, sondern als einen der Wissensvermittlung, in dessen Zentrum die Mitarbeiter und Besucher stehen. Das macht Ex Libris von Beginn an deutlich, wenn die Telefonisten Anfragen über Gott, die Welt und Einhörner beantworten müssen.

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Immer tiefer dringt Wiseman in die innere Struktur der Bibliothek vor, besucht die Außenstellen, hört Vorträgen über Sklaverei ebenso zu wie einer Buchpräsentation von Elvis Costello. Dazwischen beraten Krankenhelfer und Feuerwehrmänner in Jobkursen. Wie immer ohne Interviews und Kommentar vertraut Wiseman seiner scharfsinnigen Beobachtung und einer ausgefeilten Montage. Und zeigt wie nebenbei die gesellschaftlichen Verwerfungen, denen eine Bibliothek wie die New York Public Library entsprechen muss.

Der amerikanischen Dominanz am Lido entgegenhalten konnte bisher der Brite Andrew Haigh, der nach seinem Erfolgsdrama 45 Years (2015) mit Lean on Pete aber ebenfalls in die USA ausgewandert ist. Charlie Plummer spielt einen 15-jährigen Burschen, der mit seinem Vater unter prekären Verhältnissen in Portland lebt. Bei einem seiner Streifzüge durch die Gegend lernt Charley den Pferdetrainer Del (Steve Buscemi) kennen, den er fortan zu den Rennen begleitet. Als sein Lieblingspferd verkauft werden soll, reißt Charley mit dem Tier aus und macht sich auf die Suche nach seiner Tante nach Wyoming.

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Lean on Pete erinnert in seinem ungeschönten Realismus bei doch empathischem Blick auf seinen jungen Helden nicht zufällig an Filme wie Kelly Reichardts Wendy and Lucy (2008) oder Debra Graniks Winter's Bone (2010). Alltag und Flucht bringen auch in Haighs formidablen Coming-of-Age-Drama den jungen Helden an die Grenzen der Belastbarkeit. Aber auch dazu, eine andere Grenze hinter sich zu lassen. (Michael Pekler, 4.9.2017)