Foto: APA/AP/Juan Karita

Gar nicht super: Superfoods als Pestizid-Cocktail

5. September 2017, 11:29

In einem Test wurden bis zu 13 verschiedenen Pestizid-Wirkstoffen auf Goji-Beeren aus China nachgewiesen

Wien – Die Umweltschutzorganisation Global 2000 hat gemeinsam mit der Arbeiterkammer Niederösterreich und der Menschenrechtsorganisation Südwind 22 Superfood-Produkte auf Pestizide und Schwermetalle untersucht. Zusätzlich wurden auch die sozialen und ökologischen Auswirkungen erhoben. Das Ergebnis: Bis zu 13 Pestizide wurden auf Goji-Beeren nachgewiesen, bei Chia- und Leinsamen gab es Überschreitungen der gesetzlichen Pestizid-Höchstwerte.

"Diese sogenannten Superfoods werden unter der Annahme konsumiert, dass sie ausgesprochen förderlich für die Gesundheit und das Wohlbefinden sind. Was man sicher nicht auf solchen Lebensmitteln erwartet, sind Rückstände von gesundheitsgefährdenden Substanzen wie Pestiziden oder Schwermetallen", sagt Waltraud Novak von Global 2000.

Pestizid-Cocktail auf "Wunderbeeren"

Die Proben wurden von einem akkreditierten Labor mit der sogenannten Multi-Methode auf rund 500 Pestizid-Wirkstoffe sowie Blei und Cadmium getestet. Konkret wurden Rückstände von bis zu 13 verschiedenen Pestizid-Wirkstoffen auf Goji-Beeren aus China nachgewiesen. "Obwohl die gefundenen Mengen nicht akut gesundheitsgefährdend sind, ist über das Zusammenwirken von mehreren Pestiziden gleichzeitig noch sehr wenig bekannt und diese 'Cocktails' sind auch nicht gesetzlich geregelt. Viele der gefundenen Substanzen stehen außerdem im Verdacht, krebserregend oder fortpflanzungsschädigend zu sein", betont Novak.

Mehrere der gefundenen Wirkstoffe sind in der EU aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zugelassen, weil sie beispielsweise das Erbgut verändern oder das Kind im Mutterleib schädigen können. In den Herkunftsländern werden diese Stoffe aber weiterhin angewendet, betonen die Autoren des Testberichts. Auch Rückstände von Blei und Cadmium wurden auf allen Goji-Beeren nachgewiesen. "Produkte von denen man annimmt dass sie gesund sind, dürfen keine Rückstände von gesundheitsschädlichen Substanzen aufweisen. Die Hersteller sind gefordert, eine den Erwartungen entsprechende Qualität zu garantieren", fordert Novak.

Superfoods haben weite Reise hinter sich

Alle untersuchten Cranberries waren zwar "sauber", d.h. es wurden weder Rückstände von Pestiziden noch von Schwermetallen gefunden. Trotzdem sieht Novak diese Produkte problematisch: "Die Cranberries kommen alle aus Kanada und haben eine weite Reise hinter sich. Durch diese vielen Transport-Kilometer haben sie einen großen CO2-Rucksack, der schädlich für unser Klima ist." Auch die untersuchten Chia-Samen und Quinoa kamen von weit her, nämlich aus Lateinamerika. Alle Goji-Beeren kamen aus China.

Bei vielen Produkten wurden laut Testbericht auf der Verpackung keine Angaben zur Herkunft gefunden. "Es ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, das Ursprungsland bei Superfoods anzugeben. Diese Informationen sind aber unabdingbar, um eine informierte Kaufentscheidung zu treffen. Denn wer erwartet schon, dass beispielsweise Leinsamen, die wegen ihrer wertvollen Nährstoffe gleichwertig mit dem Superfood Chia-Samen wären, oft gar nicht aus Österreich sondern aus Russland oder Indien stammen. Wir fordern eine durchgängige Kennzeichnung des Anbaulandes bei Lebensmitteln. Auch der Gesetzgeber ist gefordert, hier dementsprechende Vorgaben im Sinne der KonsumentInnen zu schaffen", betont Global 2000.

Kaum Fair-Trade-Produkte

Auch wenn bei der Mehrzahl der Produkte keine gesetzlichen Höchstwerte überschritten wurden und es keine akuten Gefahren für Konsumenten gibt, zeigen die vielen Rückstände doch, wie es in der Produktion dieser Superfoods aussieht. "Jeder Rückstand bedeutet, dass dieses Pestizid vorher auf den Plantagen gespritzt wurde. Ohne Schutzbekleidung hantieren Bäuerinnen und Bauern in Anbauländern wie Bolivien, China oder Peru mit giftigen Pestiziden. Dazu kommen schlechte Arbeitsbedingungen und ein Verdienst oft unter dem Existenzminimum", berichtet Stefan Grasgruber-Kerl von Südwind.

Superfood-Plantagen, die die Einhaltung von sozialen Mindeststandards wie existenzsichernde Löhne oder das Verbot von Kinderarbeit durch unabhängige Zertifizierungen belegen könnten, gibt es den Autoren zufolge kaum. Aus fairem Handel ist derzeit am österreichischen Markt nur Quinoa erhältlich.

Besser zu heimischen Superfoods greifen

Als Alternative empfehlen die Experten heimisches Obst und Gemüse, das mit exotischen Superfoods mithalten kann. Demnach stehen Heidelbeeren und Johannisbeeren Cranberries um nichts nach, und Hirse ist genauso gesund wie Quinoa. Heimische Hagebutten übertreffen sogar die Goji-Beeren mit ihrem Vitamin C-Gehalt. "Eine ausgewogene Ernährung mit reichlich saisonalem Gemüse und Obst aus regionalem Bio-Anbau ist unschlagbar gut – für Gesundheit und Umwelt", so Novak.

Wer dennoch nicht auf Superfoods aus fernen Ländern verzichten möchte, "sollte sich zumindest für Produkte mit Fairtrade-Siegel und Bio-Zertifizierung entscheiden. Nur so sind die Superfoods auch für Arbeiterinnen und Kleinbauern in den Produktionsstätten super", resümiert Stefan Grasgruber-Kerl. (red, 5.9.2017)