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"Die beste aller Welten": Eine Kindheit mit Dämonen

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6. September 2017, 07:00

Der Salzburger Regisseur Adrian Goiginger hat in seinem Debüt sein Leben mit einer drogenabhängigen Mutter aufgearbeitet. Ein aufwühlender Film zwischen Not und Ausgelassenheit.

Wien – Das eigene Leben mag genügend Material für künstlerische Auseinandersetzungen anbieten, einfach ist ein solcher autobiografischer Zugang jedoch nie. Um es kurz zu sagen: Man steht sich schnell einmal selbst im Weg. Die richtige Distanz zu den Erfahrungen aus der Vergangenheit zu finden ist eine der Hürden, die es zu bewältigen gilt; sich für die adäquate Form zu entscheiden, die das eigene Erleben auch anderen öffnet, es mithin universell werden lässt, eine andere.

Eine Mutter-Sohn-Liebe, die durch einen unsichtbaren Dritten sabotiert wird: Adrian (Jeremy Miliker) und seine drogensüchtige Mutter Helga (Verena Altenberger) in "Die beste aller Welten".
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Der Salzburger Filmemacher Adrian Goiginger (26) ist dieses Wagnis in seinem Langfilmdebüt Die beste aller Welten eingegangen und hat es auf bewundernswerte Weise gemeistert. Dabei weist die Geschichte seiner Kindheit eine ganze Serie an Fallstricken auf, denn es handelt sich um keine von jenen, die man gemeinhin unter wohlbehütet subsumiert. Adrian wuchs mit einer drogensüchtigen Mutter auf. Das bedeutete, dass vieles, was für andere Kinder eine Selbstverständlichkeit ist – ein Heim mit der dazugehörigen Geborgenheit -, für ihn beständig bedroht war.

Nun könnte eine Coming-of-Age-Story unter solchen Vorzeichen nur allzu leicht in einem Film enden, der sich mit vordergründigen Elendsbeschreibungen begnügt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn Goiginger will demonstrieren, dass es das Idyll genauso wenig wie dessen Kehrseite gibt. Ein Kind nimmt seine Umwelt zunächst einmal als gegeben an, so es zumindest die liebende Umarmung seiner Mutter verspürt. Die Drogen sind in Die beste aller Welten die Kraft, die diese Umarmung zeitweise aufhebt oder lockert. Aber die Welt verliert deswegen nicht gleich all ihren Glanz, weil es auch Gelegenheiten für Intimitäten und Ausgelassenheit gibt. Für Momente, in denen das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn als außergewöhnliches greifbar wird.

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Für beides, die bangen Situationen und die vergnügteren, beweist Goiginger eine erstaunlich sichere Hand. Die Perspektive des Films ist oft auf den Blick Adrians (Jeremy Miliker) ausgerichtet, wenn dieser aus der Distanz eines Türbogens wieder einmal eine Auseinandersetzung seiner Mutter Helga (Verena Altenberger) mit ihrem Lebensgefährten Günter (Lukas Miko), dem Dealer namens "der Grieche" (Michael Pink) oder anderen Junkie-Kumpels verfolgt. Es ist kein kalter, nüchterner Blick, wie man ihn aus heimischen Spielfilmen bis zum Überdruss kennt, sondern einer der haltlosen Empathie. Wenn geschrien wird, dann meist auch aus Verzweiflung über die eigenen Unzulänglichkeiten.

Keine Scheu vor Nachdruck

Gerade in diesen zugespitzten Momenten muss ein Film überzeugen, will er seine melodramatische Wucht bewahren. Das gelingt auch durch eine Schauspielführung, die keine Scheu vor starkem Nachdruck hat und zugleich stimmige Milieuakzente setzt, nicht zuletzt durch den Dialekt samt freizügigem Gebrauch von Schimpfwörtern.

Die Wohnung in Salzburg, die nur in Notfällen eilig aufgeräumt wird, wenn "seelenlose" Fürsorgebeamte erscheinen, ist der zentrale Schauplatz des Films. Ein offenes Haus, in dem ein beständiges Kommen und Gehen herrscht, selbst über den Balkon, und in das schon deshalb kein sicherer Rückzug möglich ist. Selbst auf Adrians Geburtstagsparty finden sich ungeladene Gäste, die neben den properen Eltern einer Freundin besonders auffällig abgehalftert wirken.

So eng die Verhältnisse mitunter erscheinen – bis zur Fahrlässigkeit wird Adrian dabei immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen -, so sehr wird der lose Familienverbund auch seiner kindlichen Neigung zum Abenteuertum gerecht. Goiginger hält die Ambiguitäten aufrecht, wenngleich eine Fantasieebene, auf der sich der Bub wahlweise als Abenteurer entwirft oder gegen Dämonen kämpft, stilistisch etwas mit dem Rest des Films bricht.

Die andere Hauptrolle gehört der von Verena Altenberger mit großer Empfindsamkeit verkörperten Mutter, die das eigene Ausgeliefertsein an die Sucht irgendwann nicht mehr erträgt. Bis es so weit kommt, kann man sich von ihrem meist wortlosen Kampf, der immer wieder in sich zusammenfällt, bewegen lassen. (Dominik Kamalzadeh, 6.9.2017)

Ab 8.9. im Kino