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KZ-Arzt Josef Mengele entkam dem Mossad mindestens zwei Mal

6. September 2017, 09:38

90-jähriger Eichmann-Jäger Rafi Eitan schildert im israelischen Radio die Mossad-Jagd nach Mengele.

Jerusalem – Josef Mengele gilt als einer der skrupellosesten Mediziner im Nazi-Regime. Im Vernichtungslager Auschwitz ermordete er im Rahmen von Experimenten zahllose Menschen. Zu seinen Spezialgebieten gehörten Infektionsversuche mit Typhusbakterien an eineiigen Zwillingen. Er amputierte ihnen Glieder, schnitt ihnen Organe aus dem Körper oder erschoss sie, um Krankheitsherde besser beobachten zu können.

Vor Gericht gestellt wurde der Massenmörder allerdings nie. Er konnte sich nach Südamerika absetzen, wo er 1979 starb. Dabei war es einige Male denkbar knapp: Dem israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad sei Mengele nach Angaben eines seiner ehemaligen Agenten mindestens zwei Mal durch die Lappen gegangen.

Rafi Eitan, der 1960 den Einsatz zur Festnahme des NS-Verbrechers Adolf Eichmann in Argentinien leitete, sagte am Dienstag im israelischen Radio: "Zur Zeit, als wir Eichmann festnahmen, lebte Mengele in Buenos Aires. Wir machten seine Wohnung ausfindig und observierten sie."

Der damalige Geheimdienstchef Isser Harel habe gewünscht, dass das Mossad-Team außer Eichmann auch Mengele ergreife. Er, Eitan, habe jedoch dagegen argumentiert. "Ich wollte nicht zwei Operationen gleichzeitig abwickeln. Denn wir hatten eine erfolgreiche Operation in der Tasche, und wenn Du versuchst, eine zweite vorzunehmen, gefährdest Du meiner Erfahrung nach beide."

Flucht aus Buenos Aires

Als Kompromisslösung blieb Eitan zur Überwachung Mengeles in Argentinien, während die übrigen Mitglieder des Mossad-Teams Eichmann mit einer El-Al-Maschine nach Israel brachten. "Mengele war nicht zu Hause, und die Nachbarn sagten, er werde in einer Woche zurück sein", sagte Eitan. "Wir warteten eine Woche, doch in der Zwischenzeit ging die Nachricht von seiner (Eichmanns) Gefangennahme um die Welt, und Mengele kehrte nie in seine Wohnung in Buenos Aires zurück.

Eitan fügte hinzu, dass Mengele dem Mossad erneut entwischte, als dieser ihn Ende 1962 auf einer Farm in der Nähe von Sao Paulo in Brasilien aufspürte. Doch Harel sei Anfang 1963 als Mossad-Chef zurückgetreten, und seine Nachfolger hätten einem Einsatz gegen Mengele nicht zugestimmt, weil sie weltweit andere Prioritäten gehabt hätten.

Dossier über Mossad-Jagd nach Mengele

Der heute 90-jährige Eitan äußerte sich, nachdem der Mossad die Unterlagen über die Geheimdienstoperationen gegen den "Todesengel von Auschwitz" genannten Mengele freigegeben haben dürfte. Die israelische Zeitung "Jediot Achronot" kündigte für Freitag ein entsprechendes Dossier an, wie es am Dienstag auf der Internetseite "ynet" des Verlages hieß. Der Mossad äußerte sich zunächst nicht dazu.

Teilte Menschen den Gaskammern zu

Mengele war im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an der Selektion der neu ankommenden Häftlinge beteiligt und schickte diejenigen, die nicht für die Zwangsarbeit geeignet schienen, in die Gaskammern. Der für seine grausamen medizinischen Experimente berüchtigte KZ-Arzt floh nach dem Zweiten Weltkrieg nach Lateinamerika. Trotz internationaler Fahndung konnte sich der Nazi-Verbrecher zeitlebens einer Gerichtsverhandlung entziehen.

1979 starb er im Alter von 67 Jahren bei einem Badeunfall in Brasilien. Seine in Embu das Artes bei São Paulo beigesetzte Leiche wurde 1985 exhumiert und eindeutig als die sterblichen Überreste Mengeles identifiziert.

Eichmann, der seine Jugend in Linz verbracht hatte, war Protokollführer der Wannseekonferenz vom 20. Jänner 1942, auf der die Vernichtung der europäischen Juden koordiniert wurde. In Israel stand er ab April 1961 neun Monate vor Gericht. Das Todesurteil gegen den Organisator der NS-Judenvernichtung wurde im Mai 1962 vollstreckt. Wesentlich zur Festnahme Eichmanns hatte der legendäre, 2005 in Wien gestorbene Nazi-Verfolger und Holocaust-Überlebende Simon Wiesenthal mit seinen Recherchen beigetragen. (APA, red, 6.9.2017)