Foto: University of Sassari/AFP

Archäologen entdecken versunkene Stadt vor tunesischer Küste

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9. September 2017, 19:00

Neapolis galt im römischen Reich als Fischsaucen-Zentrum, bis es vor 1.700 Jahren durch einen Tsunami vernichtet wurde

Unterwasserarchäologen vermessen Gebäudereste.
foto: university of sassari/afp

Nabeul – In der Antike existierten Dutzende Städte mit dem Namen Neapolis. Die bekannteste unter ihnen ist wohl jene römische Stadt in Kampanien, aus der später Neapel hervorging. Ein anderes Neapolis lag an der nordafrikanischen Küste und war im fünften Jahrhundert vor unserer Zeit von griechischen Kolonisten gegründet worden. Nach einem karthagischen Intermezzo übernahmen dort ab etwa 150 vor unserer Zeitrechnung die Römer die Herrschaft – bis Neapolis rund 500 Jahre später von schweren Erdbeben und einem Tsunami vernichtet wurde.

Beliebtes Garum

Nun haben Unterwasserarchäologen auf dem Meeresgrund vor der heutigen tunesischen Stadt Nabeul die 1.700 Jahre alten Überreste von Neapolis entdeckt. Die Funde umfassen neben gepflasterten Straßen, Monumenten, großen Häusern und regelrechten industriellen Anlagen auch über hundert große Behälter. Die Forscher nehmen an, dass darin von den Römern Garum hergestellt worden war, eine fermentierte Fischsauce, die in der römischen Küche ausgesprochen populär war.

Das Forscherteam um Mounir Fantar vom tunesischen L'Institut national du patrimoine und der italienischen Universität Sassari suchte bereits seit 2010 nach den versunkenen Ruinen von Neapolis. Der aktuelle Durchbruch sei unter anderem guten Wetterbedingungen zu verdanken, berichten die Archäologen.

"Das ist eine wirklich große Entdeckung", erklärt Fantar. "Sie erlaubt uns unter anderem zu belegen, dass Neapolis ein bedeutendes Zentrum für die Herstellung von Garum und Salzfischen war, womöglich sogar das größte im gesamten römischen Reich."

Video: Zusammenfassung der Forschungsergebnisse.
afp news agency

20 Hektar unter dem Meer

Die im Meer versunkenen Überreste erstrecken sich nach bisherigen Untersuchungen über insgesamt 20 Hektar. Die Funde sind nach Ansicht der Wissenschafter vor allem deshalb sehr bedeutend, weil nur wenige schriftliche Berichte über die Stadt und ihren Untergang überliefert sind.

Bekannt ist vor allem der römische Historiker Ammianus Marcellinus, der in seinem Werk "Res Gestae" festhielt, dass Neapolis am 21. Juli 365 von einem Beben erschüttert wurde. Ein nachfolgender Tsunami soll die Stadt schließlich vollends zerstört haben. Die bisherigen Untersuchungen lassen den Schluss zu, dass Marcellin die Ereignisse korrekt wiedergegeben hat und Neapolis tatsächlich vollständig überschwemmt worden war.

Demnach dürfte das auslösende Seebeben eine Stärke von rund 8,5 gehabt haben. Das Epizentrum lag bei Kreta, das von der Katastrophe schwer getroffen wurde. Doch auch in Alexandria in Ägypten gab es große Schäden, ebenso wie in Teilen von Griechenland, Zypern, Sizilien, Spanien und Nordafrika. (tberg, 9.9.2017)