Foto: Ars Electronica

Ars Electronica: Vom Wachstum und einem rhythmischen Klassenzimmer

7. September 2017, 17:13

Ungebrochen ist der charmante Spirit, die Technologien am Krawattel zu packen, um sie zu hinterfragen und umzudeuten, auch in der 31. Auflage des Ars Electronica Festivals. Man hat aber auch das Gefühl, vieles schon gesehen zu haben

Linz – Zum dritten Mal wird 2017 das ehemalige Postverteilerzentrum am Linzer Hauptbahnhof zur "Postcity" und damit zu einem Herzstück des Ars-Electronica-Festivals. Und zum dritten Mal muss man sagen: da haben sich zwei gefunden! Gar vorzüglich eignen sich diese Hallen mit ihren Paketrutschen, aber auch der dunkle Keller für das, was hier geboten wird. Ob es sich um malende Roboter handelt, um Synthesizer, die per Blut Sound erzeugen, oder um Hauberln, die je nach Gehirnaktivität des Trägers blinken und die Form verändern.

Doch ja, abermals beschleicht einen auch das Gefühl, vieles schon einmal gesehen zu haben. Das stimmt freilich nur bedingt, denn einiges ändert sich ja doch, etwa das Festivalthema. "Künstliche Intelligenz – das andere Ich" lautet es 2017. Nachgegangen wird ihm etwa im Diskursprogramm der "Ars". Als Besucher der Ausstellungen kann man soziopolitischen, aber auch ethischen Fragen vor lauter ästhetischen Genüssen auch gut entrinnen. Etwa beim Bestaunen der ebenfalls neuen Gallery Spaces, in denen digitale Kunst – von Tel Aviv bis Buenos Aires – zu sehen ist: Spannend, aber ans Festivalthema nur lose gebunden.

Die Grenzen des Menschenmöglichen

Eingerichtet wurden die Gallery Spaces auf 2.000 Extra-Quadratmetern in der Postcity. Denn ja, gewachsen ist "die Ars" auch wieder. 1.050 Protagonisten sind heuer am Werk, hieß es auf einer Pressekonferenz. Und in der Begegnung mit diesen Künstlern, Forschern, Hackern und dem Spirit, mit dem sie die modernen Technologien am Krawattel packen, liegt ziemlich viel vom Charme der Ars. Nur schade, dass, wer 1.050 durch fünf dividiert – so viele Tage dauert das Festival – auch rasch die Grenzen des Menschenmöglichen spürt.

Was im Übrigen aber auch wieder gut sein könnte, denn: die Situation des Menschlichen gegenüber dem Maschinellen herauszuarbeiten, dies ist das Ziel der Ausstellung Point Zero in der Postcity. Die Spiritualität im digitalen Zeitalter möchte hier etwa die Arbeit A.(I.) Messianic Window von Theresa Reimann-Dubbers ins Visier nehmen: Die Künstlerin speiste einen Computer mit Messias-Darstellungen, ein Algorithmus entwickelte daraus dann seine eigenen Interpretationen, die nun zu einer Art Buntglasfenster zusammengesetzt sind. Dass damit auch die Tendenz hinterfragt werden soll, sich künstlicher Intelligenz mit alten Weltanschauungen zu nähern, erschließt sich allenfalls auf den zweiten Blick.

Innige Begegnungen

Dass mitunter der zwischenmenschliche Umgang maschinelle Züge annehmen kann, darum geht es in Reading Plan von Lien-Cheng Wang: Der Künstler richtete ein Klassenzimmer aus geometrisch angeordneten Robotern ein, die rhythmisch Buchseiten umblättern, während gespenstische Kinder-Sprechchöre erklingen. Gemünzt ist diese doch berückende, in einem Kellerraum installierte Arbeit auf das kreativitätsfeindliche Schulsystem in Taiwan.

Einnehmend auch eine Arbeit Amy Karles: In einem Tank ruht eine Hand, bestehend aus einer Art gelben Gelees. Tatsächlich hat Karle hier – in einer großangelegten Kooperation mit der Wissenschaft – den 3-D-Druck eines Handknochens mit menschlichen Stammzellen versetzt, die nun ihrem unkontrollierbaren Wachstum nachgehen, während wir, so verstört wie fasziniert, einmal mehr über unsere Natur und unser Inneres nachdenken dürfen.

Und apropos Inneres: Neu ist in der Postcity auch ein Raum, der erst ab 18 Jahren zugänglich ist. Die Schau Artificial Intimacy darin befasst sich die sich mit Fragen der Sexualität im hochtechnologisierten Zeitalter. Zu sehen sind etwa mechanisierte Aufsätze fürs Handy, mit denen Küsse übertragen werden können, aber auch eine Sexpuppe, die auf Knopfdruck in Verzückung versetzt werden will. Irgendwie hört man dann aber doch lieber einer Installation im Keller beim Atmen zu: einige Orgelpfeifen sind mit einem Beatmungsgerät verbunden, auf dass ein Requiem Brahms’ sanft dem Maschinenrhythmus unterworfen werde. (Roman Gerold, 7.9.2017)