Markus Schopp: "Roby war ein Genie"

Interview |
8. September 2017, 10:00

Als er ging, applaudierten 80.000 im Giuseppe-Meazza-Stadion. Roberto Baggio beendete seine Karriere bei Brescia Calcio und bescherte dem Provinzklub eine kleine Erfolgsserie. Im Interview spricht Teamkollege Markus Schopp über den Mann, der immer wusste, was zu tun ist

Brescia liegt auf dem Weg. Wer in die norditalienische Kleinstadt kommt, will danach oft in die Metropole Mailand. Oder kommt von dort zurück. Roberto Baggio machte es wie so viele Menschen auf der Autobahn A4. Nach zwei mäßig erfolgreichen Jahren bei Inter stoppte er im Sommer 2000 aus Mailand kommend in Brescia. Dort spielte er bis zu seinem Karriereende 2004. Drei Jahre war der Grazer Markus Schopp dort sein Mitspieler, der vom SK Sturm nach Italien gewechselt war.

ballesterer: In welcher Situation befand sich Brescia, als Sie 2001 zum Klub gestoßen sind?

Markus Schopp: Brescia hatte gerade das Intertoto-Cup-Finale gegen Paris Saint-Germain verloren. Damals waren rund um Präsident Luigi Corioni viele ambitionierte Leute am Werk. Sein Plan war es, Brescia kontinuierlich in der Serie A zu halten. Dafür hat er Roberto Baggio geholt, der unbedingt in der Nähe seiner Familie in Norditalien bleiben wollte. Damit hat ein Erfolgskapitel begonnen. Gleichzeitig mit mir sind auch Luca Toni als teuerster Transfer der Klubgeschichte und Pep Guardiola gekommen. Der Verein wollte sich als Provinzklub mit Blick nach oben positionieren.

ballesterer: Ist das gelungen?

Schopp: Die erste Saison war schwierig, weil Baggio sich verletzt und deshalb im Stürmerduo mit Toni gefehlt hat. Er war der ideale Partner für einen großen Stürmer. Darauf hatte Trainer Carlo Mazzone gesetzt. Da auch Toni die erste Saisonhälfte verletzt war, haben wir Probleme gehabt. Zudem ist unser Kollege Vittorio Mero bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Trotzdem haben wir die Klasse gehalten. Danach ist der Kader mit Spielern wie Igli Tare weiter ausgebaut worden.

ballesterer: In der Saison 2001/02 ist landesweit diskutiert worden, ob Baggio für die WM 2002 in Japan und Südkorea nominiert werden sollte. Das war sein großes Ziel. Wie haben Sie das erlebt?

Schopp: Nach zwei kleineren Verletzungen ist ihm im Jänner im Cuphalbfinale gegen Parma das Kreuzband im linken Knie gerissen. Zusätzlich hat er sich am Meniskus verletzt. Keiner hat gewusst, wann und ob er wieder zurückkommen würde. Umso emotionaler war dann seine plötzliche Rückkehr nach nur drei Monaten zum Abschlusstraining vor der Partie gegen Fiorentina. Mazzone hat ihn im Spiel dann auch eingewechselt. Er hat Toni ein Tor aufgelegt und eines selbst geschossen.

ballesterer: Wie haben die Medien reagiert?

Schopp: Sie haben extremen Druck auf Teamchef Giovanni Trapattoni gemacht, ihn zur WM mitzunehmen. Mit jedem Tor ist der Druck gestiegen. Im ganzen Land wollten die Leute ihn dabeihaben. Es wäre sein letztes großes Turnier gewesen.

ballesterer: Wie erklären Sie jemandem, der Baggio nicht spielen gesehen hat, seine Bedeutung?

Schopp: Heute würde ich ihn mit Lionel Messi vergleichen. Er hat durch seine Intelligenz und seinen Spielwitz bis zum Ende Partien entschieden. Das alles mit nur einem gesunden Knie. Sein rechtes Knie ist die ganze Woche therapiert worden. Er hat einen eigenen Fitnesstross gehabt, der ihn permanent betreut hat. Dadurch hat er relativ selten am Mannschaftstraining teilgenommen.

ballesterer: Wie sehr haben ihn seine Verletzungen behindert?

Schopp: Mit zwei gesunden Knien wäre seine Bilanz wesentlich erfolgreicher ausgefallen. Trotzdem zählt er zu den besten Fußballern Italiens und hat bei den größten Vereinen gespielt. Ich durfte mit sehr vielen guten Spielern spielen, doch er sticht sie alle aus. Auch durch seine Fähigkeit, im entscheidenden Moment zu funktionieren und sein Genie aufblitzen zu lassen. Ich bin dankbar, ihn hautnah erlebt haben zu dürfen.

ballesterer: Wie war das Zusammenspiel organisiert?

Schopp: Wir haben ein einfaches Konzept gehabt: Vor einer Dreierabwehr haben wir in einem laufstarken Fünfermittelfeld gespielt, Baggio war die Verbindung zur Spitze, vorne ist dann der Turm im Sturm gestanden. Das war Luca Toni oder Igli Tare, die mussten nur in der Box präsent sein. Roby hat ihnen die Bälle serviert, oder sie haben auf ihn zurückprallen lassen. Er konnte keinen laufstarken Zehner mehr spielen. Außerdem war er kein Zampano auf dem Platz, diese Rolle hatte Pep Guardiola inne. Roby hat immer gewusst, was zu tun war. Nach meinen Jahren als Trainer weiß ich, wie selten so jemand ist. Er war ein Genie.

ballesterer: Wie war er als Kollege?

Schopp: Er ist kein Typ, der auf die Pauke haut, hat aber einen super Schmäh. Er hat gewusst, dass er den Unterschied ausmacht. Dennoch habe ich das Gefühl gehabt, dass er es genossen hat, normal zu bleiben. Sein buddhistischer Glaube war wahrscheinlich ein wichtiger Anker: Er wirkte demütig und ruhig und war sich bewusst, dass er extrem viel investieren muss, um zu funktionieren.

ballesterer: Haben Sie seine täglichen Gebetsrituale mitbekommen?

Schopp: Ja, schon. Ich hatte ein enges Verhältnis zu seinem Fitnesscoach und habe direkt mitbekommen, wie strukturiert und fokussiert er seinen Alltag bestritten hat. Das war damals nicht so üblich. Andere talentierte Spieler haben geglaubt, das nicht nötig zu haben. Er hat aber aufgrund seiner Verletzungen immer schon viel an sich arbeiten müssen. Er war ein Vorbild, das massiv nachwirkt – auch in meinem Trainerdenken. Es geht darum, solche Talente zu erkennen und sie nicht in ein Schema zu pressen.

ballesterer: Hat Carlo Mazzone dafür ein Händchen gehabt? Mit anderen Trainern hat sich Baggio öfters zerstritten.

Schopp: Mazzone hat kleinere Mannschaften trainiert und einen einfachen Fußball spielen lassen. Trainer bei Topvereinen stehen unter einem gewaltigen Druck. Sie haben große Kader und eine präzise Spielidee. Bei Baggio war es aber entscheidend, sich auf ihn einzustellen. In der Arbeit gegen den Ball und der Rückwärtsbewegung hatte er keine Topwerte, trotzdem konnte er Spiele entscheiden.

ballesterer: Wie hat er reagiert, wenn er diese Aufmerksamkeit nicht bekommen hat?

Schopp: Ich glaube nicht, dass sich Roby bei irgendeinem Trainer hängenlassen hat. Er hat ja auch Inter mit zwei Toren ins Viertelfinale der Champions League geschossen. Zu Brescia ist er gegangen, weil er Spielzeit wollte. Mazzone hat ihm in den Anbahnungsgesprächen signalisiert: "Roby, du bist mein Mann, wir werden das Spiel komplett auf dich ausrichten." Das hätte ihm ein Trainer bei einem Topverein nicht garantieren können, denn wenn der dreimal verliert, ist er weg. In Brescia ist der Ansatz aufgegangen. Das Stadion war seinetwegen bummvoll.

ballesterer: Baggio hat Mazzone als einen seiner Lieblingstrainer bezeichnet. War er so väterlich, wie er in Interviews herüberkommt?

Schopp: Carletto Mazzone ist eine wirkliche Persönlichkeit, ein Römer vom Feinsten. Die ganze Woche war er der umgängliche Mazzone, am Matchtag war er eine andere Person. Sein Kopf war nur mehr auf das Spiel ausgerichtet. Er hat genau gewusst, wie er die Spieler rund um Baggio platzieren muss. Er hat von uns präzise, sehr fordernde Dinge verlangt und uns damit gut auf jeden Gegner eingestellt. Die Spiele unter ihm waren alle knapp, wir waren nie klar unterlegen. Einmal haben wir Juventus zu Hause 2:0 geschlagen.

ballesterer: Wie haben Sie Baggios Abschiedsspiel gegen Milan im Giuseppe-Meazza-Stadion 2004 erlebt?

Schopp: Die ganze Woche war sehr emotional, die Fans haben die Trainingseinheiten besucht, um ihm ihre Zuneigung zu zeigen. Beim Spiel ist er dann gegen Ende ausgetauscht worden, das ganze Stadion ist gestanden und hat applaudiert, die Milan-Spieler haben für ihn ein Spalier gebildet. Das war der Lohn seiner harten Arbeit. Er hatte in ganz Italien einen guten Ruf, außer vielleicht bei Juventus. Auch im tiefsten Süden waren die Leute von ihm begeistert.

ballesterer: Warum war er trotz vieler Vereinswechsel so beliebt?

Schopp: Die Menschen haben seine Leidenschaft gespürt. Er ist nach vielen Verletzungen immer wieder aufgestanden. Solche körperlichen Niederlagen oder sportliche wie der verschossene Elfmeter bei der WM 1994 haben ihn stärker gemacht. Das berührt die Menschen. Neben seinen 220 Toren in der Serie A. (Martin Schreiner, 8.9.2017)

Markus Schopp (43) ist Trainer und Spielanalytiker. Als Fußballer spielte er im rechten Mittelfeld beim SK Sturm, dem Hamburger SV, Brescia und den Red-Bull-Filialen in Salzburg und New York. Zuletzt arbeitete er sechs Jahre als Entwicklungstrainer beim SK Sturm.