Foto: Michael Hausenblas

"Scherbengericht": Letzte Ausfahrt Triest

10. September 2017, 16:00

Veit Heinichens neuer Laurenti-Krimi thematisiert Flüchtlingselend und verrottete Eliten

Aficionados von Veit Heinichens Triest-Krimis schätzen u. a. die charakteristische Mischung aus politisch-ökonomischem Verbrechertum und gastronomisch betonter Stadtromantik. So abstoßend die umfassenden kriminellen Machinationen aus Sparten wie Menschenhandel, Waffen, Drogen, Geldwäsche und Kunstraub auch waren – die Leser wurden durch die kulinarische Gegenwelt von Branzino, Malvasia und Triestiner Kaffee reichlich entschädigt.

Damit ist mit diesem Roman Schluss. Folge zehn der Serie zieht ein schlimmes Resümee der 17-jährigen Entwicklung seit dem Amtsantritt Proteo Laurentis als Commissario. Die Leichtigkeit der Jahrtausendwende ist verflogen, und die sinnlich betörende kompensatorische Welt von Wein und Fisch, Karst und Meer rückt auf in den problemverheißenden Romantitel, das "Scherbengericht", in dem selbst der nimmersatte Protagonist den Appetit verliert.

Diesem Roman scheint zunächst ein großes, vom Autor ausführlich recherchiertes Thema, wegen dem man einem neuen Heinichen-Roman (mit etwas Unbehagen) entgegensah, zu fehlen. Die Handlung ist zunächst recht simpel: Der 1999 zu Unrecht verurteilte Aristèides, Sohn einer griechischstämmigen Triestiner Prostituierten, kehrt nach 17 Jahren Haft nach Triest zurück.

Rachefeldzug

Sein ungewöhnlicher Rachefeldzug richtet sich gegen eine Gruppe wohletablierter Triestiner Bürger, die sich mit einer falschen Mordanschuldigung gegen ihn verschworen hatten. Angeführt wird diese ausländerfeindliche, im rechten Milieu verankerte Gang von einem korrupten Triestiner Politiker namens Antonio Gasparri, der seine xenophobe Politik zu seinem persönlichen finanziellen Vorteil betreibt.

Aufsehenerregend ist hier weniger das Verbrechen – Gasparri ist ein zurecht eindimensional geschnittener Bösewicht, dem man leider auch in der "Wirklichkeit" begegnet -, sondern die außergewöhnlichen Maßnahmen, mit denen Aristèides mit der rechten Verschwörerbande abrechnet. Der Meisterkoch bricht in die Häuser und Wohnungen seiner Feinde ein, produziert aus dem im Kühschrank zufällig Vorhandenen unwiderstehliche Speisen, die er wahlweise mit Rizinusöl oder gar den sehr gefährlichen Rizinussamen versetzt. Je nach Konstitution und Dosis leiden seine Opfer unter lang dauernden schweren Darmstörungen oder sterben gar.

Unerklärliche Fälle

Laurenti, mit einer Serie zunächst unerklärlicher Fälle konfrontiert, wähnt sich schon als Chef eines "Kommissariats für Gastroenteritis". Als er jedoch im Verlaufe der Untersuchungen auf die Machenschaften des rechten Politikers stößt, der nebenbei eine englische Investorin und Konkurrentin von einem Balkon stürzen lässt, schlägt er sich auf die Seite des Rächers, der eine Riege scheinbar ehrbarer Bürger der Stadt auf entlarvende Weise auf die Toiletten zwingt.

So ergötzlich diese Rache an Teilen der "posthabsburgischen" Triestiner Bourgeoisie auch erscheint, so geht es doch eigentlich um das Tableau des Romans, um die Tausenden von Flüchtlingen, die teils legal, zum Großteil aber illegal in der Stadt leben.

Die feine xenophobe Triestiner Gesellschaft ist zwar selbst migratorischer Herkunft (in der Stadt, so der Roman, versammeln sich Abkömmlinge von 90 Ethnien), aber "das kulturelle Gedächtnis des Menschen erlischt leider bereits nach der dritten Generation".

Die "Comunità" des Priesters Don Alfredo, der diesen Ärmsten der Armen hilft, ist die positive Gegenwelt zur diarrhöischen Führungsschicht der Stadt, und auch für sie kocht der Meisterkoch Aristèides, der schon im Gefängnis seine Mitgefangenen versorgte und sie sogar zu Gesellen ausbildete.

Feine Gesellschaft

Er arbeitet mit allen möglichen, von mehr oder weniger wohltätigen Spendern erbettelten Zutaten; mit bestechender Einfachheit zaubert er aus Produkten kurz vor und nach dem Verfallsdatum Speisen, die den verzweifelten Menschen neuen Mut geben. So überwindet Laurenti zu guter Letzt doch seine Appetitlosigkeit. Als Aristèides und ein pakistanischer Kollege ein Restaurant eröffnen, das Einfachheit mit Qualität verbindet und sich gastronomisch-kulturellen Festlegungen verweigert, ist er einer der ersten Gäste; eine Neuauflage der kulinarischen Vision früherer Romane unter einem anderen Vorzeichen.

Wieder einmal, Heinichen ist immer für Überraschungen gut, beschränkt er sich an einem kritischen Punkt – der nun endlich ins Zentrum des politischen Diskurses gerückten italienischen "Flüchtlingskrise" – nicht auf einen moralisierenden Kommentar, sondern legt gleich einen ganzen Kriminalroman zu diesem höchst dringlichen Thema vor.

Dass dabei neben Italien ganz Europa an den Pranger gestellt wird, ist deutlich. Das angeklagte Triestiner Bürgertum hat beste Kontakte in die "unzähligen Kärntner Puffs" (ein großer "FKK-Saunaclub" wird sogar per Namen genannt; in Bad Kleinkirchheim wird Triestiner "Schwarzgeld" in Immobilien angelegt).

Die abenteuerlichen Recherchen Laurentis und seiner Kolleginnen laden zur Überprüfung des Bildes der Region Alpe-Adria und des Selbstbildes ganz Europas ein. Das politische Thema erhält im Krimi erhöhte Brisanz. Es überrascht nicht, dass Heinichen und sein Proteo Laurenti wieder einmal vorne dabei sind. (Walter Grünzweig, 9.9.2017)

Veit Heinichen, "Scherbengericht. Commissario Laurenti vergeht der Appetit". € 20,60 / 331 Seiten. Piper, 2017

Der Autor ist demnächst in Österreich auf Lesereise: z. B. am 21. 9. in Graz und am 29. 9. in Salzburg