Foto: Heribert Corn

Haus der Geschichte Niederösterreich: Kaiserrock, Dollfußbild und Staatsvertrag

9. September 2017, 09:00

2018 feiert Österreich 100 Jahre Republiksgründung. In St. Pölten wird schon jetzt ein Haus der Geschichte samt Sonderausstellung zur Ersten Republik eröffnet. Der Bund baut in Wien an einem eigenen Haus. Ein Wettstreit, der für sich allein viel über dieses Land aussagt

Dem jahrzehntelangen Gezerre rund um die Errichtung eines Hauses der Geschichte wird man vielleicht einmal ein eigenes Museum widmen können. Zwei Politiker, die nicht mehr im Amt sind, hätten darin ihre prominenten Plätze sicher. Das 100-Jahr-Republiksjubiläum vor Augen, traten 2014 Ex-Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) und Niederösterreichs Ex-Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) in einen inoffiziellen Wettstreit ein: Wem würde wohl das bessere, relevantere Geschichtsmuseum gelingen?

Beide brachten ihre Historiker in Stellung, die wiederum dutzende Experten um sich scharten. Oliver Rathkolb fiel die undankbare Aufgabe zu, im dichten Sammlungsgewirr der Neuen Burg am Heldenplatz Raum für das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) zu schaffen. Zeit- und Kostenplan, aber auch inhaltliche Vorhaben sind in dem K.-u.-k.-Bau nicht leicht zu stemmen. Zumindest eine Republiksausstellung soll es ab Ende November 2018 geben.

"Kernland" Niederösterreich

Kollege Stefan Karner fand in Niederösterreich, museologisch gesehen, bessere Bedingungen vor. Pröll ließ die Kunstsammlung des Landes von St. Pölten nach Krems übersiedeln, wodurch im Landesmuseum, nunmehr Museum Niederösterreich, bestens bespielbare Räume für die Geschichte frei wurden. Fast doppelt so groß (3000 Quadratmeter) und offiziell dreimal so günstig (drei Millionen) wie das Wiener Projekt sollte sich das Haus der Geschichte Niederösterreich (HGNÖ) präsentieren.

Auch inhaltlich gibt es Unterschiede: Während in Wien Geschichte ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu sehen sein soll, wird in St. Pölten ein Bogen von den ersten menschlichen Siedlungen im heutigen Niederösterreich bis in die Gegenwart gespannt. Als "Kernland Österreichs" will Niederösterreich dabei die gesamtstaatliche Geschichte im zentraleuropäischen Raum gewissermaßen miterzählen.

Was überambitioniert klingt, ist tatsächlich gut gelungen. Am Sonntag eröffnet das neue Haus mitsamt einer Sonderausstellung zur Ersten Republik. Etwa eineinhalb Stunden Aufmerksamkeit sollte man für einen Rundgang mitbringen; und womöglich eine Jahreskarte (15 Euro) dem doch gesalzenen Einmalbesuch (zehn Euro) vorziehen. Häppchenweises Anschauen könnte lohnen.

Thematische Längsschnitte

Die Dauerausstellung folgt nämlich weniger einer durchgehenden chronologischen Erzählung, sie ist nach Themen geordnet, die in sich zeitliche Längsschnitte bieten sollen. So ist es möglich, sich in einer Ecke mit den Themen Migration, Flucht und Abschottung von den Völkerwanderungen bis zur Gegenwart vorzuarbeiten. In elf derartige "Cluster" hat man die Ausstellung unterteilt, darunter Themen wie Herrschaft, Religion, Wirtschaft und Technik, Wissenschaft und Kultur.

In vier schallgedämmten Diskussionsforen direkt in der Ausstellung soll Vermittlung passieren, ein kleiner Parlamentsnachbau und Wahlkabinen (inklusive Pannenwahlkuverts von 2016) bringen das Thema Demokratie nahe. Ausgewogen gelingt auch der Balanceakt zwischen Texttafel und Objekt, über 2000 Exponate sollen zu sehen sein.

Von rar bis kurios reichen die Stücke: der Erstdruck einer Lutherbibel, das Schachbrett Karl Renners oder ein Sparsarg mit Bodenklappe aus der Zeit Josephs II. Aus der vom Land um nicht weniger als 2,6 Millionen Euro angekauften Habsburgsammlung von Mario Plachutta ist allerdings nicht allzu viel zu sehen: Der militärisch geschnittene Morgenrock Franz Josephs I. ("Bonjourl"), der von der "schwindenden Macht des Kaisers" zeugen soll, gehört da noch zum Interessantesten.

Im ersten Stock gelangt man über die Industrialisierung und eine aufgrund der Platzverhältnisse sehr reduzierte Darstellung des Ersten Weltkriegs zur autoritären Wende Zentraleuropas in den 1930er-Jahren – inklusive der vieldiskutierten christlichsozialen "Ständestaat" -Diktatur. Bei der NS-Zeit folgt man weniger einer linearen Erzählung des Kriegsverlaufs, sondern versucht, die Mechanismen der NS-Herrschaft bloßzulegen: von Propaganda und Lebensborn bis hin zur perversen Logistik der Konzentrationslager.

Zwei langgezogene Korridore sind der Zeit nach 1945 gewidmet. Zu sehen gibt es das einzige vollständige Faksimile des Staatsvertrags. Darüber hängend das Originalgemälde der Unterzeichnung im Belvedere von Sergius Pauser. Es erzählt eine Geschichte für sich, wurde es doch von Auftraggeber Julius Raab abgelehnt, weil diesem der impressionistische Strich des Bildes missfiel. Der Künstler Robert Fuchs musste eine realistischere Version anfertigen, bei der auch die Gesichter deutlicher zu erkennen sind.

Pröll im Museum

Gut und mehrfach erkennbar ist auch – und daran könnten sich vielleicht einige stoßen – Museumsinitiator Erwin Pröll. Über dem Mantel, den ÖVP-Außenminister Alois Mock beim Durchschneiden des Eisernen Vorhangs getragen hat, ist nicht etwa groß das fraglos zur Ikone gewordene dazugehörige Foto abgedruckt, sondern ein glücklicher Noch-nicht-Landeshauptmann mit Tschechen-Fähnchen. Politische Einflussnahme habe es aber garantiert keine gegeben, versichert Historiker Karner. Er wird noch bis Jahresende als Gründungsdirektor fungieren. Die neue Leitung wurde bereits ausgeschrieben.

Viel Wert auf politische Neutralität wurde jedenfalls in der imposanten Schwerpunktausstellung zur Ersten Republik gelegt. Detailliert und vielschichtig wird hier das sensible Thema "Ständestaat" abgearbeitet, die Debatte um den Begriff "Austrofaschismus" von allen Seiten beleuchtet. Zum Beispiel in Form von Zitaten aus Wissenschaft und Politik, die sich rund um das heiß umstrittene Porträt von Diktator und Nazi-Opfer Engelbert Dollfuß gruppieren. Das Bild hing bis zuletzt im ÖVP-Parlamentsklub. Anlässlich des Parlamentsumbaus wurde es abgehängt und als Leihgabe mit noch unklarer Dauer hierher verbracht.

Erschreckend, aber ungemein pointiert erklären die Wahlplakate der Zwischenkriegszeit die Feindseligkeit zwischen den politischen Lagern. Derart radikales Negative Campaigning hielt man für überwunden. Im Internet kehrt es heute teilweise zurück.

Ausgleich nach 1945

Die weltanschauliche Unversöhnbarkeit der drei politischen Lager (Sozialdemokraten, Christlichsoziale, Deutschnationale) war es, die die Erste Republik hat scheitern lassen. Dass es nach 1945 funktionieren sollte, lag nicht zuletzt am Ausgleich durch die Sozialpartner. Wer das bedenkt, wird aktuelle Tendenzen zu deren Zurückdrängung vielleicht mit anderen Augen sehen. Und nicht zuletzt erklärt sich wohl auch die Tatsache, dass Österreich ab November 2018 gleich zwei Museen mit bundesrepublikanischem Anspruch haben wird, aus seiner – richtig – Geschichte. (Stefan Weiss, 9.9.2017)

Verzwickt: Das Haus der Geschichte des Bundes

Seit mindestens 30 Jahren wurde in Österreich in verschiedenen Regierungskonstellationen über ein zentrales Museum zur Landesgeschichte nachgedacht. Doch immer wieder versandete die Diskussion in Planspielen und Standortdebatten. Und auch in ihren Geschichtsinterpretationen schienen sich SPÖ und ÖVP samt zuordenbaren Historikern lange nicht auf ein akzeptables Narrativ zur Zeit des semifaschistischen "Ständestaats" unter Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg einigen zu können. Diesbezüglich ist das Entweder-oder einem Weder-noch gewichen. Beide Erzählungen werden heute relativiert betrachtet.

Einen Standort für ein Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) legte schließlich Ex-Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) fest: In der Neuen Burg am Heldenplatz, dem zentralen Gedächtnisort des Landes, soll es realisiert werden. Da in dem Habsburg-Bau großes Gedränge mit anderen Sammlungen herrscht (u. a. Weltmuseum), war das von Anfang an umstritten. Dennoch: 2015 präsentierten SP und VP gemeinsam ein unter der Federführung des Zeithistorikers Oliver Rathkolb erstelltes Konzept. Vorgesehen war eine Schau von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart auf einer Fläche von 3000 Quadratmetern.

Dann kam die Regierungsumbildung, und Ostermayers Nachfolger Thomas Drozda (SPÖ) verkleinerte die Pläne: 1800 Quadratmeter sollen statt der ursprünglich geschätzten 30 Millionen nur zehn Millionen Euro kosten. Mit diesem "Provisorium" will der Minister zumindest den Termin für eine Republiksausstellung ab 12. November halten können. Direktorin Monika Sommer und ihr Team arbeiten dafür auf Hochtouren. Die Politik liebäugelt indes schon wieder mit einem Neubau.

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