Erste Republik: Die Staatsform, die niemand lieben wollte

9. September 2017, 09:10

Anton Pelinka untersucht in seinem neuen Buch "Die gescheiterte Republik" die politische Kultur in Österreichs erstem demokratischen Staatsversuch

Wer oder was ließ Österreichs ersten demokratischen Versuch scheitern? Dieser Frage geht der Politikwissenschafter Anton Pelinka in seinem neuen Buch Die gescheiterte Republik – Kultur und Politik in Österreich 1918-1938 nach. Herausgekommen ist ein spannend zu lesendes Werk, das schon jetzt als Beitrag zum Gedenkjahr 2018 erscheint und einen tiefen Einblick in die Gesellschaft jener Zeit ermöglicht.

"Zwischen 1918 und 1938 bestand die herrschende politische Kultur in Österreich nur aus dem Neben- und mehr noch Gegeneinander der politischen Kulturen der Lager", lautet nur einer jener resümierenden Merksätze, die Pelinka in sein Buch streut. Die Redundanz, mit der solche Sätze auftauchen, stört dabei keineswegs. Immer wieder schließt Pelinka historische Kreise, fasst andere, noch treffendere Metaphern, schaut zurück, schaut nach vorn, bietet vernetztes Wissen, ohne eine Grundchronologie preiszugeben.

Aus allen Perspektiven zeichnet er die politischen Lager: die isolierte Sozialdemokratie, die – mit der russischen Oktoberrevolution im Hinterkopf – zunehmend weniger mit dem bigotten, kleinen Österreich anzufangen weiß und ihren Internationalismus im Anschluss an Deutschland sieht. Die Christlichsozialen, die sich Benito Mussolini andienen und beim Versuch, die Nazis zu verhindern, den Schulterschluss mit der verhassten Sozialdemokratie versäumen. Und das deutschnationale Milieu, dessen rabiater Antisemitismus das mit immer noch großen Wissenschaftern gesegnete Land schon vor dem "Anschluss" intellektuell ausbluten ließ.

Pelinka nimmt vor allem auch die Künstler in den Blick. "Joseph Roth und Franz Lehár, Hugo Hofmannsthal und Robert Musil, Stefan Zweig und andere – sie ignorierten die Realität der Republik." Gedanklich hatten sie die Monarchie nie überwunden. "Die Republik war ein Aufbruch von einem Gestern – ohne eine Gemeinsamkeiten begründende Vorstellung von einem Morgen", schreibt Pelinka.

War es also aussichtslos? Nicht unbedingt, meint der Autor. Denn er beschreibt auch die ungenützten Potenziale, die von der Geschichte Übersehenen, mit denen ein demokratischer Staat zu machen gewesen wäre: darunter pazifistische Frauen, den Individualismus verteidigende Liberale (zu denen er auch Karl Kraus zählt) oder verbindend wirkende Linkskatholiken wie Ernst Karl Winter.

In Summe gelingt Pelinka eine Analyse, mit der sich zahlreiche politische Phänomene von heute historisch herleiten lassen. Eine Bereicherung, gerade auch in Wahlzeiten. (Stefan Weiss, 9.9.2017)