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Als Nico Langmann die Lichter aufgingen

11. September 2017, 10:35

Es war eine bittere Niederlage, die Nico Langmann vor einem Jahr bei den Paralympics in Rio einstecken musste. Der Rollstuhltennisspieler kiefelte lange daran und lernte viel. Heute kann er mit seiner Nervosität umgehen, er ist nicht mehr "der Depp, der auf alles drauf haut".

Wien – "Du musst hungrig sein auf den Ball", fordert Trainer Oliver Hagenauer. Sein Schützling Nico Langmann rollt von links nach rechts, von rechts nach links, nach vorne, zurück, schlägt Rückhand, schlägt Vorhand, und manchmal ist er zu spät dran. Die Trainingseinheit auf der Anlage des Tennisclubs Blau-Weiss in Wien-Hietzing neigt sich dem Ende zu. Es ist ein sonniger Spätsommertag. Hagenauer: "23 Grad, perfektes Tenniswetter."

Nico Langmann, 20 Jahre alt, Rollstuhltennisspieler aus Wien, steckt mitten im Aufbau für die Spätsaison. Ab 19. September spielt er sein nächstes Turnier – die Sardinia Open in Alghero. Und die bisherige Saison verlief äußerst positiv. Ein Highlight war der Halbfinaleinzug bei den Austrian Open im August, in Groß-Siegharts im Waldviertel. Im Doppel gewann er das Turnier sogar – an der Seite des Franzosen Nicolas Peifer. "Ich habe davor vier Jahre bei meinem Heimturnier kein Match gewonnen."

Pleite bei den Paralympics

Oft, wenn sich Langmann besonders viel vorgenommen hat, ist es besonders daneben gegangen. So wie bei den Paralympics im September 2016 in Rio de Janeiro. In nur 53 Minuten Spielzeit musste sich Langmann dem Chinesen Dong Shunjiang mit 0:6, 3:6 geschlagen geben.

An das Match, sagt er, hat er wenig Erinnerung. Nur so viel: "Ich war so motiviert, ich war überwältigt, ich war überall gelähmt." Minutenlang saß er nach der Niederlage am Platzrand. "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen." Er brauchte einige Wochen, um die paralympische Enttäuschung zu verarbeiten. "Ich war frustriert und motiviert."

Nicht mehr "der Depp, der auf alles drauf haut"

Und dann kam der November. "Da war der Turning Point. Mir sind einige Lichter aufgegangen." Langmann lernte, mit seiner Nervosität umzugehen. Er lernte, die Dinge umzusetzen, die ihm sein Coach mitgegeben hatte: mit Hirn und mit Plan zu spielen. "Früher war mein Matchplan: ‚Hoffentlich gewinne ich.‘" Er sei "der Depp, der auf alles draufhaut", sagte er dem Standard vor einem Jahr in Rio. "Das bin ich nicht mehr", sagt er heute.

Druckvoll agiere er immer noch, aber sein Spiel sei variabel. Bis auf Platz 20 in der Weltrangliste brachte ihn sein Spiel, derzeit ist er 22. Und das, obwohl viele seiner Kontrahenten nicht wie er querschnittsgelähmt sind.

Tennisprofi und Buchhalter

Langmann ist seit einem Autounfall 1999 – er war damals zwei Jahre alt – querschnittsgelähmt. Als Achtjähriger begann er mit dem Tennis. 25 bis 30 Turniere spielt er mittlerweile im Jahr. Langmann ist Profi, reich wird er nicht von seinem Sport. Sein bisher höchstes Preisgeld: 3000 Euro brutto (1600 netto) heuer beim Turnier in Rom für den Titel im Doppel und das Finale im Einzel. 60.000 Euro kostet ihn eine Saison. Er weiß das genau, die Buchhaltung führt er selbst. Zuletzt bilanzierte er ausgeglichen.

Nico Langmann ist Österreichs bester Rollstuhltennisspieler. Sechs Stunden verbringt er täglich auf dem Platz.
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Abgesehen von Preisgeldern bezieht er Einnahmen von Sponsoren, von der Sporthilfe und vom Bundesheer. Im Oktober des Vorjahres wurden erstmals Behindertensportler ins Heer aufgenommen: der Schwimmer Andreas Onea, der Kanute Markus Mendy Swoboda, der Leichtathlet Günther Matzinger, der Tischtennisspieler Daniel Pauger und eben Langmann.

"Das Bundesheer gibt mir Sicherheit", sagt der Wiener. Jeden Montag um 7.30 Uhr muss er in der Südstadt in Uniform vorstellig werden und seinen Wochenplan bekannt geben.

Ziele: Grand-Slam-Turnier und Paralympics

An einem Grand-Slam-Turnier teilzunehmen, ist Langmanns großes Ziel. Wie bei den Fußgängern sind die Australian Open, die French Open, Wimbledon und die US Open das höchste der Gefühle. Im Rollstuhltennis sind allerdings nur acht Spieler teilnahmeberechtigt. Und natürlich sind die Paralympics 2020 in Tokio ein großes Ziel. Bis dahin will Langmann "jeden Tag das beste herausholen". So wie an diesem Spätsommertag in Wien-Hietzing.

"Zufrieden?", fragt Oliver Hagenauer seinen Schützling am Ende der Trainingseinheit. "Zufrieden", antwortet Langmann, ehe er noch einmal über seine Platzhälfte rollt – mit der Abziehmatte am Rollstuhl. (Birgit Riezinger, 11.9.2017)