Foto: Carol Brown

Ars Electronica: Die Singularität ist ein Kinderspiel

8. September 2017, 16:03

Kunst kommt von Gönnen. Einmal mehr erlebt man bei der heurigen Festival-Ausgabe und ihren Performances die problematische Verschränkung von Industrie und Kreativwirtschaft

Linz – Ein Maximum an Herzigkeit hat die Pariser Choreografin Blanca Li 2013 mit ihrem Stück Robot generiert. Eine Gruppe kleiner "Nao"-Roboter der französischen Firma Aldebaran Robotics wippt sich da in die Herzen des Publikums. Dieser pawlowsche Zusammenfluss von Kindchen-, Tierchen- und Marionettenschema hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Denn Li gibt sich als Eventgestalterin für die Industrie her: Ihre Verbundenheit mit Aldebaran Robotics bei Robot sind auf der Website der Künstlerin vermerkt.

Kunstschaffende, die mit teurer Technik arbeiten, haben wohl keine andere Wahl, als sich ins Feld der Kreativindustrie zu begeben. Auf der Linzer Ars Electronica kann gerade wieder nachgeschaut werden, ob dieser Tapetenwechsel auch der Kunst etwas bringt. Der Test mittels einer Stichprobe aus dem Tanz- und Performanceangebot zum Auftakt am Donnerstag ergab: Der künstlerische "Gewinn" bleibt weiterhin Zukunftsmusik.

Offenbar eignen sich künstlerische Performer nicht als strahlende Präsentatoren für technische Errungenschaften. Die mit der Bindung an Leistungen der Digitalindustrie einhergehende Auflösung der gestalterischen Bewegungsfreiheit erzeugt im Gegenteil sogar eher peinliche Auftritte – wie den von sechs australischen Tänzern in einer Koje des "Future Lab" der Postcity. Gemeinsam mit dem Publikum auf Kupferplatten hüpfen und an Seilen ziehen, was sehr schlichte Klang- und Lichteffekte bewirkt, wird auch dann nicht zur prickelnden Idee, wenn das kindliche Vergnügen SynapSense heißt.

Erbarmungswürdig hilflos

In dem ebenfalls australischen Projekt 1:1 gesteht Jacob Watton, wie wichtig seine Familie für ihn ist. Obwohl dem Tänzer bei dieser Feststellung ein Roboter mit Kindervideos hilft und er nach Hause telefonieren kann, wirkt Watton in seinem choreografischen Sketch erbarmungswürdig hilflos. Dafür aber zeigt er, dass ein Tänzer, dem alles mögliche Equipment umgeschnallt wird, schnell wie ein Ritter von der traurigen Gestalt aussehen kann.

Bei den Eröffnungsperformances spiegelte sich auch der Geist des Festivalthemas Artificial Intelligence nicht wirklich wider. Künstliche Intelligenz (KI) hat ja – wie künstliches Aroma oder In-vitro-Fleisch – etwas Ekliges an sich und wird trotzdem in den Himmel gehypt. Denn KI-Begeisterte warten sehnsüchtig auf die "Singularität" in Form der Ankunft einer selbstlernenden Maschinenintelligenz. Wobei bis dato noch darüber gestritten wird, was Intelligenz überhaupt sein soll. Ein Konflikt, der auch in dem Stück Singularity der neuseeländischen Choreografin Carol Brown Spuren hinterließ.

Browns zusammen mit Uwe Rieger gebastelte Arbeit selbst hat kaum Singuläres an sich. In einem viel zu beengten Raum liefern drei Tänzer Beispiele von Ideen dafür ab, was man mit computergesteuerten Lichtprojektionseffekten und reichlich Theaternebel so alles zaubern kann. Das ist nett, und der Technikaufwand für so viel ausgesprochen Wiedererkennbares hat es offenbar in sich. Aber auch hier ordnet sich die künstlerische Intention ganz klar den Effekten des Programmierens von Maschinen unter.

Abstrakte Strukturen

Spannend wird der Tanz aus der Maschine erst dort sein, wo er algorithmische Dynamiken sichtbar macht. Eine Idee davon gibt Alex Augiers Sound-Licht-Choreografie _nybble_. Der Künstler performt in einer Box aus vier Projektionsschirmen, auf denen die Bewegungen von geräuschgenerierten abstrakten Strukturen geistern. Letztlich wirkt auch das ein bisserl infantil, und so ist's nur konsequent, dass bei der Performance L'Enfant (I-Chun Chen und He-Lin Luo) an das Kind im Erwachsenen appelliert wird. Da kommt immerhin eine kleine Satire gegen das gerade so hippe Anpassertum heraus. (Helmut Ploebst, 7.9.2017)