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Weischenberg: "Wahrheit konstruieren, die eigenen Vorstellungen entspricht"

Interview
10. September 2017, 08:00

Kommunikationswissenschafter über Medienkrieg und Medienkrise, Mateschitz, Trump und Armin Wolf

STANDARD: Wenn es 2017 um "Medienkrieg und Medienkrise" – Titel Ihres neuen Buchs im Springer-Verlag – geht, muss man wohl mit Donald Trump beginnen. Versuchen wir’s positiv: Ist Trump womöglich ein Glücksfall für die Medien? Er lügt so unverfroren, dass er Recherche geradezu provoziert, im Gegensatz zu George W. Bush und den angeblichen Massenvernichtungswaffen des Irak. Und Zuschauerzahlen wie Abonnements steigen markant.

Weischenberg: Trump ist so gesehen jedenfalls ein Glücksfall für die amerikanischen Qualitäts- und Prestigemedien. CNN, "New York Times", "Washington Post" profitieren ökonomisch und journalistisch. Seit sehr langer Zeit gab es nicht so viel Aufmerksamkeit und Stimulation für kritischen Journalismus.

STANDARD: Hätte man vielleicht auch einfacher haben können als mit einem Donald Trump an der Spitze der USA.

Weischenberg: Dort findet gerade ein sehr interessantes Experiment statt, das auch Folgen für Europa haben könnte. Einerseits zur Frage: Können Politiker ohne oder sogar gegen die Medien überleben? Das finden Politiker auch in Deutschland sehr attraktiv. In den USA haben Politiker immer von neuen Medien profitiert. Roosevelt vom Radio, Kennedy vom Fernsehen und Obama vom Internet. Aber sie brauchten immer Unterstützung der Medien. Trump hingegen ist gegen den Widerstand der Medien ins Weiße Haus gekommen.

STANDARD: Ist der Begriff Widerstand nicht zu drastisch?

Weischenberg: Wenn ich etwa CNN sehe, frage ich mich: Können und dürfen Medien in bestimmten Fällen den Pfad der objektiven Berichterstattung verlassen, wenn es einer guten Sache dient?

STANDARD: Womit wir bei diesem Klassiker des Journalismus wären: "Journalisten dürfen sich mit einer Sache nicht gemein machen, auch nicht mit einer guten."

Weischenberg: Das Zitat wird immer dem legendären "Tagesthemen"-Moderator Hans-Joachim Friedrichs zugeschrieben, es stammt aber von dessen journalistischem Lehrmeister Charles Wheeler von der BBC.

STANDARD: Und stimmt der Satz inhaltlich für Sie?

Weischenberg: CNN-Moderatoren wie Wolf Blitzer oder Christiane Amanpour und viele mehr orientieren sich derzeit jedenfalls nicht strikt daran. Man kann fast sagen, die haben das Projekt, nicht nur Donald Trumps Lügen offenzulegen, sondern ihn als Präsident loszuwerden. Das unterscheidet sich von klassischem Nachrichtenjournalismus.

STANDARD: Aufdecken von Unwahrheiten, etwa von Politikern, ist doch eine Grundfunktion von Journalismus.

Weischenberg: Mir geht es um die klassische Trennung von Nachricht und Kommentierung. Diese Trennung wird etwa bei CNN im Moment nicht so genau genommen, weil man es für eine gute Sache hält, Trump schon in der Berichterstattung Schranken aufzuzeigen. Ich sehe gelegentlich die Interviews von Armin Wolf in der "ZiB 2" …

STANDARD: Ihr Befund?

Weischenberg: Ich finde seine Interviewtechnik interessant. Sie weicht ab von den eher zurückweichenden Interviews in Deutschland. Er ist im Grunde genommen jemand, der relativ klare Maßstäbe hat und die im Zweifelsfall auch gegen bestehende statische journalistische Regeln versucht durchzusetzen.

STANDARD: Wolf sagt, er konfrontiert Politiker mit Gegenpositionen. Geht das schon zu weit aus Ihrer Sicht?

Weischenberg: Das würde ich grundsätzlich professionell finden, das spricht für eine neutrale Position. Das ist keine wissenschaftlich fundierte oder systematische Beurteilung, aber mir ist aufgefallen: Er fragt sehr hartnäckig nach. Das ist nach meiner Beobachtung bei Politikern im deutschen Fernsehjournalismus fast unüblich. Außenminister Sigmar Gabriel reagiert regelrecht pampig, wenn in Interviews nachgefasst wird. Mir scheint: Bei Armin Wolf haben sich österreichische Politiker schon daran gewöhnt, dass er nachfragt.

STANDARD: Wolf war aber auch schon mit dem Vorwurf von "Verhörmethoden" konfrontiert.

Weischenberg: Würde man ihm Verhörmethoden nachweisen können, dann wäre das jenseits professionellen Verhaltens. Ich erinnere mich da an ein Interview mit der damaligen FPÖ-Abgeordneten Susanne Winter …

STANDARD: … die Wolf nach einer langen Liste von ausländerfeindlichen, rassistischen, antisemitischen Äußerungen Winters fragte: Was hat jemand wie Sie im Parlament verloren?

Weischenberg: In Einzelfällen wird man sicher darüber streiten können. In Interviews in den USA wird im Fall Trump jetzt sehr deutlich die eigene Position hervorgehoben. Das hat teilweise persönliche Hintergründe. Wolf Blitzer ist Jude, seine Eltern haben Auschwitz überlebt, seine Großeltern sind von den Nazis umgebracht worden. Don Lemon ist ein Schwarzer. Bei ihnen merkt man die persönliche Betroffenheit nach Charlottesville und den unsäglichen Aussagen Trumps, und sie machen daraus kein Hehl. Das hat schon eine andere Qualität. Aber ich kann das nachvollziehen. Der Satz von der guten Sache hat noch nie gestimmt – auch die Ablehnung und Abwehr von Extremismus, auf die sich Journalisten wohl einigen können, ist ja eine gute Sache. Da gibt es eine Grenze der objektiven Berichterstattung.

STANDARD: Gibt es objektive Berichterstattung, wie sie viele Menschen von Medien fordern?

Weischenberg: Man muss mit Wahrheit und solch absoluten Begriffen in Zusammenhang mit Journalismus sehr vorsichtig sein. Viele verstehen darunter wahrscheinlich eine Berichterstattung, die mit ihrer jeweiligen Meinung korrespondiert. Das ist letztlich ein Wahrnehmungsproblem. Medien nehmen nicht anders wahr als Menschen und Gruppen. Sie operieren da mit blinden Flecken und Unterscheidungen. Und es entsteht in der Berichterstattung etwas neues, eine Medienrealität. Der langjährige ARD-Journalist Dagobert Lindlau hat einmal gesagt: Es wäre uninteressant, wenn wir über die vielen funktionierenden Wasserhähne in der Republik berichten würden. Natürlich kümmern wir uns um tropfende Wasserhähne. Journalismus korrespondiert mit Neuem, mit Aktuellem. Und eigentlich funktioniert das ja auch, bei aller Kritik.

STANDARD: In Österreich gründet Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz gerade mit einigen angesehenen Journalisten eine Plattform namens Quo Vadis Veritas, die "näher an die Wahrheit kommen soll, als das traditionelle Medien können".

Weischenberg: Das hört sich für mich so an, als wollte er näher an seine Wahrheit herankommen. Für viele, die Macht, Einfluss und Geld haben, ist es sehr attraktiv, dass sie eine Wahrheit konstruieren, die ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Leute, die Geld und Macht haben, wollen natürlich gerne, dass ihre Wirklichkeitskonstruktionen durchgesetzt werden. Prinzipiell sind die nicht näher an der Wirklichkeit als andere. Entscheidend ist für mich Vielfalt. Ein ganz wesentlicher Faktor auf dem Medienmarkt ist, dass es ganz unterschiedliche Perspektiven gibt und dass man auswählen kann. Wenn man das nicht kann, hat man ein Problem.

STANDARD: Da wären wir beim alten Thema Medienkonzentration und Medienvielfalt. Hat sich das in der digitalen Welt womöglich überholt, in der jeder fast alles finden und auch selbst publizieren kann?

Weischenberg: Es gibt da qualitative Unterschiede. Es reicht nicht, dass es im Netz eine Million unterschiedliche Meinungen gibt – da sind wir rasch auch beim verharmlosenden Begriff der alternativen Fakten. Es ist ein hoher Wert, wenn professionell zustande gekommener Journalismus mit anderem, professionell zustande gekommenem Journalismus konkurriert.

STANDARD: Nun ist der professionelle Journalismus mit den Vorwürfen von Verschweigen bis Lügenpresse konfrontiert, mit sinkendem Vertrauen.

Weischenberg: Das hat sich ein Teil der Journalisten und Journalistinnen selbst eingebrockt. Über Jahrzehnte gab es in der Branche wenig Bereitschaft, Fehler zu korrigieren oder gar aus ihnen zu lernen. Erst 2008 nach der Finanzkrise – auch nicht gerade ein Meisterstück des Wirtschaftsjournalismus – gibt es diese Bereitschaft zur Selbstkritik, teils gleich wieder mit überzogenen, geradezu masochistischen Zügen. Manche Kritik am Journalismus wiederum ist interessenbestimmt und deshalb ungerecht. Und Lügenpresse ist ein sehr problematischer, historisch schwer belasteter Begriff. Man muss sich wahrscheinlich nicht um diese Extremfälle im Publikum kümmern.

STANDARD: Sie regen in Ihrem jüngsten Buch auch an, über Presse- oder Medienförderungen nachzudenken. In Deutschland lehnen Verleger wie Springer-Chef Mathias Döpfner direkte Subventionen ja vehement ab.

Weischenberg: Presse- und Medienförderung ist ein ideologisch ungeheuer aufgeladenes Thema. Ich habe Mitte der 2000er-Jahre auf einem Podium angeregt, über das Thema Subventionen nachzudenken. Das stieß auf viel Empörung. Ein paar Jahre später hat etwa Jürgen Habermas dafür plädiert. Ich finde es positiv, darüber nachzudenken – wie man auch andere Bereiche in der Gesellschaft subventioniert, die sich nicht über den Markt finanzieren können, Museen, Opernhäuser, Universitäten. Dort diskutiert man nicht so aufgeregt darüber, ob das nicht doch zu politischer Abhängigkeit führt. Ich glaube, da ist Österreich ein Stück weiter als Deutschland. Wenn wir anspruchsvolle Medien als Kulturgut definieren, haben wir auch die Verpflichtung, uns darum zu kümmern, dass die nicht vom Markt verschwinden.

STANDARD: In Österreich gibt es eine direkte staatliche Presseförderung. Der derzeit amtierende Medienminister hat vorgeschlagen, die Höhe der Förderung an der Zahl der angestellten Journalisten zu bemessen. Im Ergebnis würde das die Förderung für profitable Massentitel wie "Kronen Zeitung" oder "Kleine Zeitung" vervielfachen und auch Gratiszeitungen fördern. Das würde zur Höchstförderung etwa für die "Krone" führen.

Weischenberg: Ob man nach dem Matthäusprinzip – Wer hat, dem wird gegeben werden – gerade der "Kronen Zeitung" noch mehr in den Rachen werfen soll, das ist natürlich diskutabel. Aber ich denke, es gibt Lösungen. Die müssen natürlich möglichst politikfern sein. Und ich würde mir wünschen, dass es einen Qualitätsmaßstab gibt – so schwierig der zu definieren ist.

STANDARD: "Brauchen wir überhaupt noch Journalismus?", fragen Sie in Ihrem Untertitel. Also?

Weischenberg: Ich habe darauf im Buch viele Antworten aufgelistet. Die einfachste: Das ist eine rhetorische Frage, natürlich braucht man das.

STANDARD: Offenbar sehen das nicht alle so.

Weischenberg: Natürlich gibt es gerade unter jüngeren Menschen die Position: Jeder kann publizieren, jeder kann sich im Netz informieren, und den traditionellen Medien traue ich nicht mehr. Die würden auf die Frage wahrscheinlich eher mit Nein antworten.

STANDARD: Was sagen Sie denen?

Weischenberg: Wir brauchen unbedingt Journalismus. Aber wir müssen uns um dessen Qualität intensiver kümmern, als wir das in der Vergangenheit getan haben. Das betrifft die Ausbildung, das betrifft eine stärkere ökonomische Absicherung des Journalismus.

STANDARD: Sie empfehlen genauere Arbeitsteilung zwischen Journalisten, Gauklern und Geschäftsleuten.

Weischenberg: In der Grauzone von Fakten und Fiktion sind viele unterwegs, etwa in Talkshowformaten. Der Journalismus ist gut beraten, wenn er dazu beiträgt, seine Identität zu klären. Es gibt gute Gründe, Journalismus sehr klar über Information und Relevanz zu definieren.

Siegfried Weischenberg (69) ist deutscher Kommunikationswissenschafter und Publizist. Er lehrte und forschte etwa an den Unis Münster, Leipzig, Bamberg und Hamburg, wo er Institutsdirektor war. 2013 emeritierte er. Sein jüngstes Buch "Medienkrise und Medienkrieg – Brauchen wir überhaupt noch Journalismus?" erschien vor wenigen Tagen im Springer-Buchverlag.