Foto: Adelheid Wölfl

Heiraten auf Balkanisch

Reportage |
10. September 2017, 10:00

Im Sommer reist regelmäßig die Diaspora am Balkan an, um zu heiraten – und hinterlässt dabei den armen Verwandten in Südosteuropa viel Geld

Die kleine alte Frau mit dem Kopftuch tanzt am wildesten. Mit der einen Hand hält sie die ihrer Freundin, die sicherlich auch siebzig Jahre alt ist, und in der anderen Hand schwingt sie ein blaues, glitzerndes Tuch.

foto: adelheid wölfl

Die Dame hat den Kolo im Blut. Zwei Schritte nach rechts, dann einen nach vorne, einen nach hinten, einen nach vorne, und dann wieder weiter nach rechts, die Hände in der Höhe. Die Frauen lachen. Am schönsten ist die Braut. Sie hat gerade wieder ihr Kleid gewechselt. Statt des traditionellen albanischen gestickten Zweiteilers trägt sie jetzt ein rosa Kleid mit angenähten Blüten. Sie wird noch sieben Mal an diesem Abend ihre Robe wechseln.

Die Braut nach dem Kleiderwechsel.
foto: adelheid wölfl

Draußen am Pool scheinen Gipsdelfin und Gipsmeerjungfrau beinahe neidisch in den Festsaal zu blicken. Die etwa sechzig Frauen sind ausgelassen, die meisten kommen aus Stuttgart oder Heilbronn. Es ist das Fest vor der Hochzeit, nur für Frauen, Kanagjegj heißt es hier im Kosovo – Henna-Fest.

Früher hinterließ die Braut der Mutter einen Henna-Abdruck ihrer Hand. Heute macht sie einfach Party. Das Henna-Fest in Ferizaj im Kosovo hat aber noch immer traditionelle Elemente. Die Mutter hält etwa die Hand ihrer Tochter, das Ritual dreht sich um Abschied, entsprechend traurige Lieder werden gesungen.

Im Fall von Elena, der schönen Zahnarzthelferin, ist die Sache nicht so dramatisch. Die 24-Jährige zieht nur von Stuttgart nach Heilbronn. Mama ist trotzdem den Tränen nahe.

Sozialer Status

Sommer auf dem Balkan bedeutet: Die "Diaspora" reist an, also jene ausgewanderten ehemaligen Balkanbürger samt Anhang, um im Kreise der Verwandten zu heiraten. Wie viele Gäste kommen, welches Lokal man aussucht, welche Autos davorstehen, das alles ist von großer Bedeutung. Denn mit einer Hochzeit wird sozialer Status demonstriert. "Der Normalfall sind 300 bis 400 Gäste, da braucht man sich nicht genieren", sagt der Anthropologe Karl Kaser von der Universität Graz.

Im Kosovo zahlen die Gäste nicht. Ansonsten ist es auf dem Balkan jedoch üblich, dass jeder ein Kuvert mit mindestens 50 Euro übergibt. Für die meisten Familien gibt es irgendwann einen Ausgleich, wenn sie selbst eine Hochzeit veranstalten. Dieser Kreislauf kommt einem Kreditsystem für Jungfamilien nahe.

"Bei einer Hochzeit gibt es einen materiellen Austausch zwischen den beiden Familien, der ist regional verschieden. In Griechenland ist es Standard, dass der Vater oder der Bruder die Braut mit einer Wohnung oder einem Haus in die Ehe schickt", erklärt Kaser.

Allerdings hat sich die Richtung des Geldes verändert. "War es früher aufgrund der Patrilokalität die Familie des Bräutigams, die etwas leisten musste, so kommt das Geld heute eher von der Brautfamilie", sagt Kaser. Im ehemaligen Jugoslawien ist es aber noch umgekehrt – früher sprach man sogar von Brautkauf.

Lebenswichtige Auslandsüberweisungen

Elenas Vater meint, Geld müsse beim Heiraten egal sein. Aber prinzipiell seien die jährlichen Sommeraufenthalte im Kosovo sehr teuer. Von der Diaspora wird erwartet, dass sie alles bezahlt. Auf beiden Seiten – bei denen, die in der EU leben, und bei denen, die im Kosovo geblieben sind – spielt Eifersucht mit.

"Die haben kein Geld hier, aber die lachen die ganze Zeit. Wir in Deutschland haben keinen Spaß, wir arbeiten nur", meint Elenas Vater. Für die Region ist das Geld überlebenswichtig. 2015 gelangten allein in den Kosovo 566 Millionen Euro an Auslandsüberweisungen.

Kaser nennt Balkanhochzeiten eine "Solidaritätsfusion" zweier verwandter Gruppen. "Kollektive Interessen und nicht individuelle Neigungen oder das Glück von zwei Personen stehen im Vordergrund." In einer Hochzeit spiegelten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse wider. "Da zeigt sich die Bedeutung von Verwandtschaft. Bei uns ist im Gegensatz zum Balkan die Hochzeit minimalisiert und individualisiert", erklärt der Historiker.

Elenas Vater "ist stolz und froh", dass seine Tochter ihren Mann selbst gesucht hat. Das ist nicht bei allen Vätern der Fall. Kaser schätzt, dass noch immer etwa 50 Prozent der Ehen auf dem ländlichen Balkan arrangiert sind. "Es geht ja auch um einen Interessenausgleich zwischen zwei Gruppen." Gerade weil es sich um "Investitionen" handle, werden auf dem Balkan viel weniger Ehen geschieden als in Mitteleuropa.

Flaggen und Religion

Szenenwechsel zur nächsten Sommerhochzeit in die Herzegowina, nach Citluk. "Im Namen des Vaters", beginnt der stolze Kroate, Vater der Braut, das Gebet. Im Hochzeitssaal, hinter dem Tisch des Brautpaars, hängt das Kreuz. Der Tisch mit Kerzenleuchtern ähnelt einem Altar. Die kroatische Flagge steht links im Eck.

Nach den Gebeten legt der Brautvater die Hand auf die Brust und fängt an, die Hymne des Nachbarlands Kroatien zu singen: Lijepa nasa domovino – unser schönes Heimatland. Der Braut ist das ein wenig peinlich. Hier, in Citluk, ist der Nationalismus besonders stark ausgeprägt.

Auf dem Balkan ehelicht man nicht nur den Lebenspartner, sondern auch die Nation. Die Flaggen, die die jeweilige "Volksgruppe" repräsentieren, werden auf die Kühlerhauben der Autos montiert oder aus dem Auto geschwungen, während man durch die Gegend fährt.

foto: adelheid wölfl

Im Kosovo ist oft die albanische Flagge zu sehen, in Bosnien-Herzegowina die kroatische Flagge, die Flagge der Armee von Bosnien-Herzegowina, die nur Bosniaken verwenden, oder auch die Staatsflagge von Serbien.

Dabei sind die grundsätzlichen Hochzeitsabläufe – egal, welchem religiösen Ritus sie folgen – ziemlich ähnlich. Bands spielen, es wird gesungen, stundenlang gegessen und Kolo getanzt. Tritt man etwa in den Hochzeitssaal "Antonela" bei Ljubuski in der Herzegowina, der in violett-silbernes Licht getaucht ist, denkt man, jeden Moment könnte ein Ufo durch die Decke stoßen.

Um die Ecke jedoch ein beflaggter schwarzer BMW mit Frankfurter Kennzeichen, es folgen weitere schwarze BMW und Mercedes mit deutschen Nummern. Hier heiratet jemand Wichtiger. Die zwei Barjaktare, die Flaggenträger, kommen ebenfalls hupend im BMW angereist.

Helikopterhochzeiten

Die Hochzeiten in der Herzegowina gehören zu den teuersten. Bis zu 100.000 Euro kann eine solche Veranstaltung kosten, manche Bräute werden sogar mit dem Helikopter eingeflogen. Die "Hochzeitsalons" auf dem Balkan, in dem diese Riesenfeste mit bis zu 1200 Leuten stattfinden, entstanden erst nach den Kriegen in den 1990er-Jahren.

Es handelt sich um mehr oder weniger pompöse Säle an den Einfahrtsstraßen in die großen Orte. Manche ähneln kleinen Schlösschen, manche eher einem Shoppingcenter. Tritt man in den Salon "Antonela" ein, gerät man in einen Raum, der hollywoodeske Prinzessinnenwelten mit balkanischem Kitsch vereint.

foto: adelheid wölfl

Weiße glitzernde Schwäne schnäbeln sich unter rosa Lämpchen an, Rosen sind üppig auf den Tischen dekoriert. Tische und Sessel sind in weiße Tücher gehüllt, selbst auf der Torte glitzern Silberkügelchen. Die Herzegowina ist voll mit diesen Hochzeitssalons, sie heißen "Apfel", "Aphrodite", "Sonne" oder "Gold".

Bei nicht-muslimischen Hochzeiten dürfen die Schnapsgläser in den folgenden Stunden nie leer werden. Das ist eine Frage der Ehre. Und auch bei muslimischen Hochzeiten sieht man zuweilen, wie jemand die Schnapsflasche, die unter dem langen Tischtuch steht, hervorholt und zum Mund führt. (Adelheid Wölfl, 10.9.2017)