Foto: Christian Schulz

Filmfestival Toronto: In jedem Sieg steckt eine Niederlage

8. September 2017, 22:00

Das Tennisdrama "Borg/McEnroe" stand am Beginn. Auch "Licht", Barbara Alberts Kostümfilm um eine blinde Pianistin, feierte dort seine Weltpremiere

Der erste Satz im Wettbewerb der Herbstfestivals mag an Venedig gehen, doch erst bei der Großveranstaltung in der kanadischen Millionenstadt werden die Weichen für die "Award-Season" gestellt, die mit dem Oscar im Frühjahr dann ihren Höhepunkt erlebt. Statt Preisen regiert hier die Aufmerksamkeitskurve: 2016 nahm Barry Jenkins’ Moonlight in Toronto richtig Fahrt auf.

Sportlich ging man es am Donnerstagabend mit dem Eröffnungsfilm Borg/McEnroe an, der vom ersten Zusammentreffen der beiden Tennisstars in Wimbledon 1980 erzählt. Der krawutische Amerikaner aus der Bronx, dessen Rotzlöffelattitüde Shia LaBeouf perfekt trifft, stand damals am Anfang seiner Karriere, während der Schwede Borg (Sverrir Guðnason) endgültig Legendenstatus anstrebte: Zum fünften Mal in Folge versuchte er, das Turnier zu gewinnen.

McEnroe wäre aufgrund seiner Heißblütigkeit der eigentlich naheliegende Kinoheld, spielt hier aber nur die Nebenrolle als mögliche Nemesis des Platzkaisers. Das größte Drama spielt sich im Kopf ab. Borg wird dem Zuschauer in Rückblenden als ähnlich ungezügeltes Naturtalent präsentiert, das sich unter seinem Trainer (Stellan Skarsgård) jedoch zur perfekt kalibrierten Maschine verwandelt; nur die Angst zu scheitern wird mit dem Erfolg nicht eben kleiner.

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Die Sportlerpsychokiste ist reich an Klischees, hält einen aber zumindest mit lustigen Frisuren und farbigen Details wie Retroschweißbändern so lange bei Laune, bis der Film im spannenden Finish endlich auch Tennis zeigt. Das Match geht hier eindeutig an den Rasen.

Kampf um Selbstbestimmung

Die Frage um Sieg oder Niederlage stellt sich in Barbara Alberts neuem Film, der in Toronto in der "Platform"-Sektion um einen Preis antritt, auf einem anderen Feld. Licht ist der erste Kostümfilm der Wiener Regisseurin nach einem Drehbuch von Kathrin Resetarits. Es geht um die blinde Pianistin und spätere Musikschulgründerin Maria Theresia Paradis (Maria Dragus) und deren Kampf um Selbstbestimmung.

Eine Perücke wie ein grauer Wolkenturm, darunter das Gesicht, in dem Augen wie wild rotieren: Die erste Einstellung des Films gibt bereits den leicht exaltierten Tonfall vor. Paradis’ Musiktalent nimmt die Wiener Gesellschaft des späten 18. Jahrhunderts durchaus ein, die Anmutung einer Zirkusattraktion wird sie jedoch nicht los.

Ihre Eltern wollen das ändern: Weil konventionelle Medizin nicht hilft, versuchen sie es bei Franz Anton Mesmer (Devid Striesow), dessen Methoden umstritten sind. Entsprechend argwöhnisch wird auf das "Experiment" von außen geblickt.

Ein Wiener Sittenbild

Albert nähert sich dem Fall über mehrere Fronten: Wenn die Heldin auf die Zuwendungen des Arztes anspricht, versucht der Film ihre Sinneswelt zu vermitteln. Das Klavierspiel wird zur Sprache der Gefühle, die man anders nicht auszusprechen wagt. Die Mesmer’sche Klinik gerät zur Alternativwelt, in der sich der Film dem Hör- und Tastsinn seiner Figur anvertraut. Die Bilder der Rokoko-Welt werden mithin mit einer Person korrigiert, die kaum mit den Augen denkt.

Inszeniert wird diese schöne Idee mit Nachdruck auf die Gespreiztheiten des Milieus. Nicht nur Dragus’ Spiel ist äußerst expressiv, der Film trägt insgesamt stark auf, steckt quasi selbst ein wenig im Gefühlskorsett. Auch manche Charaktere, etwa die geltungssüchtigen Eltern, hätte man sich etwas weniger einseitig gewünscht.

Dennoch ist Licht fraglos Alberts reichhaltigster Film, der besonders dann gewinnt, wenn er seine Geschichte zum Salonstück erweitert. In der Darstellung der Wiener Neigung zu Niedertracht und Bosheit wird er gar zum Sittenbild: Lieber sieht man in dieser Stadt jemandem beim Scheitern als beim Triumphieren zu. (Dominik Kamalzadeh aus Toronto, 8.9.2017)