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Schwarz-Blau in Gefahr

10. September 2017, 09:00

Glaubt man "Zur Zeit", gibt es unter Freiheitlichen so viele Vorbehalte gegen Sebastian Kurz, dass man kaum widerstehen kann, ihn zu verteidigen

In diesen Tagen macht sich der verantwortungsbewusste Staatsbürger vor allem eine Sorge: Wer soll Österreich nach dem 15. Oktober regieren, wenn Christian Kern die SPÖ in die Opposition führt? Hoffnung macht vielen die programmatische Verwechselbarkeit von Liste Kurz und Freiheitlicher Partei, weshalb das renovierte Projekt einer schwarz-blauen Koalition die schönsten Erinnerungen an die Jahre zwischen 2000 und 2006 heraufbeschwört.

Auch bei Meinungsforschern gilt sie inzwischen als wahrscheinlich. Aber wie oft haben die sich geirrt! Und Programm hin, Programm her – glaubt man dem freiheitlichen Magazin "Zur Zeit", gibt es unter Freiheitlichen so viele Vorbehalte gegen Sebastian Kurz, dass man der Versuchung kaum widerstehen kann, ihn zu verteidigen – schon aus Staatsräson.

Es ist nicht zu glauben, ein in Auftreten und Sprache Pubertierender wurde zum Politstar, heißt es da in der Rubrik Vox populi unter dem Titel Klein Basti, der Politstar. Die Krone überschlägt sich in täglichen Jubelmeldungen, was der Jungstar alles in Zukunft ändern wird. Fachleute aus allen Sparten des öffentlichen Lebens kandidieren für ihn und geben ihre volle Zuversicht in Interviews und Reportagen zum Besten. Und wenn sich die "Krone" für jemanden überschlägt, war das schon oft ein vorauseilender Todeskuss, wie man in der FPÖ weiß.

Ein paar Seiten weiter befassten sich die Gedanken eines konservativen Christdemokraten - an sich eines typischen Kurz-Wählers – mit der Frage Sebastian Kurz wählen? Wohlgemerkt: Ein paar Wochen lang spielt der Verfasser, ein gebürtiger Wiener mit magyarischen Wurzeln, mit dem Gedanken, am 15. Oktober sein Kreuz bei Sebastian Kurzens Neuer Volkspartei zu machen. Doch das Gedankenspiel endete abrupt, denn vor wenigen Tagen lässt der Jungspund die Katze aus dem Sack. Er präsentiert die Wiener Landesliste und seine Kandidaten für die Wahlkreise der Bundeshauptstadt.

Das kam so schlecht an, dass der Verfasser sofort an Schillers "Kraniche des Ibykus" denken musste, gewiss naheliegend, wenn man an die Stelle denkt: Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen? Da wir die Völker nicht zählen können, nennen wir zumindest die Namen derer, die da in Wien für Herrn Sebastian ins Rennen gehen, wobei der gebürtige Wiener mit magyarischen Wurzeln das Autochthone etwas stärker in den Vordergrund rückte als Friedrich Schiller. Es sind gewiss alles lautere Menschen, die da um die Stimmen des großteils autochthonen Wahlvolks werben. Hier ein kleiner Auszug: Menas Saweha, Siham Islek, Mengfan Böhm, Asib Wassiq, Drita Cacaj, Mehmet Altuntas, Volkan Kahraman, Mahmudur Rahman, Katarzyna Greco. Dann noch Wywalska, Fryder, Hovivyan.

Angesichts dieser Liste erwachte im gebürtigen Wiener mit magyarischen Wurzeln ein schrecklicher Verdacht: Offenbar wird da Multi-Kulti gespielt. Das Pünktchen auf dem i stellt allerdings die Kandidatur von Theresa Niss dar. Die 40-Jährige ist Vorsitzende der "Jungen Industrie". Vorher war Niss in London bei der Bank Lehman Brothers auf der Lohnliste. Nebenbei: Mit dem Bankrott der Investmentbank im September 2008 begann die weltweite Finanzkrise. Womit – nebenbei - die Schuldige daran endlich gefunden war, und wo? Auf der Kandidatenliste von Kurz. Doch nicht genug damit. Theresa Niss ist der Silberstein des Herr Sebastian. Damit nimmt sich der türkise Vormann selbst aus dem Spiel. Meine Stimme kriegt er nicht. Dabei behauptet ein nebenstehender Bildtext von Kurz: Juveniler Glückspilz. Freilich noch nicht durch Schicksalsschläge gereift.

Auch der Plausch mit ORF-Moderator Tarek Leitner wird in "Zur Zeit" besprochen. Das erst 31-jährige Burli erschien mit offenem Hemd und fuchtelte ständig – wie ein linker Sozialpädagoge – mit den Händen herum, wobei er eher ein aufgebauschtes Wortgeklingel von sich gab. Natürlich steht das schwarze Greenhorn für offene Grenzen innerhalb des Schengen-Raumes, was die Frage aufwirft: Tritt dann ein Bundeskanzler Kurz den EU-Bonzen genauso entschlossen gegenüber wie ein Ministerpräsident Viktor Orbán oder hört er lieber auf die Einflüsterungen eines George Soros. Wofür steht nun eigentlich des Burlis bunte Truppe?

Zu guter Letzt noch der Vorwurf: Kurz präsentiert Woche für Woche wie ein Zirkusmagier ein neues Polit-Kaninchen. Wenn es nur neu wäre! Man muss sich ernste Sorgen um die schwarz-blaue Koalition machen. (Günter Traxler, 10.9.2017)