Foto: iStockphoto

Methadon gegen Krebs: Umstrittene Hoffnung

12. September 2017, 15:00

Seit vermeintliche Erfolge gegen Krebs kolportiert werden, verlangen Patienten den Opioid-Ersatz – dabei gibt es bisher keinen fundierten Wirknachweis

Der Beitrag in der ARD-Informationssendung "Plusminus" vom 12. April beginnt dramatisch. Die Kamera fängt das Gesicht einer Frau in Nahaufnahme ein, eine weibliche Stimme aus dem Off sagt: "Sabine Kloske dürfte eigentlich nicht mehr leben. Vor mehr als zwei Jahren wurde bei ihr ein Glioblastom diagnostiziert. Ein schnell wachsender, bösartiger Gehirntumor, der derzeit als unheilbar gilt." Die Ärzte geben ihr noch zwölf bis 15 Monate, die Patientin fühlt sich im Stich gelassen.

Doch es kam anders, zwei Jahre später lebt Sabine Kloske immer noch. Zusätzlich zur Chemotherapie erhält sie zweimal täglich 35 Tropfen Methadon – ein vollsynthetisch hergestelltes Schmerzmittel, das vor allem als Ersatz für Heroin aus Substitutionsprogrammen bekannt ist. Das Opioid, so suggeriert der Beitrag, könne in Kombination mit einer Chemotherapie Tumoren zum Schrumpfen bringen oder sogar vollständig verschwinden lassen. Ende Juni greift "Stern-TV" das Thema auf: Auch hier kommen betroffene Krebspatienten zu Wort, berichten von Heilung durch Methadon.

Hoch emotional

Als wissenschaftlicher Aufhänger dienen die Forschungsergebnisse der Chemikerin Claudia Friesen vom Universitätsklinikum Ulm, die seit 2007 im Labor die Wirkung des sogenannten D,L-Methadons auf Krebszellen erforscht. Ihre Entdeckung, die Krebskranke als rettenden Anker sehen, der ihnen Hoffnung auf Heilung und damit auf ein Weiterleben macht, ist bislang allerdings nur an Zellkulturen und Mausmodellen nachgewiesen.

Der Hinweis auf "fehlende klinische Studien" und "nichtvorhandene medizinische Evidenz" ging in der emotional aufgeladenen Berichterstattung weitgehend unter. Übriggeblieben ist Verunsicherung, die in manchen Fällen in Aggression umschlägt. Behandelnde Ärzte berichten von Patienten, die sie zur Verabreichung von Methadon drängen oder mit Therapieabbruch drohen. Auch am Universitätsklinikum Ulm laufen die Telefone heiß. "Seit April habe ich insgesamt 40.000 Anrufe und E-Mails beantwortet", sagt Friesen. Entspannte Wochenenden und Freizeit gebe es seit rund fünf Monaten nicht mehr.

Die Diskussion schwappte auch nach Österreich über: "Die Anfragen haben sich derart gehäuft, dass uns die Arbeit in den Stationen und Ambulanzen teilweise unmöglich gemacht wurde", berichtet Richard Greil, Vorstand der Onkologie an der Salzburger Universitätsklinik.

Druck von Patienten

Nicht nur Patienten haben dem Krebsspezialisten zufolge Druck aufgebaut, "teilweise wurden Betroffene von Verwandten und Bekannten, die sich ansonsten für die Erkrankung gar nicht interessieren, massiv und aggressiv aufgefordert, Methadon zu nehmen". Die Österreichische sowie die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie verfassten schließlich eine dreiseitige Stellungnahme, in der sie auf die "unzureichende Datenbasis" verweisen und "vor den Risiken unkontrollierter Off-Label-Anwendungen" warnen. Auch das Universitätsklinikum Ulm ging auf Distanz und betonte, dass Claudia Friesen D,L-Methadon "ausschließlich in Zellkulturen oder in wenigen tierexperimentellen Studien" getestet hat. Zudem wurden sämtliche Pressemeldungen über ihre Forschung von der Webseite der Uni gelöscht.

Was die Chemikerin bislang im Labor nachweisen konnte: D,L-Methadon verstärkt die Wirkung von Chemotherapeutika und löst den Zelltod von Krebszellen aus. Besonders deutlich zeigte sich dieser Effekt bei Glioblastomen und Leukämie. Auch Versuchsreihen mit Prostata,- Brust-, Leber- und Lungenkrebs verliefen vielversprechend. Das Problem: Diese Befunde lassen sich nicht auf die tatsächliche Wirkung im menschlichen Körper übertragen. "Solche Laboreffekte haben tausende andere Substanzen auch", warnt Richard Greil.

Klinische Studien geplant

Vor allem bei Gehirntumoren sei es unmöglich, eine Wirkung auf Basis von Laborversuchen abzuleiten. Für Experimente an Tieren werden häufig sogenannte Nacktmäuse herangezogen, die nur über ein stark eingeschränktes Immunsystem verfügen. "Solche Tiermodelle sind allein schon deshalb unbrauchbar, da die meisten Chemotherapeutika die Blut-Hirn-Schranke des menschlichen Gehirns nicht überwinden können. So ließ sich etwa im Labor eine effektive Wirkung von Doxorubicin in Kombination mit Methadon bei Glioblastomzellen nachweisen. Dieses Medikament ist aber für Betroffene ungeeignet, da es nicht ins Gehirn gelangt", erklärt Greil.

Claudia Friesen kann diese Kritik nicht nachvollziehen. "Bei den Glioblastomen haben wir den Wirkstoff Doxorubicin verwendet, der als Arzneimittel unter dem Namen Caelyx (pegyliertes liposomales Doxorubicin, Anm.) bei Patienten eingesetzt wird. Caelyx ist das gebrauchsfertige Arzneimittel, das die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Für die Laborversuche müssen wir immer mit dem reinen Wirkstoff arbeiten, um Verfälschungen durch Zusatzstoffe zu vermeiden."

Einen Nutzen hat die Debatte über Methadon dennoch: Es sollen nun randomisiert-kontrollierte klinische Studien folgen. Die ersten Ergebnisse werden voraussichtlich bis zum Jahr 2022 vorliegen. Erst dann wird sich die Wirksamkeit des Opioids bei verschiedenen Krebsarten zeigen. (Günther Brandstetter, 12.9.2017)

Zum Weiterlesen:

Krebstherapie: "Ich habe Methadon nie als Wundermittel bezeichnet"

Heroinsucht: Gefährlicher Mix mit Alkohol

Blut-Hirn-Schranke: Wie ein Loch im Kopf

Neuer Resistenzmechanismus von Gehirntumoren entdeckt

Wissen: Geschichte des Medikaments

Methadon wurde 1937 von Max Bockmühl und Gustav Ehrhart, zwei Mitarbeitern der deutschen Hoechster Farbwerke, entwickelt und 1938 zum Patent angemeldet. Es ist ein rein synthetisches Opioid, das von der WHO in die Liste der unverzichtbaren Arzneimittel aufgenommen wurde. Die Wirkung von Methadon hält länger an als die anderer Opioide. Es hemmt zudem bei Heroinsüchtigen das Verlangen nach der Droge und kommt deshalb primär in der Substitutionstherapie zum Einsatz.

In Europa ist Methadon in der Schmerztherapie deutlich weniger verbreitet als in den USA. Als Nebenwirkungen können Benommenheit, Verstopfung und Juckreiz auftreten. Am Anfang der Behandlung ist auch mit Übelkeit und Erbrechen zu rechnen. In seltenen Fällen führt das Opioid zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen. Zudem verursacht es eine starke körperliche Abhängigkeit und sollte nur unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden. (gueb)