Grundlagenforschung lässt die Wirtschaft blühen

12. September 2017, 16:59

"Grundlagenforschung oder industrielle Innovation?" – Mehr Investitionen in Grundlagenforschung und Risikokapital notwendig

Wien – "Grundlagenforschung oder industrielle Innovation?" Dass hier kein "oder" angebracht ist, war auf der Veranstaltung mit diesem Titel, ausgerichtet von der der Plattform Weis[s]e Wirtschaft im Wiener Techgate, am Montagabend schnell klar, als ein Podium mit Vertretern aus Finanz, Wissenschaft, Industrie und öffentlicher Hand die Forschungsförderung und -finanzierung in Österreich diskutierte. Weis[s]e Wirtschaft, das ist laut Eigendefinition von Sprecher Peter Brandner ein Thinktank, der "mehr Sachverstand in die politische Diskussion bringen" soll. Die Argumente sollen nicht ideologischen, sondern evidenzbasierten Ursprungs sein.

Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Direktor des Wirtschaftspolitischen Zentrums Wien, legte in seiner Keynote auf Basis seiner Studie zum "Innovationsland Österreich" die Grundlagen für die Debatte: Universitäten sorgen mit ihrer Grundlagenforschung für neues Wissen und Ausbildung junger Talente. Beides wird in F&E-Abteilungen der Industrie gebraucht. Die dort stattfindende Innovation treibt das Wachstum und schafft multinationale Unternehmen, so Keuschniggs Rechnung. Wer also mehr in Grundlagenforschung investiert, wird später mehr international agierende Betriebe und mehr Bruttoinlandsprodukt haben. Der Standortwettbewerb sei für kleine Länder wie Österreich besonders wichtig.

Um in der Wissenschaft den internationalen Standortkampf zu bestehen, sei Glaubwürdigkeit die wichtigste Währung, betonte Thomas Henzinger, Präsident des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) bei der folgenden Diskussion. Er setzt auf vielversprechende Jungwissenschafter, die er nach Österreich holt. Für den Wissenstransfer entstehe ein Technologiepark nahe dem ISTA, wo Start-ups gegründet, Patente verwertet und Labore von der Nähe zu Infrastruktur und Spitzenforschung profitieren werden.

Barbara Weitgruber, Sektionschefin im Wissenschaftsministerium, sieht in den letzten zehn, fünfzehn Jahren bereits eine Europäisierung und Internationalisierung der österreichischen Forschungslandschaft. Neugründungen wie das ISTA tragen neben der stärkeren Autonomie durch das Universitätsgesetz 2002 wesentlich dazu bei.

Förderdschungel

Peter Prenninger, Forschungskoordinator bei der AVL List, plädierte für Flexibilität und kurze Wege bei der Forschungsförderung. Er kritisiert, dass es zwar hohe Fördervolumen gebe, der Effekt sich aber in einer zu starken Streuung in einer Vielzahl an Programmen verlaufe. "Partner kommen zu uns und fragen: Ist diese Entwicklung machbar? In der Situation kann ich mich nicht hinsetzen und Anträge schreiben."

Rudolf Kinsky von der Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation (AVCO) beklagt schlussendlich die fehlende Kapitalmarktkultur. Bei privatem Beteiligungskapital sei das Land Europaschlusslicht. Banken könnten die Wachstumsfinanzierung zum Teil nicht leisten. Conclusio: "Wir brauchen wieder einen internationalen Finanzplatz in Österreich."

Ökonom Keuschnigg skizzierte im Rahmen seines Vortrags auch Eckpunkte einer gewinnbringenden Innovationsstrategie. Neben Ausbau der Grundlagenforschung oder Abbau der Steuernachteile für Risikokapital wird auch steuerliche F&E-Förderung großgeschrieben. Damit können gezielt innovative Unternehmen unterstützt und am Standort gehalten werden. Ja, das sei teuer und müsste in anderen Bereichen eingespart werden. Aber es würde sich lohnen. (pum, 12.9.2017)