Chrysta Bell: Eine Frau, die uns das Gruseln lehrt

12. September 2017, 15:55

US-Aktrice Chrysta Bell ("Twin Peaks") kommt mit ihrem Album "We Dissolve" im November nach Wien

Wien – Der Begriff "lynchesk" oder englisch "Lynchean" ist in der Nachfolge von Franz Kafka und "kafkaesk" David Lynch zugeschrieben. Er bezeichnet das verstörende Gefühl, das einen beschleicht, wenn man zum Beispiel die aktuell laufende dritte Staffel der Serie Twin Peaks des US-Regisseurs anschaut und einem von der hier jenseits aller Logik und des Raum-Zeit-Gefüges geschilderten dunklen Seite der menschlichen Natur etwas schwindlig wird. Ja, es existiert so etwas wie Realität, aber sie bedeutet für jeden Menschen etwas anderes.

chrysta bell zucht

Das Werk des gelernten bildenden Künstlers Lynch – zwischen Film, Fotografie, Tafelbild, Collage und zuletzt musikalisch mit dunkel-dräuenden, Gänsehaut wie Angst machenden Blues- und Schlurfballaden –, es steckt voller Anspielungen auf die gesamte Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Duracell-Taschenlampe. Dankenswerterweise will uns der Künstler aber niemals sagen, was er uns damit eigentlich sagen will. Und gegen ein wenig Gruseln in schlecht ausgeleuchteten Räumen hat man ja noch nie etwas gehabt.

Die aus Texas stammende, auch als Model tätige Schauspielerin und ursprünglich vom Jazz kommende Sängerin Chrysta Bell ist in der Nachfolge von Julee Cruise die aktuelle Muse David Lynchs. Sie spielt in der dritten Staffel von Twin Peaks nicht nur die alienhafte und etwas verstrahlt wirkende FBI-Agentin Tammy Preston. Seit gut zehn Jahren (Inland Empire) arbeitet sie mit David Lynch auch musikalisch immer wieder zusammen. Sie hat heuer etwa auch den einst von Angelo Badalamenti komponierten Serientitelsong Falling neu eingesungen. 2011 veröffentlichte man mehr oder weniger im Teamwork schon das Album This Train oder im Vorjahr die hübsche EP Somewhere in the Nowhere.

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Angewandter Lynchismus

Chrysta Bells aktuelles Soloalbum We Dissolve ist unter der Regie des von PJ Harvey bekannten Multiinstrumentalisten John Parish entstanden und hat neben einschlägigen Szenegrößen wie Adrian Utley von Portishead oder Stephen O'Malley von Sunn O))) auch Progrockveteranen wie Keyboarder Geoff Downes von Yes auf die Gästeliste gesetzt.

Musikalisch bewegt sich Bell mit klarer, eindringlicher, sehr gern auch einmal flüsternder Stimme dabei mit Songs wie Heaven, Devil inside Me, Slow oder Gravity im Fahrwasser von Portishead, Lana Del Rey, ein wenig Trip-Hop und gut verhalltem Pop mit kräftigen Melodiegitarren zwischen Cowboy-Boots und Zeitlupen-Surf. Sie hat also offensichtlich ihre Lektion in Sachen angewandter Lynchismus gelernt.

Allerdings ist eines erstaunlich. Ein in puncto Weltuntergangsblues bei PJ Harvey geschulter Produzent und Multiinstrumentalist wie John Parish produziert derart glatt, dass man das Album trotz mitunter zart rauerer Arrangementeinsprengsel auch in der spätestens seit der Regentschaft des Smooth Operator von Sade Adu zum Klischee gewordenen Cocktailbar als Soundtapete verwenden könnte.

Wie Livevideos aus der im Sommer absolvierten Europatournee auf Youtube zeigen, kommt das Ganze vor Publikum allerdings entschieden eindringlicher über die Bühne. Um den vollen Lyncheffekt zu erzielen, kann man sich im Konzert nach vorheriger Absprache ja spontan vom Sitznachbarn erschrecken lassen.

Chrysta Bell wird am 23. 11. erstmals nach Österreich kommen. Sie wird als Headliner das dreitägige Blue Bird Festival im Wiener Porgy & Bess eröffnen. Es steht heuer ganz im Zeichen von Singer/ Songwriterinnen. Neben Chrysta Bell präsentiert man auch Größen wie Anna Ternheim, Mary Ocher, Dillon oder die britische Folklegende Vashti Bunyan. (Christian Schachinger, 12.9.2017)