Foto: Urs Wälterlin

Aufbau von Sandbänken stört Wale vor Australiens Ostküste

14. September 2017, 13:00

Surfer brauchen Wellen, daher sollen Sandbänke wiederaufgebaut werden. Doch der Tourismus fürchtet um ein Millionengeschäft

Auf der Walautobahn Australiens herrscht Stoßverkehr. Tausende Buckelwale schwimmen in diesen Wochen vor der australischen Ostküste hoch in den Norden – 25.000 pro Jahr. Die Säuger migrieren von den kalten Gewässern des Antarktischen Ozeans in die tropische Wärme des Barrier Reef, um sich dort fortzupflanzen und zu kalben. Die Bucht vor der Gold Coast, der Goldküste im Bundesstaat Queensland, dient ihnen als Rastplatz.

"Es gibt hier relativ flaches Wasser. Die Wale finden ruhige Gewässer, um sich auszuruhen", sagt Olaf Meynecke, Meereswissenschafter und Walexperte. Der sandige Meeresboden, genügend Nahrung, Sicherheit für Mütter und Jungtiere: Die Goldküste ist nicht nur für Touristen attraktiv. Die Wale unterhalten sich lebhaft, wie Aufnahmen mit dem Unterwassermikrofon zeigen.

Lärmendes Baggerschiff

Doch seit einigen Monaten donnert es in den Tiefen, der Lärm scheint die Wale zu vertreiben. Ein 111 Meter langes Baggerschiff holt einem gigantischen Staubsauger gleich Sand vom Meeresboden. Es entlädt seine Fracht in Strandnähe. Ein langer Strahl aus Sand, Muscheln und anderen Meerestieren prasselt aufs Wasser. Mit dieser Maßnahme will die Lokalbehörde Sandbänke an den Stränden des Ortes Surfers Paradise wiederaufbauen, die Opfer von Erosion geworden sind.

Der Name sagt alles: Die Goldküste ist ein Paradies für Wellenreiter. Surfer wollen möglichst hohe, möglichst lange Wellen. Die entstehen durch Hindernisse im Wasser: Felsen, Untiefen und eben Sandbänke.

Wale machen Bogen

Der Hauptgrund für die Aktion seien die Commonwealth-Spiele, die im nächsten Jahr in Gold Coast abgehalten werden, sagt Jason Miley, Kapitän bei Gold Coast Adventure. Die Welt solle "einen guten Eindruck haben" von der Touristenmetropole – und von ihren Stränden. Seit 15 Jahren fährt Miley Besucher aus aller Welt vor die Küste, um Wale zu sehen. Was er erlebt, seit der Megastaubsauger in der Bucht ist, beunruhigt ihn zutiefst.

Die Wale machten einen immer weiteren Bogen um das Gebiet, so der Kapitän. Normalerweise würden die Tiere in unmittelbarer Nähe zur Küste schwimmen, nur zwei bis drei Seemeilen entfernt. Jetzt finde man sie nur noch in bis zu sieben Seemeilen Entfernung, das entspricht fast 13 Kilometern. "Der Lärm des Schiffs vertreibt sie", klagt der Touristiker.

Die Behörden der Goldküste wollen von der Kritik nichts hören. Sie würden alle notwendigen Umweltschutzbedingungen erfüllen, heißt es in einer Stellungnahme. Auch auf die Wale werde Rücksicht genommen. Ein Beobachtungsteam sei eingesetzt, um das Verhalten aller Meeressäuger zu studieren. Auch auf dem Baggerschiff säßen Beobachter, Tag und Nacht. Und eine Schutzzone um das Schiff sei auch eingerichtet worden.

Problem Klimawandel

Experten wie Meynecke haben Zweifel. "Das ist ein großes Schiff, das schon allein durch den Eigenmotor unglaublichen Lärm erzeugt", sagt der Wissenschafter. Es gebe ausreichend wissenschaftliche Studien, die besagen, dass Wale schon "bei geringstem Lärm ausweichen".

Ausweichen – oder ganz wegbleiben: Das wäre ein Albtraum für Touristiker wie Jason Miley. Walbeobachtung ist ein Millionengeschäft an der Goldküste. Bis zu fünf Schiffe pro Tag laufen aus, jedes mit hunderten Touristen beladen, von denen jeder 80 Euro bezahlt.

Immer häufiger aufbauen

Olaf Meynecke will ein permanentes Wegbleiben der Wale nicht ausschließen. Der Wissenschafter und sein Team von Freiwilligen und Studentinnen sammeln nun selbst Daten zum Verhalten der Wale. Meynecke glaubt, dass die künstlich vom Schiff aufgebauten Sandbänke nicht lange halten werden. Zwar habe es eine Erosion des Sandes an diesem Ort schon immer gegeben, das sei durchaus natürlich. Nun aber hätten die Folgen des Klimawandels die Situation noch weiter verschlimmert, sagt er: "Es gibt Probleme mit dem Meeresspiegelanstieg und mit extremen Wetterverhältnissen".

Es sind Probleme, die Prognosen zufolge in Zukunft eskalieren werden. Das bedeute, die Sandbänke müssten immer häufiger neu aufgebaut werden. So könnte das Baggerschiff in den kommenden Jahren regelmäßig die Wolkenkratzerkulisse von Surfers Paradise dominieren. (Urs Wälterlin von der Gold Coast, 14.9.2017)