Foto: APA/EPA/ANDREU DALMAU

Das Frankreich des Michel Houellebecq

18. September 2017, 06:00

Am 11. Oktober beginnt die Frankfurter Buchmesse. Ehrengast ist Frankreich, Michel Houellebecq will auch kommen. Wir sind in den Süden des Landes gereist, wo der französische Schriftsteller und seine Protagonisten die Einsamkeit suchten

Michel Houellebecq stellt man sich wohl selten als engagierten Sportler vor – und irrt. In dem Film Near Death Experience von Gustave Kervern und Benoît Delépine, in dem der französische Schriftsteller die Hauptrolle spielt, schießt er auf dem Rennrad und mit Bic-Schriftzug auf dem Trikot über die Landstraßen der Provence. Er erreicht einen Gebirgszug, wirft das Rad und seine Zigarette weg, klettert die letzten Meter weiter, bis er sich in einer menschenleeren, prähistorisch anmutenden Berglandschaft verliert. Ein Film.

Im wirklichen Leben hat Houellebecq Anfang 1990er-Jahre Ähnliches gemacht: Er nahm den Zug bis Langogne im Département Lozère, lieh sich ein Fahrrad und radelte bis nach Saint-Cirgues-en-Montagne, eine abgeschiedene Ortschaft am Rande des Regionalparks der Monts d’Ardèche. Langogne liegt auf etwa 900 Meter, Saint-Cirgues noch höher – ein mühsames Bergauf- und Bergab über 30 Kilometer Länge. Warum Houellebecqs sportliche Ambitionen heute noch irgendwen interessieren könnten, erfährt man in dem Ort.

Anders, einzelgängerisch

Éric Lespinasse, der das Hotel Au Parfum des Bois damals führte, erinnert sich: "Er kam eines Abends mitten im Winter mit dem Rad hier an. Er trug nur eine kleine Tasche bei sich und war vollkommen erledigt. Er war damals der einzige Gast und blieb ein paar Tage. Er sprach kaum mit uns, man merkte sofort, dass er anders war, einzelgängerisch. Meist blieb er auf seinem Zimmer – keine Ahnung, ob er da schrieb, meditierte oder sonst etwas tat."

Lespinasse, der das Zweisternhaus in der Zwischenzeit seinem Sohn übergeben hat, ist Bürgermeister von Saint-Cirgues sowie Schweine- und Rinderzüchter. Ein bodenständiger Mann, dem man mit der Vereinzelung des modernen Großstadtmenschen zwischen Konsumwelt, entfremdender Arbeit und erotischer Zurückweisung gar nicht erst nicht zu kommen braucht – den Themen also, die Houellebecq in "Ausweitung der Kampfzone" behandelt: "Ich habe später versucht, das Buch zu lesen – mein Fall ist das nicht!"

In die entlegensten Ecken

Ausweitung der Kampfzone ist 1994 erschienen, machte Houellebecq mit einem Schlag bis in die entlegensten Ecken Frankreichs und auch in Saint-Cirgues bekannt. Lespinasse: "Zwei Wochen nach Erscheinen fragte mich ein Bekannter: ,Wusstest Du, dass Dein Hotel in dem Buch von Houellebecq vorkommt?‘ Ich hab’s nicht gewusst. Aber dann sprach mich noch einer und noch einer darauf an." Elodie Blanc, die aus Saint-Cirgues stammt und den Ort heute Touristen zeigt, ergänzt: "Ich studierte damals an der Uni von Toulouse und hörte ständig von Kommilitonen: Dieser Houellebecq hat ein Buch geschrieben, in dem dein Kuhdorf vorkommt."

Was hat Houellebecq an Saint-Cirgues gereizt? Es war der entlegenste Ort Frankreichs, den er sich vorstellen konnte. In Ausweitung der Kampfzone liest sich das so: "Der Name ergoss sich in wunderbarer Einsamkeit zwischen Wäldern und kleinen Dreiecken, die Berggipfel markierten; im Umkreis von 30 Kilometern gab es nicht die kleinste Ansiedlung." Das mag eine Übertreibung sein, aber tatsächlich ist es sehr ruhig im Umkreis der Ortschaft – wie man sich einen Fluchtpunkt im hintersten Hinterland vorstellt. "Houellebecq war völlig überrascht, dass es keine Zugsverbindung hier herauf gibt", ergänzt Elodie Blanc. "Deswegen kam er ja mit dem Rad."

Alles deutet auf Landflucht hin

Tatsächlich ist die Ardèche das einzige französische Département ohne Bahnverkehr. Mit dem Auto geht es aber. Von Aubenas kommend, fährt man eine vielfach verschlungene Passstraße hinauf und wird durch eine dicht bewaldete Mittelgebirgslandschaften belohnt. Am Straßenrand Schilder, auf denen vor herabfallendem Geröll und Wildwechsel gewarnt wird, ein anderes zeigt einen heulenden Wolf – von denen es in der Region wieder einige Exemplare geben soll. Vor einem Tunneleingang steht unvermittelt "fermé" – "geschlossen" – also fährt man den ganzen Weg zurück und weicht auf einer anderen Passstraße großräumig aus. Gut möglich, dass sich Großstädter hier ein wenig wie am Ende der Welt vorkommen. Die einen mag das irritieren, die anderen, darunter Michel Houellebecq, atmen auf.

In Saint-Cirgues zwitschern allerorten vernehmlich die Vögel, das Flüsschen Le Mazan rauscht, nur gelegentlich rattert ein Jugendlicher auf seinem Moped vorbei. Alles deutet auf Landflucht hin, die überwiegend älteren Leute, die zum Verkauf stehenden, etwas heruntergekommenen Häuser. Fleischhauer, Bäcker und anderes Kleingewerbe gibt es noch, dazu ein paar Unterkünfte, die Wanderer und im Winter Skifahrer aufnehmen.

Verkennung der historischen Ereignisse

Der eine oder andere kommt tatsächlich nur nach Saint-Cirgues herauf, um Houellebecq nachzuspüren. Dann muss Éric Lespinasse die Geschichte seiner Begegnung mit dem verrufenen Autor eben ein weiteres Mal erzählen. Dieser wohnte auf Zimmer Nr. 14, das – in flagranter Verkennung der historischen Ereignisse – in der Zwischenzeit renoviert wurde. Das Haus hat aber noch weitere Zimmer, allesamt vom gleichen, einfachen und wenig charmanten Typ. Wer auf den Tischchen mit Plastiküberzug Literatur machen kann, muss wirklich ein Inspirierter sein. Von der Küche war der Autor angetan, im Roman liest man: "Ich sitze hier, allein an meinem Tisch, ich habe das Feinschmeckermenü bestellt. Es ist köstlich; sogar der Wein ist gut." Kann man so stehen lassen – und ergänzen: Auch die Würste aus den Monts d’Ardèche sind hervorragend.

Wenn Houellebecq auch meist in seinem Zimmer blieb, um an dem Werk zu schreiben, das ihn berühmt machen sollte – einmal musste er noch hinaus, sich wieder aufs Rad setzen und dem Wegweiser vorm Hotel folgen: " 5,2 km". Die Fahrt dorthin ist auch der Endpunkt des Romans. Dem Ich-Erzähler wird angesichts der Schönheit der Landschaft bewusst, dass Freude und Verbundenheit damit möglich ist – nur eben nicht für ihn.

Wäre Houellebecq noch ein bisschen weitergeradelt, hätte er ein Hochplateau erreicht mit Fernblick auf vulkanische Bergkegel und das Bächlein, das sich allmählich zur Ardèche auswächst. Aber wenn sein Heil schon nicht in der Natur zu finden ist, dann vielleicht im Glauben?

Enten-Confit gegen Bürgerkrieg

Im Roman Unterwerfung aus dem Jahr 2015 spielt Houellebecq das Szenario eines islamisierten Frankreichs durch. François, der Protagonist, versucht dem Bürgerkrieg in Paris zu entgehen, indem er in den Südwesten des Landes fährt: "Außer dass man dort Enten-Confit aß, wusste ich so gut wie nichts über diese Gegend." Denn dort, wo man Enten-Confit isst, wird schon kein Bürgerkrieg drohen, so die Überlegung.

François landet im Wallfahrtsort Rocamadour, gut 300 Kilometer westlich von Saint-Cirgues-en-Montagne. Dort gilt es herauszufinden, worin denn nun die französische Kultur, die er vom Islam bedroht sieht, im Innersten besteht. Ein Bekannter hatte ihm den Hinweis gegeben: "In Rocamadour können Sie wirklich ermessen, in welchem Maß das christliche Mittelalter eine große Zivilisation war."

Die Stadt Rocamadour, die einer steilen Felswand abgetrotzt ist, besteht seit über eintausend Jahren und ist seit damals ein Pilgerort. Heute ist es seiner Pittoreskheit wegen aber vor allem ein touristischer Hotspot im Département Lot. Da kann es vorkommen, dass eine Touristengruppe gerade die Schwarze Madonna mit ihren Smartphonekameras abfotografiert, und plötzlich kommen zwei, drei Pilger mit Rucksäcken in die Kapelle herein, knien nieder und singen Lieder. Die Touristen sind von dieser innigen Frömmigkeit dann kurz irritiert – fassen sich aber gleich wieder und lichten rasch die Pilger ab.

Tiefstes Mittelalter

Das am felsigen Abgrund stehende Ensemble aus sieben aneinander gereihten, aber separaten Kapellen, einer Basilika samt Reliquie – die Gebeine des Heiligen Amadour – und der Schwarzen Madonna aus dem 12. Jahrhundert symbolisiert in der Tat tiefstes, gottergebenes Mittelalter. Insbesondere die holzgeschnitzte Madonna, Schutzpatronin der Seeleute und der Frauen mit Kinderwunsch, wird bis heute verehrt. Ihr Blick ist versteinert, das Jesuskind auf dem Schoß wirkt wie ein Erwachsener in kleinem Maßstab.

François macht es sich zur Gewohnheit, jeden Tag ein paar Minuten zu Füßen der Madonna zu sitzen, um zu dem Schluss zu kommen: "Es war eine eigenartige Statue, die ein vollständig verschwundenes Universum bezeugte." Und irgendwie scheint er die spirituelle Kraft, die hier am Werk ist, sogar anzuerkennen. Aber wie schon der verzweifelte Kollege in Ausweitung der Kampfzone, der die sublime Verschmelzung mit der Natur suchte, muss er sich eingestehen: Nix für mich.

Keine Rettung, nirgendwo in Frankreich? Im Film "Near Death Experience" sieht man Houellebecq in einer Szene irgendwo in den Bouches-du-Rhône zu "War Pigs" von Black Sabbath tanzen. Der Mann und sein Land sind noch nicht verloren. (Harald Sager, 18.9.2017)

Anreise & Info

Anreise: Flug z.B. mit Air France von Wien nach Lyon und mit dem Mietwagen weiter in die Départements Ardèche und Lot.

Unterkunft: in Saint-Cirgues-en-Montagne: z.B. das Hôtel Au Parfum des Bois: bodenständige Wirtsleute, herzhafte Küche mit Pasteten und Würsten; in Rocamadour: Hôtel Le Beau Site: Das Gebäude wurde im 16. Jahrhundert als Residenz des Malteserritters Jean de Valon erbaut. Houellebecq wohnte hier ebenso wie sein Romanheld François.

Umgebung: Renaud Vincent betreibt in Vallon-Pont-d’Arc die Galerie du Bourdaric, um Texte von Houellebecq mit Malerei zusammenzubringen.

Touristische Infos: Atout France: at.france.fr, www.ardeche-guide.com, www.tourisme-lot.com und www.tourismus-okzitanien.de

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Atout France.