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Rechte Kampfgefährtinnen im Rüschenkleid

17. September 2017, 09:00

Rechtsextreme Gruppierungen befinden sich sowohl in Europa als auch in den USA im Aufwind – junge Frauen sollen den rassistischen Ideologien ein freundliches Gesicht verleihen

Tara McCarthy lädt regelmäßig zur rechtsradikalen Plauderstunde. Gemeinsam mit ihrer US-amerikanischen Kollegin Brittany Pettibone betreibt die selbsternannte Alt-Right-Kommentatorin auf Youtube einen Podcast. "Eines deiner kontroversiellen Videos trägt den Titel 'Warum Frauen Nationen zerstören', was hat dich dazu motiviert?", fragt McCarthy und lächelt dabei in die Kamera. Auf ihrem Kanal sind keine wütenden Schimpftiraden zu finden, höflich und in gedämpftem Ton wird über "westliche Werte", den Islam und das Feindbild Feminismus diskutiert. So auch mit dem anonymen User "Black Pigeon Speaks", der das Wahlrecht für Frauen als das zentrale Übel für den Westen identifiziert: Unfähig, informierte politische Entscheidungen zu treffen, und von Emotionen gelenkt hätten diese mehrheitlich für linke Parteien gestimmt und so eine "Migrationskrise" verschuldet.

Zumindest für unverheiratete Frauen ohne Kinder sei das Wahlrecht durchaus problematisch, pflichtet McCarthy nach einigem Stirnrunzeln schließlich bei. Rund 73.000 Klicks verzeichnet das Video auf Youtube, wo sich zwischen Kosmetik- und Gaming-VideobloggerInnen mittlerweile auch eine ganze Reihe rechter bis rechtsextremer KommentatorInnen tummeln. Ihr Auftritt hat nur noch wenig mit jenem Bild von Rechtsextremismus zu tun, das etwa die "Unite the Right"-Rally in Charlottesville prägte, die mit einem Terrorakt endete: grölende Männer mit brennenden Fackeln.

Alte Rechte in neuem Gewand

Es sind Medienprofis wie Lauren Southern, die radikalen rechten Ideen einen neuen Anstrich verleihen. Die junge Kanadierin startete beim Netzwerk "The Rebel Media" und bespielt ihren eigenen Youtube-Kanal mit über 330.000 AbonnentInnen. Southern spricht über den "Albtraum Masseneinwanderung" und darüber, wie der Feminismus Familien zerstöre. BeobachterInnen stufen sie als eine gemäßigte Vertreterin der sogenannten Alt-Right-Szene ein. Dieser im Grunde verharmlosende Begriff wurde unter anderem vom Aktivisten Richard Spencer geprägt, der offen rassistische und antisemitische Ideologien vertritt und von einer "friedlichen ethnischen Säuberung" und einem Staat für Weiße spricht, wie das Southern Poverty Law Center anführt.

Die Alt-Right, die als Internetphänomen startete, ist keine Organisation und verfügt dementsprechend auch über keine Strukturen oder offizielle SprecherInnen, erklärt der US-amerikanische Politikwissenschafter George Hawley, dessen Buch über die Alt-Right in Kürze erscheinen wird. Neu sind die Inhalte der in den USA als "white nationalist" klassifizierten AktivistInnen keineswegs – es ist vielmehr das Erscheinungsbild, das sich von ähnlichen Gruppierungen abhebt.

Präsidentschaftswahlkampf als Treibstoff

Dass die vor wenigen Jahren noch sehr überschaubare Gruppe mittlerweile einen enormen Bekanntheitsgrad erreicht hat, verdankt sie ihrer geschickten Kommunikationsstrategie. "Sie haben beliebte Social-Media-Kanäle für sich genutzt und gezielt Prominente und JournalistInnen attackiert, um so die Aufmerksamkeit der Mainstreammedien zu gewinnen", sagt Hawley.

Der Präsidentschaftswahlkampf Donald Trumps fungierte dabei als eine Art Treibstoff, der Sieg des politischen Quereinsteigers habe der extremen Rechten weiteren Auftrieb gegeben, sagt Julia Ebner, die als Extremismusforscherin für das Londoner Institute for Strategic Dialogue tätig ist und an einem Bericht zur globalen Vernetzung von rechtsradikalen Bewegungen und deren Nutzung neuer Medien arbeitet. "Besonders beunruhigend ist, dass sich eine Art Gegenkultur entwickelt, die Rechtsradikalismus in eine Position bringt, die diesen ansprechend für junge Menschen macht: Es wird zunehmend als cool oder mutig empfunden, einer vermeintlichen politischen Korrektheit mit rechtsradikalem Gedankengut entgegenzutreten", sagt Ebner im STANDARD-Interview.

In der ersten Reihe

Frauen sind in der Alt-Right wie in allen rechtsextremen Gruppierungen deutlich in der Minderheit. Dies zu ändern ist für viele – abgesehen von einem harten Kern, der die politische Beteiligung von Frauen ablehnt – ein wichtiges Ziel. "Es ist einfacher für Menschen, harte Botschaften zu akzeptieren, wenn sie von sanften, gutaussehenden Frauen kommen", sagt Lana Lokteff in einem Video, in dem sie sich mit dem Autor und "White Supremacy"-Anhänger Jared Taylor über Frauen in der Alt-Right unterhält. Lokteff betreibt gemeinsam mit ihrem Ehemann Henrik Palmgren einen rechtsextremen Kanal und stellt in ihrem Podcast gezielt Frauen ins Rampenlicht, die den hasserfüllten Botschaften ein menschliches Antlitz verleihen sollen.

Attraktive Frauen würden andere attraktive Frauen anziehen – und Männer für den politischen Kampf motivieren, ist Lokteff überzeugt. Es ist eine Strategie, die an die in Europa aktiven Identitären erinnert, eine rechtsextreme Gruppierung, die hierzulande vom Verfassungsschutz beobachtet wird und Kontakte mit der Alt-Right pflegt. "Frauen sind zwar deutlich unterrepräsentiert und auch in keinen Führungspositionen zu finden, trotzdem hat man es geschafft, sie für die eigenen Zwecke zu nutzen", sagt Politikwissenschafterin Judith Götz, die seit vielen Jahren zum Thema Rechtextremismus forscht und an der Universität Wien beschäftigt ist. Insbesondere bei Demonstrationen würden Frauen gezielt in der ersten Reihe platziert, um den Aufmarsch harmloser wirken zu lassen.

Rechte Weiblichkeit

Im Gegensatz zur US-amerikanischen Alt-Right sind Frauen kaum als politische Sprecherinnen auf Kanälen wie Youtube zu finden – in sozialen Netzwerken sind sie dennoch prominent vertreten. So etwa Melanie Schmitz, der über 2.000 Personen auf Instagram folgen, wo sie mit markantem Lidstrich verträumt in die Kamera blickt und sich im T-Shirt mit "Girls support Girls"-Aufschrift präsentiert. Frauenpolitische Fragestellungen spielen bei den Identitären vor allem im Zusammenhang mit ihrem zentralen Thema – der Migration – eine Rolle: Es sei die niedrige Geburtenrate in europäischen Staaten wie Österreich und Deutschland, der den "großen Austausch" durch MigrantInnen befördere. Frauenbilder von identitären Aktivistinnen erschöpfen sich aber nicht in der Mutterrolle, erklärt Judith Götz. So treten sie auch als Kampfgefährtin und nicht zuletzt in einer sexualisierten Inszenierung auf – die konkret zu Werbezwecken eingesetzt würde.

Instrumentalisierung

Die Werbestrategien der rechtsextremen Organisation beurteilt die Politikwissenschafterin Natascha Strobl, die die Identitären in Österreich seit ihrer Gründung beobachtet, als äußerst erfolgreich. Es sei ihnen gelungen, durchkomponierte Bilder von spektakulären Aktionen in den Medien zu platzieren, auch Wortkreationen und ideologische Konzepte hätten sich als durchaus einflussreich erwiesen. "Was rassistische und antimuslimische Diskurse angeht, sind wirklich alle Schranken gefallen, da passt kaum ein Blatt Papier mehr zwischen das, was die Identitären sagen, und das, was mittlerweile selbst konservative Kreise vertreten", sagt Strobl. Auch mit ihren antifeministischen Botschaften und traditionellen Geschlechterbildern stehen die Identitären keineswegs allein da.

Nicht zuletzt die Diskussion um sexuelle Gewalt durch Migranten, der seit den Übergriffen in der Silvesternacht 2015/2016 in das Zentrum medialer Aufmerksamkeit gerückt ist, erwies sich als gemeinsame Klammer für rechte Parteien wie die FPÖ und AfD und rechtsextreme Gruppierungen. Feministische Forderungen werden von ihnen bewusst instrumentalisiert und umgedeutet: Frauen verkörpern das schützenswerte Eigene, das gegen eine Bedrohung von außen verteidigt werden müsse. Auf identitärem Bildmaterial sind das junge Frauen mit langen Zöpfen, die im Rüschenkleid über eine Wiese laufen oder sich im knappen Sport-Outfit in Selbstverteidigung üben. Bilder mit Anziehungskraft. "Wir sollten uns darauf konzentrieren, den Ursachen der Anziehungskraft auf den Grund zu gehen und ihr mit starken, glaubwürdigen Alternativen zu begegnen – auf technischer, ideologischer und kultureller Ebene", sagt Extremismusforscherin Julia Ebner. (Brigitte Theißl, 17.9.2017)

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