Foto: Lisi Specht

Schwülstigkeit ist für mich keine Option

18. September 2017, 06:00

Der Grafikdesigner Nik Thoenen lebt und arbeitet in seinem Wohnatelier im 15. Bezirk

Grafikdesigner Nik Thoenen lebt, wo er arbeitet, und arbeitet, wo er lebt. In seinem reduzierten, loftartigen Wohnatelier im 15. Bezirk gibt es nur eine richtige Tür und viel Freiraum, den er zum Denken braucht.

"Wohnen ist für mich Arbeiten, das verbindet sich bei mir fließend. Eine herkömmliche Wohnung könnte ich mir nicht vorstellen. Hier in diesem Loft habe ich mir ein Atelier mit Wohnmomenten eingerichtet. Das hat Vor- und Nachteile. Ich stehe auf und bin bereits in der Arbeit. Dadurch fehlt mir aber der Arbeitsweg und damit auch eine geistige Arbeitspause. Zudem liegt die Wohnung in einem Wohnviertel, hier wird gelebt, geschlafen, aber nicht gearbeitet. Auf mich wirkt es grundsätzlich anregender, wenn ich in einem Gebäude bin, in dem rundherum auch gearbeitet wird. Das hat eine stimulierende Ausstrahlung. Hier, wo so viele Menschen wohnen, springt dieser Funke weniger über. Dennoch kenne ich einige Nachbarn schon von früher sehr gut. Dass ich in einem so engen freundschaftlichen Netz wohnen kann, schätze ich sehr.

Die meisten Möbel in der Wohnung von Nik Thoenen hat er zufällig bekommen oder entdeckt. "Mich muss etwas richtiggehend anspringen, dann kaufe ich es", so der Grafikdesigner.
foto: lisi specht

Früher hat eine Freundin von mir hier gewohnt, also kannte ich das Loft, und bereits damals habe ich mir gedacht: So eine Wohnung will ich eines Tages auch haben. Das lag vor allem an der industriellen Ausstrahlung, zum Beispiel fand ich den Zementboden gut. Heute würde ich andere Bodenmaterialien bevorzugen. Dieser Boden hier ist nämlich schlecht für die Raumakustik, und im Winter ist es kühl hier. Natürlich könnte ich Teppiche reinlegen, aber das widerstrebt mir im Geist des spröden Arbeitsraumes.

Als diese Freundin dann ausgezogen ist, habe ich mich sehr kurzfristig entschieden, mein bisheriges Atelier aufzugeben und in dieses Wohnatelier zu ziehen. Hätte es dieses schöne Objekt nicht gegeben, wäre ich allerdings nicht mehr in den 15. Bezirk gezogen. Seit ich in Wien bin, habe ich in dieser Gegend gewohnt und gearbeitet, deshalb zog es mich eher in andere Bezirke der Stadt.

fotos: lisi specht

An dem Loft schätze ich den offenen Grundriss. Die Toilette ist der einzige Raum, zu dem es eine richtige Tür gibt. Auch wenn ich oft ganz lange vor dem Rechner sitze, ist es mir wichtig, Achsen zu haben und Blickrichtungen ändern zu können. Das Wohnatelier ist relativ groß für mich alleine. Aber Leerraum finde ich gut, er bedeutet auch Freiraum für mich. Und diesen Raum brauche ich zum Denken. Wände wünsche ich mir manchmal, um Dinge aufhängen zu können, nicht um irgendwas zu verdecken.

Die Vormieterin hat mir bei ihrem Auszug einige Möbelstücke hinterlassen, und von meiner Frau stammen etwa diese "Präsentationssessel", auf denen ich selten sitze – deshalb nenne ich sie auch so. Hier leben also meine eigenen Dinge mit anderen, geborgten Sachen zusammen. Prinzipiell sind mir die Dinge, die mich umgeben, sehr wichtig, vor allem meine Bücher.

fotos: lisi specht

Die meisten meiner Gegenstände besitze ich zufällig und nicht deshalb, weil ich danach gesucht habe. Der Aufwand, Möbel kaufen zu gehen, gezielt danach zu suchen, ist mir zu groß. Mich muss etwas richtiggehend anspringen, dann kaufe ich es. In Zukunft möchte ich aber etwas aus dieser Spröde raus und mir zum Beispiel einen weichen Sessel anschaffen – ein Freischwingermodell, wie ich es kürzlich bei Freunden gesehen habe. Bei mir hier ist alles eher wie eine Zeichnung – sehr reduziert, klar und einfach geschnitten, aus feinen schlanken Materialien. Schwülstigkeit ist für mich keine Option. Reduktion war mir immer schon wichtig, auch deshalb, weil ich dann jederzeit ohne großen Aufwand umziehen könnte. Das entspricht meinem Ideal.

Apropos Ideal: Mein Wohntraum könnte so aussehen, dass alles hier gespiegelt wäre, also noch ein zweites Mal vorhanden. Dann hätten meine Frau und ich jeweils das gleiche Wohnatelier zum Arbeiten, aber mit Überschneidungsräumen wie Küche und Bad. Dieses Atelier würde sich in urbaner Lage befinden, jedoch mit einer Hintertür, die in einen Garten führt." (18.9.2017)

Nik Thoenen, geboren 1963 in Zwieselberg (Schweiz), ist Absolvent der Schule für Gestaltung in Biel. 1999 hat er das Kollektiv für visuelle und künstlerische Konzepte re-p.org in Wien und 2007 die Schriftenplattform Binnenland in Bern mitbegründet. Nach Tätigkeit für das Palais de Tokyo in Paris und das Swiss Institute in New York arbeitet er mittlerweile hauptsächlich an Projekten in den Bereichen Schriftdesign und Buchgestaltung.