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Andreas Maier über Thomas Bernhard: Wiederbelebungsmaßnahmen

16. September 2017, 15:00

Zwischen "Verstörung" und "Auslöschung": "Jedes neue Zucken des Leichnams führt zur Verklassifizierung", sagt Schriftsteller Andreas Maier. Auch er wird nächstes Wochenende beim Fest für Thomas Bernhard in Goldegg dabei sein – und lesen

Neulich bekam ich ein Buch zum Geburtstag geschenkt, das ich vorher schon zweimal gelesen hatte (einmal mit achtzehn und einmal ein paar Jahre später aus universitären Gründen) und das ich dann noch ein drittes Mal zu lesen versucht habe, aber da hatte es mich bereits angeödet, die Auslöschung von Thomas Bernhard. Das Besondere an dem Geschenk: es war von Thomas Bernhard persönlich signiert. Thomas Bernhard ist allerdings schon über ein Vierteljahrhundert tot, also muss der Signiervorgang entsprechend lang zurückliegen. Das Buch schenkte mir der Verleger Joachim Unseld.

Ich schlug das Buch zu Hause auf. Es roch nicht gut. Ich schrieb Joachim Unseld: Der Bernhard müffelt. Er schrieb zurück: Er ist ja auch schon länger tot. Ich erwiderte: Ich dachte, Literatur lebe ewig. Unseld schwieg darauf.

"So weit hatte es Thomas Bernhard zu Lebzeiten nicht geschafft: dass seine Unterschrift (wie jene von Udo Jürgens im Falle eines Bildbands, Anm.) in seine Bücher eingedruckt wird."
foto: horst ossinger

Jetzt habe ich zwei müffelnde Bücher zu Hause, das eine ist ein Bildband über Udo Jürgens vom Anfang der Siebzigerjahre, den ich neulich aus einem öffentlichen Bücherschrank geholt habe, das andere ist der Bernhard. Der Udo-Jürgens-Bildband ist ebenfalls mit einer Unterschrift versehen, jener von Udo Jürgens, aber diese ist natürlich eingedruckt. So weit hatte es Thomas Bernhard zu Lebzeiten nicht geschafft: dass seine Unterschrift in seine Bücher eingedruckt wird.

Auf der Bernhard-Gesamtausgabe, die seit einiger Zeit abgeschlossen ist, ist nun aber auch endlich der handschriftliche Schriftzug Thomas Bernhard aufgedruckt, sogar auf dem Umschlag, auf weißem Fond. Ein bisschen sehen die paarundzwanzig Bände damit aber wiederum bloß so aus wie das Grabmal von Udo Jürgens auf dem Wiener Zentralfriedhof: Da findet sich nämlich ebenfalls der handschriftliche Namenszug des großen Sängers auf weißem Fond. So scheint Thomas Bernhard auf ewig Udo Jürgens hinterherzulaufen.

"Wer durchs Salzburger Land fährt, könnte meinen, Bernhard sei eine Art Kleinmozart für die dortige Region geworden. Er ist auch so leicht wie Mozart geworden (übrigens war er das schon immer)."
foto: imago stock&people

Thomas Bernhard erfährt immer wieder Wiederbelebungsmaßnahmen, mal vom Verlag, mal von anderen. Damit hat es natürlich ein Problem, aber um dieses Problem wissen alle Beteiligten: Jedes neue Zucken des Leichnams führt zur Verklassifizierung. Wer durchs Salzburger Land fährt, könnte meinen, Bernhard sei eine Art Kleinmozart für die dortige Region geworden. Er ist auch so leicht wie Mozart geworden (übrigens war er das schon immer).

Eine Art Nummernoper

Auf sämtlichen Veranstaltungen, die Thomas Bernhard betreffen, sieht man ein ähnliches Publikum. Sie wissen, es kommt Unterhaltung auf sie zu, diese Unterhaltung ist schon deshalb nicht bedrohlich, weil sie immer dieselbe ist, und man lacht immer wieder aufs Neue über das, worüber man zu lachen sich ab den Achtzigerjahren bei Thomas Bernhard gewöhnt hat, als die größere Bekanntheit kam und ganz schnell aufgeräumt wurde mit dem dunklen, düsteren, gefährlichen Bernhard. Seine Dunkelheit und Düsterkeit (die übrigens auch schon immer so leicht waren wie Mozart) war damit dahin. Zurück blieb Thomas Bernhard als eine Art Nummernoper. Inzwischen kommt es auf den Interpreten an! Wie war der Moretti mit der Heidegger-Strickstrumpfszene? Wie war der soundso? Da gibt es immer Szenenapplaus. Das sind die österreichischen Perspektiven. Festspielperspektiven.

"Bernhards anfangs stark verrufene Bücher sind inzwischen ebenso kompatibel mit dem allgemeinen deutschen Publikumsbildungsgeist geworden, wie es früher die Bücher Hermann Hesses waren (oder erdulden mussten)."
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Die deutschen Perspektiven: Thomas Bernhard nimmt inzwischen die Rolle – nicht Mozarts, sondern Hermann Hesses – ein, zumindest im Verkauf hat er bei Suhrkamp Hesse neuerdings abgehängt (allerdings schwächelt Hesse derzeit auch stark). Bernhards anfangs stark verrufene Bücher sind inzwischen ebenso kompatibel mit dem allgemeinen deutschen Publikumsbildungsgeist geworden, wie es früher die Bücher Hermann Hesses waren (oder erdulden mussten). Die Deutschen changieren immer irgendwo zwischen Auskotzen und dem Wunsch nach umfassender Lebensberatung und holen beides meist bei Ausländern. Ich will die beiden Autoren nicht vergleichen. Ich will Bernhard auch nicht mit Mozart vergleichen (natürlich auch nicht mit Udo Jürgens). Ich rede hier nur von der deutschen Bernhard-Perspektive und der österreichischen. Bei den einen ein kleiner Mozart, bei den anderen ein ganzer Hesse. (Andreas Maier, 16.9.2017)

Andreas Maier, geb. 1967 in Bad Nauheim, ist ein deutscher Schriftsteller. Er schrieb seine Dissertation über Thomas Bernhard. Seine autobiografische Romanserie "Ortsumgehung" erscheint seit 2010 bei Suhrkamp. Zuletzt erschien "Der Kreis" (2016). Maier lebt in Hamburg.

Im Jahr 1967, also vor 50 Jahren, erschien der Roman "Verstörungen" von Thomas Bernhard, namensgebend für das Literaturfest im Seehof in Goldegg, das heuer vom 21. bis zum 24. September stattfindet und sich mit der Dreiecksbeziehung zwischen Thomas Bernhard, Peter Handke und Siegfried Unseld beschäftigt. Mit dabei u. a.: Peter Lohmeyer, Jens Harzer, Bibiana Beglau, Albert Ostermaier, Friedrich Ani, Raimund Fehlinger und Andreas Maier:

Verstörungen 2017 – Ein Fest für Thomas Bernhard, 21.–24.9., Der Seehof, 5622 Goldegg