Globaler Trend: Immer mehr Städter zieht es ins Gebirge

25. September 2017, 08:00

Der demografische Aufschwung in den Alpen wird vor allem durch Einwanderung aus den Städten befeuert, berichten Forscher

Innsbruck – "New Highlander" werden Menschen genannt, die von der Stadt ins Gebirge ziehen. Zur Ansiedelung in den alpinen Raum würden nicht nur landschaftlicher Reiz und Abgeschiedenheit motivieren, sondern auch Landliebe, berichten Forscher der Universität Innsbruck. Dabei handle es sich um einen weltweiten Trend, der am österreichischen Ostalpenrand jedoch vorbeigehe.

Anzeichen für einen demografischen Aufschwung haben die Wissenschafter in den Alpen statistisch nachgewiesen. Selbst in abgelegenen Gebieten, die von Abwanderung, niedriger Geburtenrate und hohem Altersdurchschnitt geprägt sind, findet seit einigen Jahren ein Bevölkerungsaustausch statt, so das Ergebnis des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts zu alpinen Wanderungsbewegungen. Dabei wurden insgesamt 70 Gegenden mit starker Zu- und Abwanderung in Slowenien, Frankreich, Italien und Osttirol untersucht.

Alpine Gentrifizierung

Diese Entwicklung sei darauf zurückzuführen, dass zunehmend Menschen aus der Stadt ins Gebirge ziehen würden. In manchen Orten könne man sogar von "einer Art alpinen Gentrifizierung" sprechen, berichtete Projektleiter Ernst Steinicke vom Institut für Geografie. Mit Gentrifizierung ist der Zuzug wohlhabender Bevölkerungsgruppen und die Abwanderung Ärmerer gemeint.

Die "Amenity Migration" genannte Wanderungsbewegung sei jedoch keine reine Wohlstandsmigration, bei der sich Zuzügler aufgrund von Annehmlichkeiten wie Sicherheit, Abgeschiedenheit und landschaftlichem Reiz einen zweiten Wohnsitz außerhalb der Stadt zulegen. Sie folge auch dem französischen "Neo-ruralisme", einer "neuen Landliebe", so Steinicke. Der Trend habe in den ausgehenden 1960er-Jahren im französischen Teil der Westalpen begonnen und sei in den 90er-Jahren nach Italien "übergeschwappt", so der Forscher. In den französischen Alpen sei die Zuwanderung heute stärker als die Abwanderung, in Italien halten sich Zu- und Abwanderung die Waage.

Junge Selbstversorger

Die Stadtflucht der "New Highlander" müsse man vom Erwerb eines Zweitwohnsitzes zu Erholungszwecken unterscheiden, so Steinicke. Die neuen Bergbewohner würden keine Freizeitwohnsitze gründen, sondern sich häufig längerfristig ansiedeln, multilokal arbeiten und sich in die Dorfgemeinschaft integrieren. Durch niedrige Grundstückspreise in peripheren Gebieten sei dies auch für jüngere Menschen und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen leistbar.

Zu den "Counter-Urbanen", die für immer aus der Stadt flüchten, gehörten Menschen, die im Ruhestand in ihre Heimat zurückkehren. Andere kämen durch Heirat oder als Gastarbeiter ins Gebirge, berichteten die Experten. Eine weitere Gruppe seien die "New Farmers": Junge Menschen ohne agrarischen Hintergrund, die ihren Traum von Selbstversorgung und Sinnsuche verwirklichen wollen.

"Im Friaul haben wir echte 'Ghost Towns' gefunden, verlassene Dörfer, die neu besiedelt wurden. Manche Orte haben sich von einstelligen zu dreistelligen Einwohnerzahlen gesteigert", sagte Steinicke. Voraussetzungen für den Zuzug seien meist ein befahrbarer Weg und eine Internetverbindung, da viele Zuzügler vom zweiten Wohnsitz aus arbeiten wollen. "Wir schätzen, dass im italienischen Alpenraum seit dem Jahr 2002 jährlich knapp 3.000 Menschen in den ländlichen Raum zuwandern", so Steinicke.

Ausnahme: Ostalpenrand

"Zuwanderer werden in Peripheriegebieten eher als Bereicherung empfunden und als Impulsgeber geschätzt", stellte der Forscher für Italien fest. Sie engagierten sich im kulturellen Leben und seien in die Dorfgemeinschaft integriert. Die Mithilfe neuer Landwirte könnte zum Beispiel auch den Hochwasserschutz in einem Dorf verbessern. Wenn jedoch zu viele Zuzügler kommen, würden die Bodenpreise steigen und die Jungen könnten sich kein Grundstück mehr leisten – Steinicke nennt das den "Kitzbühel-Effekt".

Den Gegentrend zur Landflucht hat der Geograph erstmals in der kalifornischen Sierra Nevada (USA) bemerkt. Heute erreichen ihn laufend Berichte über vergleichbare Phänomene in Gebirgszügen weltweit. Eine österreichische Region stelle jedoch eine Ausnahme dar: Der Ostalpenrand – in der Steiermark, dem südlichen Niederösterreich und Kärnten – werde als einzige Region der Alpen von dieser positiven Wanderungsbewegung nicht erfasst.

Dies liege daran, dass die Gegend von Großgrundbesitz geprägt und die Holznutzung stark sei, vermutet der Forscher: "Wenn kein Grundverkehr möglich ist, ziehen Menschen weg, aber es kommen keine neuen dazu. Daran wird sich bis auf weiteres auch nicht so viel ändern." (APA, 25.9.2017)