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Stoff statt Plastik am Babypopo

20. September 2017, 09:00

Die Plastikfreibewegung ist beim Wickeln angekommen: Immer mehr Eltern greifen zu Stoffwindeln. Ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert? Für Befürworter zählt nicht nur der Umweltgedanke, sondern auch die Gesundheit der Kinder.

Sieggraben/Wien – Im Garten laufen die Hühner umher, zwischendrin spielen die Kinder. Das idyllische Einfamilienhaus von Sonja Kabinger im burgenländischen Sieggraben dient nicht nur als Wohnhaus. Im Keller hat sich die Mutter von drei Kindern ihr "Windelparadies" eingerichtet. Bunte Öko-Babykleidung, plastikfreie Trinkflaschen und kleinkindgerechte Zahnpasta erhält man hier ebenso wie jene Artikel, die den Namen des Geschäftes erklären: Stoffwindeln. Kabinger hat ihre Kinder damit gewickelt. Sie war so begeistert von der Methode, dass sie ihren Beruf als Sozialarbeiterin an den Nagel hing, um ihr Geld damit zu verdienen. Zunächst vertrieb sie die Produkte via Webshop, später kam das Geschäftslokal dazu.

Stoffwindeln? Für Mütter und Väter, die mit ihren Neugeborenen ohnehin schon mehr als ausgelastet sind, mag das nach einer Horrorvorstellung klingen. Man assoziiert damit Wäscheberge und Windeln, die den Inhalt nicht halten können und mehr Arbeit als Erleichterung sind.

Doch die Befürworter von Stoffwindeln sind überzeugt: Mit dieser Wickelmethode spare man nicht nur Geld, man tue auch der Umwelt und der Haut des Babypopos etwas Gutes. "Die Stoffwindeln, die wir vertreiben, haben nur noch wenig mit den umständlichen Modellen früherer Zeiten zu tun", erklärt Kabinger. Das Produkt sei mittlerweile praktikabler geworden. Egal welche Marke, das Prinzip ist immer das gleiche. Man verwendet eine Stoffwindel, verschließbar mit Druckknöpfen, Klettverschluss oder Klammern, bestückt sie mit Einlagen und zieht dem Baby noch eine Überhose an, die es in diversen Designs gibt. Streifen, Punkte, Tiermotive: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Als Material wird bei Windeln und Einlagen Baumwolle, Hanf oder Bambus verwendet. Die Überhosen bestehen aus Wolle, Fleece oder laminiertem Polyester.

Abnahme der Spermienzahl

Dass kein Plastik zum Einsatz kommt, ist für viele Eltern ein Argument umzusteigen. Erst kürzlich nannten Reproduktionsforscher der Universität Münster die Plastikwindel als eine der Ursachen für die Abnahme der Spermienanzahl europäischer Männer. Nach einer Untersuchung der Universität Kiel liegt das daran, dass in Wegwerfwindeln eine um ein bis zwei Grad höhere Temperatur am Hoden als in einer Stoffwindel vorherrsche.

Punkto Umweltbelastung führen die Stoffwindelvertreiber ins Treffen, dass ein Baby während des Wickelalters zwischen 4500 und 6000 Windeln verbrauche, was einem Abfallberg von mehr als einer Tonne entspricht. Kritiker fürchten jedoch die Kosten für Wasser, Strom und Waschmittel bei Stoffwindeln. Doch auch diesem Argument wird gekontert: Bei einer Wegwerfwindel muss man mit Kosten von rund 15 Cent rechnen. In vielen Fällen müsse außerdem das größere Müllaufkommen im Haushalt extra bezahlt werden.

Wickeln muss man Babys mit Stoffwindeln übrigens so oft wie mit Einwegwindeln – fünf- bis sechsmal am Tag. Alle zwei Tage werden die schmutzigen Stoffwindeln gewaschen. Als Startpaket empfehlen Vertreiber 20 Windeln und zwei bis drei Überhosen. Letztere müssen nicht jedes Mal gewaschen werden. Kostenpunkt für Beginnersets: rund 250 Euro.

Stoffwindel wird gefördert

Immer mehr Kommunen fördern die Anschaffung von Stoffwindelsets. Die Stadt Wien legt dem Wickelrucksack, den sich Eltern nach der Geburt ihres Kindes in einem der Eltern-Kind-Zentren abholen können, den sogenannten Wickelgutschein bei. Das Starterset kostet damit statt 250 Euro nur noch 150 Euro. Die Kosten für den Gutschein teilen sich Stadt Wien und Stoffwindelvertreiber.

Geht man also von 15 Cent pro Plastikwindel aus, hat man die Kosten nach 1000 Mal Wickeln wieder herinnen. Das entspricht einer Wickeldauer von etwa sieben Monaten. Kleinkinder tragen bis mindestens zum zweiten Geburtstag Windeln.

Gerhard Feyferlik kreierte in den 1980er-Jahren die Windelmarke Popolini und ist Obmann des Vereins Wiwa, der die Kostenerstattung österreichweit abwickelt. Laut Statistiken des Vereins ist die Zahl jener Personen, die den Wickelgutschein einlösen, in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. 2016 haben in Wien 340 Personen die volle Förderung in Höhe von 100 Euro, 84 Personen die halbe Förderung in Höhe von 50 Euro abgeholt. 2012 waren es noch 192 Personen, die die volle Förderung ausschöpften, 40 Personen bezogen die halbe Förderung. Bei fast 21.000 Geburten im Jahr 2016 bewegt man sich dennoch im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der Verein Wiwa schätzt "vorsichtig", dass etwa fünf Prozent aller Eltern mit Stoffwindeln wickeln – "weil die Windeln fast immer auch noch für ein zweites Kind halten".

Den Gutschein kann man auch bei Sonja Kabinger im Kellerlokal im Burgenland einlösen. Sie schickt Testpakete zu oder führt Beratungsgespräche vor Ort. (Rosa Winkler-Hermaden, 20.9.2017)