Foto: AP / Wilfredo Lee

Mikroplastik in den Meeren: Von der Wäsche auf den Teller

21. September 2017, 09:00

Mikrofasern aus Fleece und anderen synthetischen Stoffen verschmutzen massiv die Meere. Sie sind so klein, dass kein Filter sie aufhält. Besonders belastet ist das Mittelmeer. Forscher und Aktivisten suchen jetzt nach Lösungen.

Den Sommer hat Montserrat Compa auf dem Meer verbracht. Nicht um zu segeln oder zu surfen, sondern um Müll zu sammeln. Die Umwelttechnikerin forscht am spanischen ozeanografischen Institut in Palma zur Verschmutzung des Mittelmeers vor den Balearen. Ihr Interesse gilt dem Mikroplastik, also Partikeln, die kleiner als fünf Millimeter sind. Mit feinen Netzen hat sie rund um Mallorca Proben genommen. Die liegen jetzt in kleinen, runden Plastikdosen und warten auf ihre Auswertung.

"Wir sehen Ecken von Plastiktüten, Pellets zur Weiterverarbeitung zu Plastik, Fäden aus Fischernetzen, bunte Reste von Flaschen oder Dosen", sagt Compa und betrachtet ihre Funde. Vieles davon treibt eine Zeitlang auf der Oberfläche und wird dann von den Wellen an Land gespült. "Als ich klein war, habe ich noch Muscheln und so was am Strand gesammelt, heute sind es jedes Mal zwei Sackerln voll Müll."

Mallorca hat mehr als 200 Strände und ist ein Beispiel für die massive Verschmutzung des Mittelmeers mit Plastikmüll. Greenpeace schätzt, dass allein im westlichen und zentralen Mittelmeer knapp 1500 Tonnen Plastik treiben. Je länger das Plastik im Meer ist, desto kleiner wird es. Das Ozon der Sonne und die Wellen zerkleinern es zu Mikropartikeln. Die sinken auf den Meeresgrund oder verschwinden in den Mägen von Meerestieren, denn viele verwechseln sie mit Plankton. Etwa ein Drittel der Fische, die Montserrat Compa bisher untersucht hat, hatte Mikroplastik im Magen: Streifenbarben, Makrelen, Sardinen, Sardellen.

Schlucken es die Speisefische, schluckt es irgendwann auch der Mensch. "Der Magen wird zwar entfernt, aber Plastik hat sogenannte persistente, organische Schadstoffe, die direkt in die Nahrungskette eingehen", sagt Compa.

Viele Fasern aus Fleece

Was die Fische essen, isst auch der Mensch, wenn wir die Fische auf dem Teller haben. Indirekt essen wir also unsere eigene Kleidung. Besonders problematisch ist die Verschmutzung des Meeres mit synthetischen Fasern, die beim Waschen aus T-Shirts, Pullis oder Jacken ausgespült werden. Sie sind kürzer als ein Millimeter und fließen durch den Filter der Waschmaschine ebenso wie durch die Filter der Kläranlage direkt ins Meer.

Die Chemietechnikerin Àngels Rovira war an dem europäischen Forschungsprojekt Mermaids beteiligt. Im Jahr 2013 hat die EU knapp 1,3 Millionen Euro ausgeschrieben, um die Ausspülung von Chemiefasern ins Meer zu untersuchen. Drei europäische Forschungseinrichtungen und eine Umweltorganisation haben sich beteiligt. Die Ergebnisse werden gerade ausgewertet. Sie sollen als Grundlage für neue Richtlinien dienen.

Rovira hat in Barcelona zwei Jahre lang Wäsche gewaschen, das Abwasser untersucht und dabei den Auswaschprozess analysiert. Besonders viele Fasern lösen sich aus Fleece. "Das sind extra behandelte Stoffe, die Fasern werden aufgeraut, damit sie flauschig sind", erklärt Rovira. "Wenn man mit den Fingern oder einer Pinzette etwas zupft, gehen die Fasern so schon relativ leicht ab."

Rund eine Million Mikrofasern gelangen beim Waschen einer Fleecejacke ins Meer. Besonders Outdoor-Marken und Hersteller von Sportkleidung sind in der Verantwortung, denn sie verwenden sogenannte Klimastoffe aus Kunstfasern wie Polyester, Nylon oder Acryl. Die sind nicht biologisch abbaubar und stehen im Widerspruch zu den Werten vieler Kunden: Menschen, die sich gern in der Natur aufhalten.

Bis neue Stoffe entwickelt sind, kann man den eigenen ökologischen Fußabdruck beim Waschen jedoch auch selbst etwas verkleinern. Rovira empfiehlt Flüssigwaschmittel und Schonwaschgänge mit niedriger Temperatur und kleiner Schleuderdrehzahl. Denn dadurch lösen sich weniger Fasern aus den Kleidungsstücken.

Waschsack schluckt Fasern

Und seit ein paar Monaten gibt es einen Waschsack aus sehr engmaschigem, unbehandeltem Polyamid. Er nennt sich Guppy Friend. Entwickelt haben ihn die Berliner Unternehmer und Umweltaktivisten Alexander Nolte und Oliver Spies. Drei Jahre lang haben sie an ihrem Produkt getüftelt. Jetzt versichern sie, dass "rund 75 Prozent der Mikrofasern im Sack bleiben".

Für Nolte ist Guppy Friend aber nicht die Lösung des "massiven Problems". Der Waschsack mache es lediglich sichtbar, und zwar jedes Mal, wenn man die Fasern nach dem Waschen aus dem Sack zupft. "Was all das Mikroplastik mit unseren Meeren macht, das kann heute noch keiner abschätzen", sagt er. (Brigitte Kramer aus Palma, 21.9.2017)