Foto: Navigator Film/Thimfilm

Ist mein Baby im Bauch gesund oder nicht?

19. September 2017, 10:00

Der Filmessay "Die dritte Option" beleuchtet die biopolitischen Auswirkungen der vorgeburtlichen Untersuchungen

Wien – Geplant war alles ganz anders. Eine junge Frau ist im fünften Monat schwanger. Als die Frauenärztin fragt, ob sie ein Organscreening machen möchte, willigt sie ein. Sie denkt sich: "97 Prozent aller Kinder kommen gesund zur Welt. Warum soll mein Kind eines von den drei Prozent sein?" Doch während der Ultraschalluntersuchung entdeckt die Ärztin zu viel Flüssigkeit im Gehirn. Die Diagnose: Hydrozephalus, ein Wasserkopf. Eine schwerwiegende Entscheidung steht an – die Frau beschließt, die Schwangerschaft mit einer Spätabtreibung durch Fetozid zu beenden.

Das Szenario stammt aus dem Dokumentarfilm Die dritte Option, der derzeit in Österreichs Kinos läuft. Darin lenkt Regisseur Thomas Fürhapter den Blick auf die biopolitischen Implikationen der Pränataldiagnostik (PND) und zeichnet das beunruhigende Bild einer Gesellschaft, die sich der Normierung und Selbstoptimierung verschrieben hat. Behinderung hat da wenig Platz. Ein filmischer Essay, der in nüchternen Bildern und lakonischen Off-Kommentaren die Komplexität des Themas vor Augen führt und zur Diskussion anregt. Expertinnen aus dem Bereich sprechen mit dem STANDARD über ihre Filmeindrücke und berichten aus der medizinischen Praxis.

Eine Frage der Selbstbestimmung

"Uns Pränataldiagnostikern wird vieles vorgeworfen, etwa dass wir Rasterfahndung nach Trisomie 21 machen würden", sagt Katharina Schuchter. Sie ist Fachärztin für Gynäkologie, Geburtshilfe sowie Humangenetik und seit 27 Jahren in der Pränatalmedizin tätig. "Es gibt zahlreiche pränataldiagnostische Angebote, die Frauen während einer Schwangerschaft helfen – und Leben retten", sagt sie. Manchmal findet man dadurch heraus, dass man das Kind früher holen muss, um es zu schützen. Oder bei Herzfehlbildungen, hier können Geburt und medizinische Versorgung des Kindes entsprechend vorbereitet werden. Pränataldiagnostik stellt für Schuchter zweifelsohne eine positive Errungenschaft der modernen Gynäkologie dar.

"Jede schwangere Frau hat Angst, dass ihr Kind nicht gesund sein könnte. Ich kann 97 Prozent der Frauen beruhigen", sagt die Gynäkologin. Und die restlichen drei Prozent? In den meisten Fällen würden sich die Frauen für einen Abbruch der Schwangerschaft entscheiden. "Natürlich ist das eine belastende Situation. Aber für die betroffenen Frauen ist es wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, sich zu entscheiden", so Schuchter.

Manchmal kommen Diagnose und Entscheidung erst zu einem späten Zeitpunkt. Ab der 23. Schwangerschaftswoche erfolgt ein Abbruch nach vorangegangenem Fetozid. Das bedeutet, dass der Fötus im Mutterleib mittels einer Injektion getötet werden muss, bevor die Geburt eingeleitet wird. Was Frauen und ihre Partner in dieser Zeit brauchen, ist psychologische Begleitung.

Gemeinsam statt einsam

Anita Weichberger arbeitet als klinische und Gesundheitspsychologin an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am Wiener AKH. Ab der ersten Auffälligkeit in der Diagnose steht sie dem Paar zur Seite. Ihr Kommentar: "Der Film zeigt, wie sehr man sich mit der Entscheidung alleingelassen fühlt." Die Hauptlast liege auf den Schultern der Frauen. Weichberger: "Die Erfahrung zeigt aber, dass Paare zu ihrem Entschluss stehen können, wenn professionelle Unterstützung in Anspruch genommen wurde." Nicht alle Diagnoseeinrichtungen verfügen über psychologische Betreuung.

Gerda Kosnar-Dauz steht den Angeboten der Pränataldiagnostik von Berufs wegen kritisch gegenüber. Sie ist Allgemeinmedizinerin und begleitet Schwangere im Rahmen der Bindungsanalyse, einer Methode zur Vertiefung der vorgeburtlichen Mutter-Kind-Beziehung. Pränataldiagnostik wirke sich auf die pränatale Mutter-Kind-Bindung aus: "Alle Kinder müssen eine Qualitätskontrolle durchlaufen, bevor man sich entscheidet, ob man sie haben will oder nicht", sagt sie. Bei manchen Tests kann es zehn Tage dauern, bis ein Ergebnis vorliegt.

Zu wenige Daten

Kosnar-Dauz: "In dieser Zeit stehen die Kinder zur Disposition. Sie werden gecheckt, ob sie okay sind oder nicht." Und: Fetozid sei in Österreich ein wenig dokumentierter Bereich. Die anbietenden Stellen entscheiden, wie sie den Prozess gestalten. Auch gäbe es keine Statistiken, so Kosnar-Dauz. Was ihr am Film gefallen hat? Die Diskrepanz zwischen Ton- und Bildebene. Dadurch, dass die gesprochene Tonspur den Bildern nicht gefügig gemacht werde, bleibe Raum für eigene Gedanken. Ihr Fazit: Früher hätten sich Frauen bewusster entschieden, ob und welche Tests sie machen würden. Pränataldiagnostik werde mittlerweile wenig hinterfragt. (Christine Tragler, 19.9.2017)

Hintergrund: Fakten zu Pränataldiagnostik

Den Anstoß für die Entwicklung der pränatalen Diagnostik (PND) gab der britische Gynäkologe Ian Donald 1958 mit der erstmaligen sonografischen Darstellung eines ungeborenen Kindes. Durch die PND werden heute Organfehlbildungen und Chromosomenstörungen wie Trisomie 21, 18 oder 13 festgestellt.

Bei den Methoden unterscheidet man zwischen nichtinvasiven und invasiven Verfahren. Nichtinvasive Methoden umfassen Untersuchungen via Ultraschall, etwa Nackenfaltenmessung und Organscreening, wie auch Bluttests und nichtinvasive pränatale Tests (NIPT). Zu den invasiven Verfahren zählen die Fruchtwasserpunktion, die Chorionzottenbiopsie oder die Nabelschnurpunktion. Sie bringen ein erhöhtes Risiko für eine Fehlgeburt (1:100) und kommen zur Anwendung, wenn Untersuchungen auffällig waren. Die Angebote der PND sind in Österreich kostenpflichtig. Sie werden von 85 bis 90 Prozent der Frauen in Anspruch genommen.

Zum Weiterlesen:

Geplanter-Abort: Eine-Entscheidung als autonom erleben

Geplanter Abort: Eine tabuisierte Realität

Nach Fehlgeburt: Besser schnell wieder schwanger werden

Kinderwunsch: Wenn Fruchtbarkeit ein Problem ist

Rezension: "Die dritte Option": Eine Entscheidung, zu schwer für das Leben