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Mexikanischer Priester: "Clinton fand ich fast so schlimm wie Trump"

Interview |
24. September 2017, 09:00

Alejandro Solalinde, der als "Migrantenheiliger" gefeiert wird, über Mordversuche und seinen Besuch bei Bernie Sanders

STANDARD: Sie haben mit 60 Jahren entschieden, dass es Ihnen nicht reicht, in Kirchen zu predigen. Wie kam es dazu?

Solalinde: Ich habe mich immer mehr als Missionar gesehen. Ich wollte mich um die kümmern, um die sich niemand kümmert. Das war auch schon so, bevor ich mich dazu entschieden habe, Herbergen für Migranten aus Mittelamerika zu gründen. Das Predigen hat mir einfach nicht gereicht. Und ich bin glücklich in der Kirche, ich bin glücklich, ein Teil von ihr zu sein. Aber sie ist so unbeweglich. Ich bin es nicht.

STANDARD: Sie haben sechs Herbergen für Migranten. Wie finanzieren Sie diese?

Solalinde: Wir haben bereits vereinzelt Spenden erhalten, beispielsweise von der University of Notre Dame in Indiana oder vom Museum der Erinnerung und Toleranz in Mexiko-Stadt. Das nationale Institut für soziale Sicherheit zahlt für zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern. Die Gemeinschaft United Indian Mission Inc. (UIM) und der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen zahlen psychologische Programme. Und wir haben selbst drei kleine Miniunternehmen – eine Bäckerei, einen Bauernhof und eine Tischlerei – gegründet, um Geld zu bekommen.

STANDARD: Wie viele Menschen sind momentan in den Herbergen untergebracht?

Solalinde: Etwas mehr als 300, momentan sind es wenige. Aber es sind schon mehr als 1.000 Menschen an einem Tag gekommen, und wir weisen niemanden ab.

STANDARD: Hat sich seit der Wahl von Donald Trump viel in den Herbergen geändert?

Solalinde: Es gibt durchaus mehr lateinamerikanische Menschen, die aus den USA zurückkehren, doch das ist kaum merkbar. Mir ist einmal von Migranten in Nevada erklärt worden: "Wir haben keine Angst vor Donald Trump. Er hat Angst vor uns." Und das ergibt Sinn für mich. Ich denke übrigens auch nicht, dass die Mauer etwas nutzen wird. Alles, was sie tun wird, ist die Paranoia von Menschen wie den White Supremacists zu lindern.

STANDARD: Als Sie 2007 die erste Herberge eröffnet haben, war es verboten, Migranten zu helfen. Welche Rolle haben Sie in der Legalisierung gespielt?

Solalinde: Es gab damals kein Migrationsgesetz, nur ein generelles Bevölkerungsgesetz. Da stand, dass Migranten illegal sind. Und dass diejenigen, die ihnen helfen, auch illegal handeln. Ich war damals noch Teil des mexikanischen Bischofsamts und bin gemeinsam mit anderen Mitgliedern – wir waren insgesamt 150 – zum Senat gegangen, und dort haben wir durchgesetzt, dass die Gesetze im Zusammenhang mit Migration geändert werden. Das war wichtig, denn Migranten hatten keine Rechte. Sind sie Opfer eines Verbrechens geworden, wurden sie bei der Polizei abgewiesen, und auch in Krankenhäusern haben sie keine medizinische Versorgung bekommen.

STANDARD: Haben Sie irgendwann die Hoffnung verloren oder gedacht, alles könnte scheitern?

Solalinde: Ich weiß noch genau, die schlimmsten Tage meines Lebens waren die vom 24. bis zum 30. Juni 2008. Da wurde aktiv versucht, mich zur Schließung der Herberge zu zwingen.

STANDARD: Wer hat das versucht?

Solalinde: Mein Projekt hat mir viele Feinde gemacht. Viele davon Politiker, mächtige noch dazu. Zuerst kam Felipe Girón Villalba, der ehemalige Leiter der Gemeinde Ixtepec in Oaxaca, der hat Leute geschickt, um mich verprügeln zu lassen. Bürgermeister Gabino Gúzman Palomec hat dann niemanden mehr geschickt. Er ist selber gekommen, mit einigen Begleitern, Steinen und Stöcken und Benzin in den Händen, um die Herberge und mich in Brand zu setzen.

STANDARD: Und was ist dann passiert?

Solalinde: Wir haben sie davon abhalten können, aber sie haben mich festgenommen und mich sieben Stunden in einer kleinen Kammer eingesperrt. Irgendwann sind sie dann gekommen und haben gesagt, ich müsste unterschreiben, dass ich die Herberge schließen werde, oder sie würden mich nicht mehr weglassen. Ich habe mich geweigert. Ich denke, sie haben wohl die Geduld verloren und mich freigelassen, aber nur, um mich zwei Tage später wieder festzunehmen. Dieses Mal für fünf Stunden. Sie haben dann den Bischof dazugeholt. Den Bischof! Und er hat mich darum gebeten, die Herberge zu schließen.

STANDARD: Wie haben Sie die Situation gelöst?

Solalinde: Ich habe gesagt: "Ich würde gerne wissen, ob das ein Befehl ist oder ein Vorschlag." Er hat geschwiegen. Ich habe gesagt: "Hören Sie, Sie sind ein Bischof, und Sie haben mir noch keinen Peso an Hilfe gegeben für diese Menschen. Sie haben Sie noch nie besucht. Wenn Sie schon nicht helfen, dann stehen Sie mir zumindest nicht im Weg." Er hat dann gesagt, es sei ein Vorschlag. Ich habe gesagt: "Danke, ich nehme ihn zur Kenntnis. Und ich sage Nein."

STANDARD: Warum haben Sie sich mit Ihrem Projekt Feinde gemacht?

Solalinde: Mit den Migranten werden viele Geschäfte gemacht, und es ist leicht, denn niemand schützt sie. Entführungen, Menschenhandel, Organhandel, Prostitution. Alles mögliche. Und ich stehe da im Weg, weil ich ihnen einen Zufluchtsort biete.

STANDARD: Und Sie denken, die Politiker sind – oder waren – darin verwickelt?

Solalinde: Aber ja. Nehmen wir Fidel Herrera Beltrán als Beispiel. Er war 2004 bis 2010 Gouverneur von Veracruz und ein unglaublich korrupter Politiker. Man hat ihn sogar "Z-1" genannt, eine Anspielung auf seine Verbindungen mit den organisierten Kriminellen von "Los Zetas". Es war offensichtlich.

STANDARD: Das Drogenkartell trachtet Ihnen nach dem Leben und hat Kopfgeld auf Sie ausgesetzt. 2012 wurde es so gefährlich, dass Sie für eine Weile das Land verlassen mussten. Wie ist es seit Ihrer Rückkehr?

Solalinde: Ich habe seitdem Bodyguards, die mich rund um die Uhr beschützen. Ich bin froh darüber, denn es kommt immer wieder zu Zwischenfällen. Letztes Jahr zum Beispiel, da waren wir gerade in Mérida unterwegs und sind im Auto gesessen. Sie müssen wissen, meine Bodyguards sind sehr diskret. Wenn sie unruhig sind, lassen sie es sich kaum anmerken. Aber ich kenne sie schon gut und ich beobachte sie. Also ist mir schnell aufgefallen, dass etwas nicht gestimmt hat. Einer von ihnen hat ständig in den Rückspiegel geschaut. Irgendwann hat er sich dann zum Fahrer gedreht und gesagt: "Fahr' mal links um die Kurve." Immer wieder. Das Auto hinter uns ist auch eingebogen, immer wieder. Wir sind dann stehengeblieben, und meine Beschützer sind ausgestiegen, große Waffen in den Händen. Da ist das Auto langsam vorbeigefahren. Wenige Tage später ist das Gleiche passiert. Ich weiß nicht, was ohne sie passiert wäre.

STANDARD: Und wie leben Sie damit?

Solalinde: Gut. Ich bin ruhig. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Der Tod ist doch nichts anderes als ein Schritt zu einer besseren Welt. Ich will natürlich nicht sterben, ich liebe das Leben. Aber darauf habe ich nun mal keinen Einfluss.

STANDARD: Wissen Sie, ob es andere Priester gibt, die Ähnliches gemacht haben wie Sie und deshalb getötet wurden?

Solalinde: Die gibt es bestimmt. Priester, Politiker, Journalisten. Und wie gesagt, bei mir haben sie es auch schon versucht, aber sie haben mich noch nicht erwischen können. Und jedes Mal, wenn sie mich nicht töten, kostet es sie mehr und mehr Macht.

STANDARD: Sie haben letztes Jahr Bernie Sanders besucht. Wie haben Sie den Besuch empfunden?

Solalinde: Es hat etwas skurril angefangen. Eine Weile davor hatte in ich einem Interview einmal gesagt: "Ich hoffe, Trump gewinnt, dann wird alles auf die Amerikaner niederkrachen, was sich schon so lange anstaut, und sie werden daraus lernen." Er dachte wohl, ich sei ein Unterstützer von Trump, denn er hat mich warten lassen und irgendwann jemanden rausgeschickt, um zu sagen, dass er nicht mit einem Trump-Fan sprechen würde. Als ich die Lage aufgeklärt habe, ist er dann zu mir gekommen, und wir haben geredet. Ich dachte immer schon, dass er anders ist. So anders, wie man als US-Amerikaner eben sein kann. Er hat sehr interessante Ansätze gebracht, neue Ideen, die mir teilweise sehr gefallen haben. Vor allem stand er aber in einem starken Kontrast zu Hillary Clinton. Sie fand ich, was viele Thematiken angeht, fast so schlimm wie Trump. Nur gezügelter und mit einem freundlicheren Gesicht.

STANDARD: Bei all den grausamen Geschichten, die Sie schon von Migranten hören müssen – gewöhnt man sich daran?

Solalinde: Ich fühle immer noch mit und leide mit. Viele Geschichten bleiben in meiner Erinnerung, und sie tun alle weh. Aber keine nimmt mir die Hoffnung.

STANDARD: Sie haben in den vergangenen Jahren sicherlich viel über andere Menschen und Menschlichkeit gelernt, aber haben Sie auch etwas über sich selbst lernen können?

Solalinde: Habe ich tatsächlich. Ich bin sehr ungeduldig. Und ich habe bemerkt, dass mich das zurückgehalten hat. Ich wollte Gott spielen. Ich wollte alle Macht haben, nur für einen kleinen Moment, nur um alles ins Lot zu bringen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Doch so funktioniert es nicht. Und ich habe auch gelernt, mit allem im Reinen zu sein. Ich hege keinen Groll, ich hasse niemanden, ich glaube an das Gute – ich bin der reichste Mann auf Erden! (Carla Márquez, 24.9.2017)

Alejandro Solalinde (72) studierte an mehreren Universitäten in Mexiko Geschichte, Philosophie, katholische Theologie, klassische Literatur und Familientherapeutik und arbeitete danach viele Jahre als Priester. 2007 gründete er im Bundesstaat Oaxaca das Zentrum "Hermanos en el Camino" (Brüder unterwegs), dem sechs Herbergen angehören. Aufgrund seiner Arbeit ist er seit rund zehn Jahren im Visier von Drogenkartellen und Menschenhändlern, die sogar ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt haben.