Foto: Aljosa Rebolj

"La Traviata": Supermodel auf der Intensivstation

18. September 2017, 16:16

Giuseppe Verdis Oper eröffnet die Spielzeit im Stadttheater Klagenfurt

Klagenfurt – Musikalisch makellos und szenisch verwegen heutig – das Stadttheater Klagenfurt beginnt die Spielzeit mit einer Traviata, die unter die Haut geht. Der Glamour der High-Society-Partys steht von Anfang an in Kontrast zur Krankengeschichte des Supermodels mit dem tuberkulosebefallenen, aber immer noch begehrten und käuflichen Körper. Wenn nach einer Video-Einspielung aus Jean-Luc Godards Verachtung mit Brigitte Bardot zu eingeblendeten Röntgenbildern minutenlang die künstliche Beatmungsmaschine pumpt und das EKG-Gerät bedrohlich unregelmäßige Geräusche erzeugt, sorgt die endlich wieder einsetzende Musik geradezu für Erleichterung.

Giuseppe Verdis in der Traviata erstmals verfolgte Absicht, eine realistische Oper mit einem Gegenwartsstoff zu schaffen, wird von Richard Brunel kompromisslos umgesetzt. Den Stierkämpfersketch auf Floras Ball nutzt er, um alle Männer als Gehörnte zu zeigen. Die Dienerin der Heldin schüttelt es das ganze letzte Bild vor Heulen. Das letzte Aufflackern der Violetta liegt an der Verabreichung einer Morphiumspritze.

Angesichts der 164 Jahre seit der Uraufführung bewegt sich manches auch hart am Stilbruch. Dass Alfredo sein Liebesglück dem Handy anvertraut, wirkt gezwungen. Statt dass er sich via Tablet informiert, wo die Partys laufen, hätte man die Originalversion mit der herumliegenden Einladung lassen können. Die Details treten aber in den Hintergrund der Gesamtatmosphäre, die die Wirkung der Musik unterstützt. Brunel kennt die lyrischen und dramatischen Momente, in denen Verdi dem Publikum Schauder über den Rücken jagen wollte.

Darin treffen sich die Regie, das prächtig aufspielende Kärntner Sinfonieorchester unter der immer sicherer formenden Hand seiner ersten Kapellmeisterin Giedre Slekyte, der von Günter Wallner perfekt einstudierte Chor und ein fein zusammengestelltes Ensemble von außerordentlicher Qualität.

Die Irin Claudia Boyle schafft, unbeeindruckt von allen großen Rollenvorbildern, mit ihrem feinen, federleicht schwingenden, betörend schönen Sopran eine ganz eigenständige Interpretation der Violetta. Auch darstellerisch eine ideale Besetzung. Wunderbar harmoniert sie mit dem Bass Domenico Balzanis (Vater Germont). Und Giordano Lucà ist ein Alfredo, dessen stärkste Momente zwar noch nicht in den Ensemblenummern liegen, aber seine Arien und Duette zeugen von großer Gefühlstiefe und bestechend exakter Stimmkultur. So anregend kann die Spielzeit weitergehen. (Michael Cerha, 18.9.2017)