Foto: Christoph Malin

Der Weg ist das Ziel: Falsches Fahrverhalten zerstört mehr als nur Trails

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19. September 2017, 08:00

Egal ob im Bikepark oder am Singletrail, Mountainbiker sollten möglichst wenige Spuren hinterlassen. Eine wichtige Regel, die in Vergessenheit zu geraten droht

Innsbruck – Die Diskussionen um Mountainbiker und ihre Berechtigung auf den Bergen reißen nicht ab. Neben dem Argument der angeblichen Gemeingefährdung gibt es auch jenes, dass Radler angeblich die Wege zerstören, das gern und häufig vorgebracht wird. Ersteres fußt vor allem auf Gerüchten und Schauermärchen – ich wiederhole an dieser Stelle den Aufruf, sich bitte per E-Mail zu melden, sollten Sie jemals von einem Mountainbiker verletzt oder in Gefahr gebracht worden sein. Die Zerstörung von Wegen durch mutwillig falsche Brems- und Fahrtechnik ist jedoch ein Thema, dem sich die Mountainbikeszene, aber auch die Hersteller und Special-Interest-Magazine, Webseiten und Blogs selbstkritisch stellen müssen.

Zwei Videos sorgen für Diskussionen

Aktuell sorgen zwei Videos für rege Diskussionen. Das Bulls-Gravity-Team hat sich auf E-Bikes ausgetobt und das filmisch festgehalten. Was als Werbefilm gedacht war, endete in einem Shitstorm. Zahlreiche Mountainbiker echauffierten sich ob der rücksichtslosen Fahrweise, die dort dargeboten wird. Sogar die Initiative Open Trails, die sich für mehr Akzeptanz des Mountainbikesports in Deutschland einsetzt, schaltete sich ein und beklagte, dass das Bulls-Team der Szene mit derlei Videos einen Bärendienst erweise.

Nicht nur schöne Bilder: Viele Mountainbiker stoßen sich am Fahrstil Fabio Wibmers im hochalpinen Gelände.
fabio wibmer

Das zweite Beispiel betrifft Österreichs Popstar unter den Mountainbikern, Fabio Wibmer. Er hat für seinen Sponsor Red Bull ein Werbevideo gedreht, das ihn dabei zeigt, wie er die Berglaufstrecke des Dolomitenmanns hinunterfährt. Neben der Tatsache, dass für den Dreh zwei Hubschrauber im Gebirge unterwegs waren, sind es vor allem die langen Bremsspuren, die Wibmer im hochalpinen Gelände hinterlässt, die in Bikeforen für Aufregung sorgen.

Vertriders Trailetikette

Dabei haben schon die Innsbrucker Vertrider, die Pioniere in Sachen hochalpiner Trailbefahrungen, vor mehr als 15 Jahren eine sogenannte Trailetikette entwickelt. Zahlreiche Mountainbiker haben sich diesen Regeln verschrieben, und selbst der österreichische und der deutsche Alpenverein haben diese Regeln mittlerweile für Mountainbiker übernommen. "Es geht im Grunde darum, möglichst keine Spuren auf den Wegen zu hinterlassen", erklärt Christoph Malin, Vertrider-Gründer und Mitbegründer des OeAV-MTB-Bundeslehrteams. Der Gedanke dahinter war schon damals, Konflikte mit anderen Wegnutzern, die sich an derartigen Spuren stören könnten, möglichst zu vermeiden.

Die alte Vertrider-Schule: Christoph Malin zeigt, wie man im sehr steilen und mit viel Schotter versehenen Gelände trailschonend sein Bike bergab bewegt.
christoph malin

Aber letztlich dient es auch dem Selbstzweck, die Trails schonend zu nutzen und so Zerstörungen zu vermeiden. Denn solange die Reifen Traktion haben, ist man sicherer und meist auch flowiger unterwegs. "Die wegschonende Fahrweise – dosiertes Bremsen, Hinterrad in Serpentinen versetzen – ging schnell in unsere DNA über", erinnert sich der Ur-Vertrider. Heute ist die Trailetikette jedoch vielerorts in Vergessenheit geraten. "Es findet ein Wandel statt. Die Generation der Pioniere wird von der Generation Bikepark abgelöst. Viele junge Fahrer lernen Biken fast ausschließlich in Bikeparks und können zwar gut springen und driften, aber einen Naturtrail nicht wirklich wegschonend fahren", sagt Malin.

Der Bikepark-Fahrstil der Jungen mit vielen Drifts wird von den Videos der Profis inspiriert und ist auf Naturtrails, die dadurch enorm Schaden nehmen, ein Problem. "Ich habe wirklich nichts gegen Bikeparks, aber die Veränderungen durch diesen neuen, rücksichtslosen Fahrstil sind beispielsweise in Innsbruck im Zeitraffer zu beobachten", beklagt Malin. Auch alpine Trails, die die wachsende Szene in Innsbruck seit mehr als 20 Jahren problemlos befuhr, würden seit drei, vier Saisonen regelrecht kaputtgebremst. "Auf einem sehr beliebten Trail im Stubaital, auf dem Biker bisher geduldet wurden, sind mittlerweile über 27 Abschneider entstanden", erzählt Malin. "Und jetzt müssen wir uns gegenüber den Almbesitzern rechtfertigen, was mit den Bikern los ist."

160 Stunden pro Woche für die Trailpflege

Christian Zangerl, Manager des Bikeparks Serfaus-Fiss-Ladis, kennt das Problem ebenfalls. Er vergleicht die Bildsprache, die heute im Gravity-Biken verwendet wird, mit jener aus dem Wintersport: "Nur dass im Winter der Pulverschnee staubt, während im Sommer Dreck und Steine fliegen." Zwar ist es im Bikepark nicht verboten, jeden Anlieger im Drift zu nehmen, doch es tut der Strecke nicht gut. Größtes, auf falsches Fahrverhalten zurückzuführendes Ärgernis im Park sind aber Bremswellen.

Breaking Bad – auch im Bike-Himmel Whistler sorgt der Teufel in Form von Bremswellen für Kopfzerbrechen.
whistler blackcomb

Auch sie sind auf falsches Fahrverhalten zurückzuführen. Bikepark-Guru und Whistler-Erbauer Tom Prohaszka predigt zwar stets, dass Bremswellen lediglich die Folge falsch gebauter Parks und Strecken seien. Jedoch weisen auch die berühmten Strecken in Whistler die verhassten Waschbretter auf. Zangerl, der das Problem aus seinem Park im Tiroler Oberland kennt, führt es vielmehr auf die verschiedenen Könnerstufen der Fahrer zurück. Denn Anfänger werden immer die Finger an der Bremse haben, sie ziehen und das Hinterrad blockieren, wo Fortgeschrittene ihr Rad kontrolliert und ohne Blockierbremsung durch die Kurven fahren. Daher glaubt Zangerl nicht, dass man der Problems allein durch besser gebaute Anlieger Herr werden kann.

In Serfaus-Fiss-Ladis werden wöchentlich 160 Arbeitsstunden in die Pflege der Trails investiert. Eine enorme Anzahl, und trotzdem gehören Bremswellen auch hier zum Alltag. Trends wie der Scandinavian Flick, eine Kurventechnik aus dem Rallyesport, bei der vor dem eigentlichen Drift ein Gegendrift eingeleitet wird, sorgen dafür, dass die Fahrweise noch destruktiver wird. Er appelliert an die Fahrer, weniger auf Show und mehr auf echte Fahrtechnik zu setzen. Denn das schont nicht nur die Trails, sondern letztlich auch das Material.

Besondere Vorsicht auf Naturtrails

In Bikeparks gibt es Shaper, die eigens dazu angestellt sind, diese Schäden auf den Strecken zu beheben. In der freien Natur führen Spurrillen hingegen zwangsläufig zu Erosion, weil durch sie Wasser fließt und so der Trail unaufhaltsam ausgespült wird. Lars Lotze und Roland Noichl sind selbst begeisterte Mountainbiker und arbeiten für das Forstamt des Landes Tirol. Sie sind mitverantwortlich für das Mountainbikemodell 2.0, über das an dieser Stelle bereits berichtet wurde. Auch sie wissen um das Thema der richtigen Fahrtechnik.

Doch entscheidend ist ihrer Meinung nach die Steilheit des Geländes. "Je steiler das Gelände ist, umso problematischer ist eine Freigabe eines Wanderwegs als Shared Trail", erklärt Lotze. Derzeit entstehen durch die Freigabe als Shared Trails – also Trails, die von Wanderern und Bikern gemeinsam genutzt werden – jährlich rund 50 Kilometer neue Singletrails in Tirol. Das ideale Längsgefälle für eine Mountainbikestrecke liege bei rund 20 Prozent. Sobald es steiler wird, bedürfe es sehr guter Fahrtechnik, um möglichst spurlos den Berg hinunterzukommen. Zumindest die attestiert Noichl dennoch einer wachsenden Zahl an Mountainbikern: "Heute wird zwar schneller gefahren, weil die Technik besser ist. Aber auch das Niveau ist gestiegen."

Einig sind sich alle darin, dass es nun darum geht, das nachhaltige Befahren von Trails im Bewusstsein der breiten Masse zu verankern. Denn mit steigender Beliebtheit des Sports steigt auch der Nutzungsdruck. Gerade die Gegend um Innsbruck zeugt von dieser Notwendigkeit. Wer die Trail-Mondlandschaft am Viller Kopf kennt und weiß, wie sich Trails im Lauf der Jahre verwandelt haben, versteht die Dringlichkeit einer Trailetikette. Für Vertrider Malin, der Hersteller anregen will, zu jedem Neubike ab einer gewissen Preisklasse einen Fahrtechnikkurs anzubieten, ist das letztlich auch eine Frage, die für die Zukunft des Mountainbikesports wichtig ist: "Weil wir uns mit rücksichtsloser, wegschädigender Fahrweise die eigene Grundlage kaputtmachen. Ohne Trails kein Mountainbiken." (Steffen Arora, 19.9.2017)

Wissen: Die Trailetikette, der Ehrenkodex der Innsbrucker Vertrider, im Original-Wortlaut

  • Hot Spots meiden. Als Hot Spots werden populäre Routen bezeichnet, die aufgrund verschiedener Faktorenkombinationen (z. B. einfache Strecke, landschaftliche Schönheit etc.) viel frequentiert werden bzw. massentauglich sind (z. B. keine längeren Tragepassagen). Auf diesen Strecken herrscht eine hohe Bikerfrequenz (speziell an Wochenenden). Es kommt zu Konflikten mit anderen Wegbenutzern und Wegehaltern. Durch falsche Fahrtechnik und zu viel Frequenz wird natürliche Bodenerosion verstärkt. Wenn immer mehr Biker Hot Spots meiden, wird sich die Situation dort wieder normalisieren.
  • Bildung neuer Hot Spots vermeiden. Öffentliches Posten von Routen in Internetforen? Bitte nicht. Sonst werden diese Routen schnell zu Hot Spots und schlimmstenfalls an Wochenenden mit Ridern überschwemmt, die nur Trails konsumieren wollen, anstatt sich ihr eigenes Abenteuer zu suchen. Seht eure Verantwortung und behaltet eure Traumtrails für euch – sie werden es euch danken. Wenn ihr Bilder oder Videos von euren Touren veröffentlichen wollt, tut dies in jedem Fall ohne Ortsangabe.
  • Alpine Gefahren beachten, Risiko minimieren. Das Gebirge ist kein Spielplatz und verzeiht niemals Fehler. Deshalb defensiv fahren und sich und andere nicht gefährden. Mit der richtigen Ausrüstung an Bekleidung und Werkzeug unterwegs sein, die eigenen Möglichkeiten, Fahrkönnen und Kondition nicht überschätzen.
  • Erste Hilfe Set mitnehmen. Ein Fahrer der Gruppe sollte immer ein Erste-Hilfe-Set dabeihaben, und er sollte als letzter fahren.
  • Aufeinander warten. Der schwächste Fahrer innerhalb der Gruppe bestimmt das Tempo. Die Gruppe sollte möglichst ausgewogen zusammengesetzt und niemand mit der geplanten Tour überfordert sein, weder bergauf noch bergab. Bitte im Vorhinein klären. Bei der Tour bergab Sicherheitsabstände einhalten.
  • Kondition einteilen und nicht überschätzen. Bergaufrennen mit Freeride-Bikes ist beim Vertriden fehl am Platz. Es fehlt dann bergab die Kraft und Konzentration, die man auf einer anstrengenden Abfahrt benötigt.
  • Gruppengröße klein halten. Massenaufläufe von Bikern im Gebirge sind zu vermeiden, da sie nur Unruhe und Probleme verursachen (siehe auch Hot Spots). Max. 5–6 Biker pro Gruppe sind wirklich genug.
  • Ellbogen- und Knie-Protektoren auf Tour mitnehmen. Ohne Protektoren fahren nur Idioten. "Ohne Protektoren fahre ich technisch sauberer und sicherer." Aha? Wenn man nicht angegurtet ist, fahren automatisch alle anderen Autofahrer besser? Einem Stein ist es komplett wurscht, ob du supercool ohne Protektoren fährst, er zertrümmert dir einfach dein Knie oder deine Ellbogen ... Worst Case: Bei Schlechtwetter auf 2.000 m mitten in einer langen Abfahrt, weitab der Zivilisation, mit ungeschütztem Knie oder Ellbogen krachst du bei einem Sturz in einen Stein und kannst nicht mehr weiterfahren. Eine Hubschrauberbergung ist notwendig. Du gefährdest nicht nur dich selbst, sondern auch die Gruppe. Denn bei Schlechtwetter können keine Hubschrauber starten. Und was dann, Schlaumeier? Die Nacht ist lang, kalt und dunkel.
  • Richtiges Schuhwerk. Trittsichere Bergschuhe (mit denen ein Umknöcheln verhindert wird) gehören zur Grundausstattung. Rutschige Skateboard- oder BMX-Schuhe sowie Klickpedale haben im Hochgebirge nichts zu suchen.
  • Wann immer möglich Bremsspuren vermeiden. Bremsspuren verstärken Erosion. Deshalb Kurven und Serpentinen unbedingt ausfahren und nicht abschneiden. Wenn ihr ein Problem mit engen Serpentinen habt, übt Vorderrad- und Hinterradumsetzen (Nosewheelie).
  • Kontrollierte Fahrweise. Die Geschwindigkeit so wählen, dass man jederzeit rechtzeitig vor Hindernissen stehen bleiben kann.
  • Steinschlag beachten und vermeiden. Bitte auf gar keinen Fall Steinschlag verursachen und auch auf Steinschlag von oben achten, sei es durch andere Wegbenutzer oder auch Wildtiere. Falls man doch Steinschlag verursacht hat, laut und deutlich rufen: "Achtung, Steinschlag!"
  • Wetter beobachten. Am Tag vor der Tour Wetterbericht für die Region einholen. Während der Tour Wetterentwicklung beobachten (Gewitterneigung etc., starker Temperatur- oder Baromaterabfall innerhalb kurzer Zeit, z. B. weniger als eine halbe Stunde). Tour wenn nötig sofort abbrechen und umkehren/abfahren. Gewitter und Unwetter im Gebirge können bei Wetterstürzen extrem schnell auftreten und tödlich sein.
  • Wanderer und andere Wegbenutzer haben Vorrang. Wanderer waren vor uns da, deshalb rücksichtsvoll sein, zur Seite stehen und den Weg freimachen. Für die, die es noch nicht wissen: Im Gebirge grüßt man einander.
  • Ruhe im Wald. Lautes Rufen und Lärmen ist im Interesse aller Waldtiere und der Menschen, die sich dort erholen wollen, absolut zu vermeiden.
  • Keinen Müll hinterlassen. Zigarettenkippen, Aludosen, Plastikverpackungen ... haben im Gebirge nichts verloren. Wenn man an einem Weg Müll findet, und sei es nur ein Bonbonpapier, bitte mit ins Tal nehmen. Die Natur wird's euch danken.
  • Fahrgemeinschaften bilden. Man kann oft hervorragend mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Tourstarts kommen. Probiert es aus. Wenn dies nicht möglich ist, bitte Fahrgemeinschaften mit dem Auto bilden.