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Geplanter Abort: "Eine Entscheidung als autonom erleben"

19. September 2017, 15:47

Wie reagieren Eltern, die erfahren, dass ihr Kind eine schwere Behinderung haben wird? Anita Weichberger begleitet Paare auf dem schweren Weg

STANDARD: Sie begleiten werdende Eltern, die vor der Geburt mit einer "auffälligen" Diagnose konfrontiert werden und vor der Entscheidung stehen, die Schwangerschaft abzubrechen. Welche Begleitung brauchen Paare angesichts dieser emotionalen Wucht?

Weichberger: Die Mitteilung, dass das ungeborene Kind womöglich krank oder nicht lebensfähig sein könnte, stellt eine akute Krise dar. In dieser Situation ist keine Entscheidungsfindung möglich. Es geht zu Beginn darum, die Spannung und die starken Gefühle wie Trauer, Wut, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit mit dem Paar emotional auszuhalten. Während des medizinischen Diagnoseprozedere geht es darum, aus Verdachtsmomenten eine möglichst präzise Diagnose abzuleiten.

STANDARD: Was passiert psychisch?

Weichberger: Frauen erleben in dieser Zeit eine emotionale Distanzierung zu ihrem Kind, manche sogar einen Beziehungsabbruch. Ich unterstütze sie darin, sich dem Kind wieder anzunähern. Zudem biete ich Kontakt zu außerklinischen Einrichtungen, wie zur Down-Syndrom-Ambulanz oder Selbsthilfegruppen. Es ist wichtig, die Paare so zu begleiten, dass sie ihre Entscheidung als autonom erleben. Und dass sie innerlich auch noch Jahre später dazu stehen können.

STANDARD: Pränataldiagnostik wird durch das Recht der Frau auf Selbstbestimmung legitimiert. Teilen Sie dieses Argument?

Weichberger: Pränataldiagnostik ist nur dann ein Mittel für mehr Selbstbestimmung, wenn Frauen die Entscheidung, ob sie ihre Angebote nutzen wollen oder nicht, bewusst treffen. Das beschließt jede Frau und jedes Paar für sich. Die Verantwortung für eine gute Beratung liegt – auch vom Mutter-Kind-Pass vorgegeben – bei den niedergelassenen Frauenärzten.

STANDARD: Bis zu welchem Zeitpunkt können sich Frauen zu einem Schwangerschaftsabbruch entscheiden?

Weichberger: Laut Gesetz kann man in Österreich einen Abbruch bis vor dem Einsetzen der Wehen durchführen. Nach der 23. Schwangerschaftswoche sind Kinder auch außerhalb der Gebärmutter lebensfähig. Ab diesem Zeitpunkt erfolgt der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch nach einem vorangegangenen Fetozid, also der Tötung des Kindes im Mutterleib.

STANDARD: Welche psychologische Betreuung erhalten Paare bei so einem Spätabbruch?

Weichberger: Wir sind Teil eines Teams aus Hebammen, Krankenschwestern, biomedizinischen Analytikern und Ärztinnen. Im stationären Setting bieten wir täglich Gespräche an. Im Rahmen eines Pflegeprojekts auf der Station und bei einfühlsamer Begleitung der Hebammen im Kreißsaal unterstützen wir die Paare dabei, ihr Kind kennenzulernen und zu verabschieden. Wir helfen, Erinnerungen an das Kind zu schaffen, damit es ein Teil der Familiengeschichte werden kann. Darüber hinaus informieren wir über Bestattungsmöglichkeiten und über die Amtswege, die anstehen.

STANDARD: Die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch nach einer Diagnose wird oft auf das individuelle Ermessen der Eltern reduziert. Der Film "Die dritte Option" fragt nach der gesellschaftlichen Verantwortung. Wie sehen Sie das?

Weichberger: Pränataldiagnostik ist eine Realität, egal was man von ihr halten mag. Das Gesetz erlaubt bei Verdacht auf eine schwere geistige oder körperliche Beeinträchtigung des Kindes einen späten Schwangerschaftsabbruch. Der Entschluss liegt letztendlich bei der schwangeren Frau. Ich habe für mich beschlossen, Frauen und Paare in einer Situation, in der aus einer Schwangerschaft voller Hoffnungen plötzlich eine schwere Krise wird, nicht alleinzulassen. (Christine Tragler, 20.9.2017)

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