Foto: Instagram Fitnessgirlmotivation Screenshot
User

Social Media und das mediatisierte Gefühl, nicht (schön) genug zu sein

Blog |
19. September 2017, 09:00

Viele Frauen, die auf Instagram die perfekten Körper sehen, haben ein negatives Selbstwertgefühl – und nutzen Instagram häufig, setzen sich also häufig der perfekten Body-Bilderwelt aus

Bisherige Studien belegen, dass das Fernsehen, speziell Serien, einen gewichtigen Einfluss auf die vor allem weiblichen Zuschauer habt, indem es zur Sicht auf die Welt, aber auch zur eigenen Identitätsbildung beiträgt (Shrum 1999; Hetsroni 2008). Doch auch und besonders Online-Medien, sogenannte Social Media, hier vor allem Instagram, zeigen einen zunehmenden Trend: Junge, sehr schlanke Frauen präsentieren ihren durchtrainierten Körper und finden vor allem bei anderen jungen Frauen enorme Resonanz (Krämer 2016; Döveling & Krämer 2016).

Entscheidende Identitätskonzepte

Geht es um die Frage, welche Bilder junge Frauen von sich selbst entwerfen, welche Identitätsprojekte sie verhandeln und welche Wünsche und Vorstellungen sie von sich entwickeln, dann stellen Medien entscheidende Identitätskonzepte zur Verfügung (vgl. Wegener 2010: 61; Döveling & Kick 2012). Dabei wächst vor allem die Tragweite von Online-Medien für die Identitätsbildung durch die für postmoderne Lebenswelten typische Vermischung medialer und sozialer Kommunikation (vgl. Mikos et al. 2007: 10). Hinzu kommt, dass seit den 1960er-Jahren zunehmend schlankere Frauen in den Medien dargestellt werden.

Bei vielen Frauen lösen diese Bilder vom vermeintlich idealen Körper durch das Missverhältnis zwischen Selbst- und medialem Idealbild Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper aus (vgl. Pöhlmann et al. 2008: 4). So hebt Holmstrom (2004) hervor, dass die Vergleiche potenziell negative Effekte hervorrufen, und es ist bekannt, dass sie oft Körperunzufriedenheit bewirken.

In den sozialen Medien ist zudem eine Fülle von fitnessbezogenen Inhalten für Jugendliche und junge Frauen verfügbar. Instagram zählt zu den am stärksten wachsenden sozialen Netzwerken. Da stellt sich die berechtigte Frage, wie sich der Einfluss dieser mediatisierten Körperbilder auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers bei den weiblichen Rezipienten auswirkt.

Was bedeuten die Bilder für vor allem junge Frauen?

Generell ist ja nichts Verwerfliches daran, sich Mut zu machen, fit zu sein oder zu werden und gesünder zu leben. Doch geht es wirklich nur um fit sein? Was bedeuten die Bilder für vor allem junge Frauen, die noch kein so stabiles Selbstwertgefühl haben? An dieser Stelle knüpfte eine aktuelle Untersuchung an (Döveling & Krämer 2016; Krämer 2016). Forschungsleitend war die Frage: Welche Wirkung hat die Nutzung von Fitnessinhalten auf Instagram auf das Körperbild der Nutzerinnen und Nutzer? Eine Onlinebefragung (n = 901) zeigte auf, dass eine hohe Instagram-Nutzung tatsächlich mit einem negativen Körperbild zusammenhängt.

Soziale Vergleichsprozesse sowie der dadurch wahrgenommene Druck durch Instagram, dem Ideal zu entsprechen, waren nachweisbar. Wichtig vor allem: Das Selbstwertgefühl, das Diäthalten und die Intensität des wahrgenommenen Drucks haben einen maßgeblichen Einfluss auf die Häufigkeit sozialer Vergleiche und auf die Nutzungsintensität von Online-Fitnessinhalten.

Negatives Selbstwertgefühl

Mit anderen Worten: Viele Frauen, die auf Instagram die perfekten Körper sehen, haben ein negatives Selbstwertgefühl und nutzen Instagram häufig, setzen sich also häufig der perfekten Body-Bilderwelt aus. Dadurch wird zu dem Gefühl beigetragen, nicht (schön) genug zu sein. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung vor allem der Lebenswelt Jugendlicher und junger Erwachsener gilt es daher, an das soziale Umfeld zu appellieren, das Selbstwertgefühl nicht nur durch medial angebotene Vergleiche zu formen.

Erfreulicherweise hat mittlerweile auch die Fernsehwelt den Trend zum Realismus erkannt. Denn so sucht Frau Klum nicht nur ein Supermodel in Größe 34/36, sondern mittlerweile wird auch das "Curvy Supermodel" in der deutschen Fernsehwelt gesucht. Warum wir alle aber immer "super" sein müssen, steht wohl auf einem anderen Blatt. Einfach so sein dürfen, wie man ist, das gibt wohl keine Quote. (Katrin Döveling, 19.9.2017)

Katrin Döveling ist Professorin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Zuvor war sie Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden und Vertretungsprofessorin am Institut für Empirische Kommunikations- und Medienforschung der Universität Leipzig.

In "Ein Fall für die Wissenschaft" schreiben Kommunikations- und Medienwissenschafter regelmäßig auf derStandard.at/Etat über Phänomene, Entwicklungen und Beobachtungen in der weiten Welt der Kommunikation.

Literatur

Döveling, K., Kick, I. (2012). Women in Soaps. Same picture as every year oder ist das Frauenbild im Wandel? Eine Fallstudie. In S. Geise & K. Lobinger (Hrsg.). Bilder – Kulturen – Identitäten (S. 98-124). Köln: Herbert von Halem Verlag

Döveling, K. & Krämer, C. (2016). Instagram and Body Image. A current analysis of the usage and effect of fitness images on Instagram. Vortrag auf der Tagung der DGPuK Fachgruppe Visuelle Kommunikation. 28.-30.09.2016, Hamburg.

Hetsroni, A. (2008). Overrepresented Topics, Underrepresented Topics, and the Cultivation Effect. Communication Research Reports, 25, 200–210.

Holmstrom, A. J. (2004). The effects of the media on body image: A meta-analysis. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 48(2), 196-217.

Krämer, C. (2016). Instagram und Körperbild. Eine quantitative Onlinebefragung zur Nutzung und Wirkung von Sport- und Fitnessinhalten im Kontext sozialer Vergleichsprozesse auf Instagram, unveröffentlichte Masterarbeit, Universität Leipzig.

Mikos, L. (2007). Mediensozialisation als Irrweg – Zur Integration von medialer und sozialer Kommunikation aus der Sozialisationsperspektive. In: D. Hoffmann & L. Mikos (Hrsg.), Mediensozialisationstheorien – neue Modelle und Ansätze in der Diskussion (S. 27 – 46). VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.

Pöhlmann, K., Thiel, P., & Joraschky, P. (2008). Entwicklung und Validierung des Dresdner Körperbildfragebogens (DKB-35). In P. Joraschky, H. Lausberg & K. Pöhlmann (Hrsg.), Körperorientierte Diagnostik und Psychotherapie bei Essstörungen (S. 1-20). Gießen: Psychosozial-Verlag.

van den Berg, P., Thompson, J. K., Obremski-Brandon, K., & Coovert, M. (2002). The Tripartite Influence model of body image and eating disturbance: A covariance structure modeling investigation testing the mediational role of appearance comparison. Journal of psychosomatic research, 53(5), 1007-1020.

Shrum, L.J. (1999). The Relationship of Television Viewing with Attitude Strength and Extremity: Implications for the Cultivation Effect. Media Psychology, 1999 (1), 3 – 25.

Wegener, C. (2010). Identität. In R. Vollbrecht & C. Wegener (Hrsg.), Handbuch Mediensozialisation (S. 55-63). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften