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Pensionen: Wiener Beamte werden viel öfter krank als Bundesbeamte

19. September 2017, 15:51

Ein Vergleich der Pensionierungspraxis von Wien, Bund und ASVG-Versicherten

Wien – Die hohe Zahl an Frühpensionen bei den Wiener Stadtwerken, über die DER STANDARD berichtete, hat am Dienstag für Kritik gesorgt. "Das System der Wiener Frühpensionierungen muss endlich stillgelegt werden", erklärten der Chef der Wiener ÖVP Gernot Blümel und Gemeinderat Wolfgang Ulm.

Neos-Generationensprecher Christoph Wiederkehr meinte, die Sonderregelungen für Beamte seien "zutiefst unfair gegenüber jedem Vertragsbediensteten". In Wahrheit bestehe hier ein "Zwei-Klassen-System auf Kosten" der Steuerzahler. Die Stadtregierung müsse einlenken und "endlich die teure Praxis der Frühpensionierung abstellen" – beim Sonderlandtag nächste Woche werden man die entsprechenden Anträge einbringen.

Einige Leser wollten wissen, wie die Frühpensionierungspraxis der Stadtwerke im Vergleich zu Bundesbeamten, ASVG-Versicherten sowie zu den sonstigen Wiener Beamten aussieht. DER STANDARD hat sich deshalb entsprechende Vergleiche angesehen.

Nur ein Prozent bleibt bis 65

Zunächst zur Erinnerung die Daten für die Beamten der Stadtwerke. Nur etwas mehr als ein Prozent geht in die reguläre Alterspension mit 65 Jahren. Fast 44 Prozent werden aus gesundheitlichen Gründen dienstunfähig, der Rest geht aus anderen Gründen vorzeitig in Pension (allein 31,5 Prozent werden ab 55 Jahren von Amts wegen in Pension geschickt, weil sie nach Umstrukturierungen im Betrieb nicht mehr benötigt werden).

Für die gesamte Stadt Wien (exklusive Stadtwerke) sind die Werte nicht ganz so schlecht, allerdings auch nicht gerade berauschend. 13,6 Prozent gehen laut früheren Anfragen der Wiener Neos mit 65 oder später in Pension. Die Zahl jener Beamten, die aus gesundheitlichen Gründen arbeitsunfähig werden, ist fast gleich hoch wie bei den Stadtwerken (43,25 Prozent). Weitere 43 Prozent der Wiener Beamten treten den Ruhestand aus anderen Gründen an (Organisationsänderung, Hacklerregelung, Schwerarbeit). Die Abschläge für Frühpensionisten liegen übrigens bei maximal 18 Prozent, bei Dienstunfähigkeit gibt es gar keine Abschläge.

Im Bund nur 16 Prozent dienstunfähig

Bei den Bundesbeamten ist die Zahl der dienstunfähigen Beamten deutlich geringer. Laut dem jüngsten "Monitoring der Beamtenpensionen" gehen nur 16 Prozent aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Pension. Weitere 16 Prozent – also mehr als im Wien-Schnitt – arbeiten bis 65. Der allergrößte Teil (68 Prozent) der Bundesbeamten geht allerdings ebenfalls vorzeitig in den Ruhestand.

Bei den ASVG-Versicherten arbeiten laut dem aktuellen Pensionsmonitoring des Sozialministeriums immerhin 45 Prozent bis zum gesetzlichen Antrittsalter. Allerdings: Dieses liegt bekanntlich nur bei Männern bei 65 Jahren, Frauen können bereits mit 60 in Pension gehen. In Invaliditätspension (das ist das Pendant zur Dienstunfähigkeit bei den Beamten) gehen 22 Prozent der Neopensionisten, etwas mehr als 30 Prozent nutzen andere Formen der Frühpension (Hackler-, Korridor-, Schwerarbeiterpension).

Bundesbeamte bleiben am längsten

Das durchschnittliche Pensionsantrittsalter lag bei den Bundesbeamten zuletzt bei 61,7 und bei den ASVG-Versicherten bei 60,3 Jahren. Die Wiener hinken auch hier hinterher. Für alle Landesbeamten lag es im Schnitt zuletzt bei 58,5 Jahren, bei den Stadtwerken waren es 58,3 Jahre.

Stadtwerke-Sprecher Thomas Geiblinger wirbt auch um Verständnis: 80 Prozent der Belegschaft bei den Stadtwerke-Unternehmen seien in handwerklichen Bereichen tätig, zu einem großen Teil im Schicht- oder Nachtbetrieb. Das habe natürlich negative Folgen für die Gesundheit der Belegschaft. Der Konzern habe aber zahlreiche Programme für Menschen über 45 gestartet, um dem gegenzusteuern, wie er zum STANDARD sagt.

Die Neos fordern vertiefte Analysen, aus welchen Gründen so viele Mitarbeiter in Wien vorzeitig in den Ruhestand treten sowie eine externe und unabhängige Evaluierung. Die Sonderregelung, Bedienstete im Zuge von Umstrukturierungen bereits ab 55 in Pension zu schicken, müsse gestrichen werden, so Wiederkehr, der auch mehr Umschulungsmaßnahmen für ältere Bedienstete fordert. (Günther Oswald, 19.9.2017)