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Heinz Strunk: Einsamkeit hat einen Namen, sie heißt Jürgen

20. September 2017, 11:00

Der deutsche Humorist zeigt in seinem am Mittwoch in der ARD laufenden Fernsehfilm, dass sich Kalauer, Klamauk und große Traurigkeit nicht ausschließen müssen

Wien – Träume funktionieren bekanntlicherweise nur, wenn man schläft. Man gibt sich also unbewusst. Daher ist man nicht in dem Sinn bei Sinnen, dass man zum Beispiel ein Auto sicher in eine Parklücke lenken könnte.

Jürgen Dose ist Pförtner in einer Hamburger Tiefgarage. Er ist über 40, ledig mit bettlägriger Mutter und Heimpflegerin (in die er heimlich verliebt ist). Große Träume hat er im Leben nie gehabt, außer vielleicht jenen, dass er sich wünscht, nach seinem Tod 15 Jahre lang unentdeckt in seiner Wohnung liegenbleiben zu können, was allerdings ein gewisses Ansparen in Hinblick auf Daueraufträge und einen Menschen erfordert, der ihn mumifiziert.

"Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind. Andere gibt's nicht." Das Zitat des früheren deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer ("Konrad-Adenauer-Platz, ist das der?") ist ein schönes Motto des im ARD-Hauptabendprogramm ausgestrahlten Fernsehfilms Jürgen – Heute wird gelebt von und mit Heinz Strunk.

Trailer zu "Jürgen".
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Der mit dem anarchistischen Performance- und Telefonterrortrio Studio Braun und seinem Romandebüt Fleisch ist mein Gemüse bekanntgewordene Hamburger Schlechte-Laune-Humorist Heinz Strunk hat im Frühsommer seinen neuen, ebenfalls Jürgen betitelten Roman veröffentlicht. Als ob er es geahnt hätte, war diesem wohl auch aufgrund eines gewissen Backlash-Syndroms nach seinem erfolgreichen und preisgekrönten ernsten Roman Der goldene Handschuh um den Hamburger Serienmörder Fritz Honka und dessen titelgebendes Stammabsturzlokal in St. Pauli von 2016 nur eine bescheidene Rezeption gegönnt. Wohl auch deshalb ist das Buch von vornherein drehbuchartig angelegt worden.

Der für die erfolgreiche Mockumentary über die von Studio Braun, also Heinz Strunk, Jacques Palminger und Rocko Schamoni, gespielte, imaginäre Prototechnoband Fraktus bekannte Regisseur Lars Jessen hat im Verein mit dem Autor Jürgen heuer im Winter noch vor der Buchveröffentlichung verfilmt.

Der deutsche Fernsehfilm

Der Mittwoch ist im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen bekanntlich der Tag des deutschen Fernsehfilms. Kleine Handlung, kleine Menschen. Bisschen kritisch (gesellschaftlich relevantes Thema!). Bisschen lustig (Spannungslösung nach dem Finger auf dem sozialen Brennpunkt!). Und hier, auf den Mittwoch, gehört der Film rund um die beiden Protagonisten Jürgen Dose (Heinz Strunk mit erheblich gefärbtem Haupthaar) und seinen aufgrund eines "hypoxischen Hirnschadens" im Rollstuhl sitzenden und diesen als moralinsaure misanthropische Waffe einsetzenden Freund Bernd Würmer (herrlich böse gespielt von einem groß auftragenden Charly Hübner) auch hin.

Nach lebenslang erfolgloser Suche nach einer Frau für das sogenannte Leben, unter anderem bei peinlichen Speed-Dating-Veranstaltungen, entschließen sich die beiden Freunde, gemeinsam mit anderen auf dem norddeutschen Heiratsmarkt nicht wahnsinnig hoch im Kurs stehenden Leidensgenossen auf amouröse Butterfahrt nach Osten zu gehen: "Liebe gesucht? In Polen sind noch Herzen frei ..." Tatsächlich verschwimmen dann im Film bald die Grenzen zwischen der ATV-Reportageserie Das Geschäft mit der Liebe und Bildungsfernsehen Marke Drittes Deutsches Fernsehen, im konkreten Fall des produzierenden WDR.

Jürgen – Heute wird gelebt ist ein lustiger Film über großes Leid. In seinen stimmigen Momenten weiß man beim Sehen nicht, ob man sich fremdschämen soll oder traurig sein muss. Wahrscheinlich überwiegen am Ende die traurigen Momente, für die man sich schämt. Bei allem Klamauk, der in seinem Schaffen immer im Vordergrund steht: Heinz Strunk ist und bleibt ein präziser Chronist der kleinbürgerlichen Seelenpein. Einsamkeit hat einen Namen. (Christian Schachinger, 20.9.2017)

Mittwoch, 20. 9., ARD, 20.15