Foto: Kim Shiflett

New Space: Der neue Aufbruch ins All

24. September 2017, 08:00

Europa möchte die kommerzielle Nutzung des Weltraums forcieren. Die neue Ära sollen Start-ups und Unternehmen prägen.

Wien – Asteroiden sind die "tiefhängenden Früchte des Solarsystems". Dieser Überzeugung ist man zumindest beim 2012 gegründeten US-Unternehmen Planetary Ressources. Der Plan dort: die technische Infrastruktur zu schaffen, um erdnahe Asteroiden im Sonnenorbit zu beobachten, auf ihnen zu landen und dort Ressourcen abzubauen. Aus Wasser und Metallen, die dort vorhanden sind, könnte weitere Infrastruktur gefertigt und Treibstoff gewonnen werden. So würde der teure Lastentransport von der Erde ins All umgangen, und einer stark expandierenden Weltraumwirtschaft stünde nichts mehr im Wege, so die Rechnung.

Derartige Pläne klingen heute nicht mehr so utopisch wie vor einigen Jahren. Selbst wenn noch Jahrzehnte vergehen, bis derartiges Space-Mining in Reichweite kommt, werden bereits heute die organisatorischen, rechtlichen und ökonomischen Grundlagen diskutiert. Angeführt von aufsehenerregenden Erfolgen wie jenem des privaten US-amerikanischen Raumfahrtunternehmens Space X, das die Kolonisierung des Mars zum Ziel erklärt hat, formiert sich ein Trend, zu dem Schlagworte wie New Space, Astropreneurs oder Space 4.0 gehören. Das Ziel dieser Bewegung ist die Kommerzialisierung des Weltraums.

Viele der Services, die die Start-ups und Pioniere der New Space Economy anbieten, sind jedoch weniger spektakulär als der Bergbau auf anderen Himmelskörpern. Telekommunikation, Erdbeobachtung, Meteorologie oder Navigation gehören zu den wichtigsten Bereichen.

Die Herausforderungen, die mit dieser proklamierten neuen Ära der Weltraumnutzung einhergehen, wurden vergangene Woche bei der Konferenz Innovation in the New Space Economy erörtert, zu der Jean-Jacques Tortora, Direktor des European Space Policy Institute (ESPI), in Wien lud. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Europäischen Weltraumagentur Esa, der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), vom Verkehrsministerium und der Förderagentur FFG.

Konkurrenz aus China, Indien und Russland

Europa hat im Bereich Raumfahrt eine steile Karriere hingelegt. Errungenschaften sind etwa das Erdbeobachtungssystem Copernicus, die nun startende Satellitennavigation Galileo und natürlich die Fähigkeit, schwere Nutzlasten per Ariane-5-Trägerrakete ins Orbit zu bringen. Der neue Trend stellt Europa allerdings vor weitere Herausforderungen, was die institutionelle Zusammenarbeit, etwa von Esa und EU-Kommission, die Kommunikation und die Aktivierung privater Akteure oder privater Investments betrifft. Angesichts der Aufbruchstimmung in China, Indien und Russland startete Pierre Delsaux, Vertreter der EU-Kommission, bei seiner Eröffnungsrede einen eindringlichen Aufruf: "Wir müssen uns jetzt schnell bewegen!"

Private Player benötigen entsprechende wirtschaftliche, wissenschaftliche und ökonomische Ökosysteme, die sie gedeihen lassen. Neue Arten von Public-private-Partnerships sind denkbar. Öffentliche Förderungen zur Kultivierung von Ideen sind genau so notwendig wie Risikokapital und Investoren, die an die Weltraumwirtschaft glauben. Noch bevor die Kommerzialisierung richtig in Fahrt kommt, wird bereits vor einer "Space Bubble" gewarnt: In Analogie zur Dotcom-Blase Anfang der 2000er Jahre bestehen Ängste, dass sich die Umsatzhoffnungen durch die neuen Technologien nicht schnell genug erfüllen – und die Weltraumwirtschaft vielleicht doch nur ein Hobby für Milliardäre bleibt.

Mit Artificial Intelligence, intelligenter Robotik und 3D-Druck stehen die Technologien bereit, die auch die künftige Weltraumwirtschaft tragen werden. Der Begriff Space 4.0 sucht dabei die Analogie zur Industrie 4.0, also zu digital vernetzten, autonom agierenden und flexiblen Produktionstechnologien. Dort könnte man wiederum von den verlässlichen Systemen und Kommunikationstechnologien der Raumfahrt lernen.

Space von eins bis vier

Space 4.0 sei von der Partizipation und der Vervielfachung der Akteure geprägt, führt Isabelle Duvaux-Béchon aus, die für die Esa-Beziehungen zu Mitgliedstaaten zuständig ist. In dieser Betrachtungsweise haben wir die ersten drei Entwicklungsstufen bereits absolviert: das astronomische Studium als Space 1.0, das Space-Race hin zur Apollo-Ära als Space 2.0 und die Kooperation bei der Internationalen Raumstation ISS als Space 3.0.

Die Innovationen des New Space begleiten noch viele Unsicherheiten. Diese sind beispielsweise rechtlicher Natur (siehe Interview), oder sie gründen auf einer unsicheren Datenlage: Pierre Lionnet, Forschungsdirektor der Weltraumindustrie-Vereinigung Eurospace, beklagt etwa, dass über Weltraumaktivitäten von Staaten und privaten Akteuren keine detaillierten Informationen verfügbar sind. Einblicke und Vergleiche sind schwierig, weil Daten geheim sind oder nicht transparent aufbereitet werden. Den Aufbruch der Start-ups ins All wird auch das nicht stoppen. (Alois Pumhösel, 23.9.2017)