Foto: Tu Wien

TU-Wien-Spin-off Tetragon erfindet neuartigen Braille-Reader

20. September 2017, 11:43

Ringförmiges Display soll blinden Menschen mobile Kommunikation erleichtern – Blindenschrift wird im Inneren eines drehbaren Ringes ertastet

Ein neues Konzept für die Anzeige der Braille-Blindenschrift hat das österreichische Start-up Unternehmen Tetragon, ein Spin-off der Technischen Universität (TU) Wien, unter Leitung von Wolfgang Zagler entwickelt. Das Display besteht aus einem Ring, dessen Innenseite die Buchstaben anzeigt, und passt in jede Jackentasche, so die Entwickler in einer Aussendung am Mittwoch.

Das ringförmige Braille-Display von Tetragon könne an Smartphones und Tablet-PCs angesteckt werden und sei mit einem Kindle E-Reader vergleichbar, sagte Zagler zur APA. "Der Zeigefinger befindet sich beim Lesen im Inneren des Ringes und ertastet die Buchstaben, die bei jeder Umdrehung des Ringes neu gebildet werden." Der pensionierte TU-Professor hat dieses Modell mit den beiden ehemaligen Studenten Michael Treml und Dominik Busse entwickelt.

"Für jede Zweiergruppe gibt es vier Möglichkeiten"

Es basiert auf einem Ansatz, der die Drehung von kleinen Quadern nutzt: In einem ersten Schritt wurden die sechs Punkte, aus denen jeder Buchstabe der 1825 von Louis Braille entwickelten Schrift aufgebaut ist, von den Entwicklern in drei Zweiergruppen zerlegt. "Für jede Zweiergruppe gibt es vier Möglichkeiten: Zwei Punkte, ein Punkt links, ein Punkt rechts, oder gar kein Punkt", erklärte der Wissenschafter in einer Aussendung. "Diese vier Möglichkeiten werden auf den vier Schmalseiten eines Quaders aufgebracht."

Die Quader bewegen sich auf der Innenseite des Ringes im Kreis und können nach Belieben verdreht werden. Aus jeweils drei Quadern wird der gewünschte Buchstabe gebildet. So entstehe beim Lesen der Eindruck einer unendlich langen Zeile, berichtete Zagler. Dies sei ein Fortschritt gegenüber älteren Modellen, bei denen die Schrift von einer unbeweglichen Zeile abgetastet wurde. Bisherige Displays hatten außerdem einen hohen Stromverbrauch, seien teuer und hauptsächlich für den Einsatz im Büro geeignet.

"Lesen ist schließlich eine wichtige Kulturtechnik, es ist unverzichtbar, dass blinde Menschen auch in Zukunft mit der Braille-Schrift vertraut sind"

Mit dem neuen Display möchten die Forscher einen Beitrag dazu leisten, dass die Braille-Schrift den Schritt ins Zeitalter der mobilen Computer und Smartphones schafft. "Lesen ist schließlich eine wichtige Kulturtechnik, es ist unverzichtbar, dass blinde Menschen auch in Zukunft mit der Braille-Schrift vertraut sind", so Zagler. Sprachausgabe-Software, mit der man sich Texte vorlesen lassen kann, sei kein vollwertiger Ersatz. "Im Zeitalter des Smartphones ist es für sehende Menschen selbstverständlich, immer und überall auf Texte zugreifen zu können. Mit herkömmlichen Braille-Geräten ist das nur schwer möglich. Dadurch wird die Blindenschrift zunehmend unattraktiv und der Analphabetismus bei jungen blinden Menschen steigt", erklärte der Forscher. Dies wolle man mit dem transportablen Braille-Reader verhindern.

Einige wichtige Fragen seien jedoch in den nächsten Monaten noch zu klären: "Etwa, welche Materialien man am besten wählt, wie man Antriebselemente mit möglichst geringem Stromverbrauch einsetzt und welche ergonomischen und haptischen Eigenschaften am angenehmsten sind", berichtete Zagler. Zudem sei man sich bewusst, dass auch die unterschiedlichen Bedingungen in verschiedenen Weltregionen berücksichtigt werden müssen, wie zum Beispiel das Klima.

"Wir wollen das Display um den Preis eines guten Smartphones anbieten"

Der Endpreis des fertigen Geräts steht noch nicht fest, das Tetragon-Display solle aber kostengünstiger werden als bisher verfügbare Produkte: "Wir wollen das Display um den Preis eines guten Smartphones anbieten", so der Experte. Für die Entwicklung des Braille-Reader ist Tetragon für die diesjährigen Social Impact Awards nominiert, die am 28. September in Wien verliehen werden. Bis 27. September kann man online darüber abstimmen, an welches Projekt der Community Award gehen soll. (APA, 20.9. 2017)

Link

TU