, Lisa Breit

Was Start-ups von der Politik fordern

Österreich biete Start-ups nicht die besten Bedingungen, sagt der Verein Austrian Start-ups. Präsentiert wurden 36 Empfehlungen

Markus Raunig, Geschäftsführer von Austrian Start-ups, bei der Präsentation der Start-up-Agenda im Sektor 5 in Wien-Margareten.

foto: manfred machacek

Anlass bot der 50. Start-up-Stammtisch, ein regelmäßiges Event der Szene. Von den anwesenden Gründern erbat man sich Feedback und Vorschläge. "Wir sollten uns schließlich auf ein paar Forderungen beschränken, alles wird nicht sofort umsetzbar sein", sagt Raunig.

foto: manfred machacek

In einem dynamischen digitalen Umfeld könnten Start-ups für wichtige Innovationen sorgen. Sie seien weit wendiger und global besser vernetzt als große Konzerne. Allerdings kümmere sich die Politik noch nicht ausreichend um die jungen Unternehmen, findet Markus Raunig, Geschäftsführer von Austrian Start-ups, einem Verein, der sich als Sprachrohr der Szene versteht. Die Wunschliste an die künftige Bundesregierung umfasst daher 24 Seiten – und wurde am Dienstag im Co-Working-Space Sektor 5 in Wien präsentiert.

Erarbeitet wurde die "Austrian Start-up-Agenda" in einem dreimonatigen Prozess. Man bildete Arbeitsgruppen und führte Interviews mit 50 Stakeholdern der österreichischen Start-up-Szene – Investoren, Gründer, Förderstellen, Steuerberater. Das Ergebnis: ein Förderkatalog aus 36 Empfehlungen. Darunter finden sich bereits bekannte, wie etwa eine Senkung der Lohnnebenkosten, der Abbau bürokratischer Hürden und Anreize für Investoren. Andere erscheinen neu, wie eine neue Rechtsform für Start-ups und ein eigener Beirat im Bundeskanzleramt. Allesamt sind sie jedenfalls recht konkret.

Forderungen im Detail

Der Forderungskatalog beginnt bei Änderungen im Bildungssystem. Es brauche ein eigenes Fach "Entrepreneurship Education" in allen Pflichtschulen. Wirtschaft und Bildungsinstitute sollten sich besser austauschen, Gastvortragende an Schulen referieren, "um Unternehmertum greifbarer zu machen". Programmieren solle bereits ab der Volksschule unterrichtet werden.

Hochschulen sollten nach Meinung der Start-up-Vertreter verpflichtet werden, ein Gründungszentrum einzurichten. Für Studierende müsse es die Möglichkeit geben, sich ihr Start-up für das Studium anrechnen zu lassen.

Gründerinnen extra fördern

Außerdem auf der Liste: eine staatliche Förderung von drei- bis sechsmonatigen Bootcamp-Programmen für Software-Development, Growth Marketing und Data Science. Denn "in Österreich gibt es einen akuten Mangel an Software-Entwicklerinnen und -Entwicklern", sagt Raunig. "Bei Digital Marketing und Data Science zeichnet sich ein ähnliches Bild" – somit fänden auch Start-ups nicht die passenden Fachkräfte.

Es brauche zudem nationale Initiativen für Gründerinnen – wird doch in Österreich nur jedes zehnte Start-up von einer Frau gegründet. Unter den Empfehlungen: Töchtertage in Jungunternehmen und die Vernetzung von Gründerinnen mit Schülerinnen und Studentinnen.

Neue Rechtsform für Start-ups

Außerdem gefordert wird, dass Gesetze angepasst werden, etwa eine neue Rechtsform für Start-ups geschaffen wird. Momentan würden "die meisten Start-ups als GmbH gegründet, dann aber unter Nachteilen leiden, wie dass Mitarbeiter nur rechtlich aufwendig am Unternehmen beteiligt werden können", so Raunig.

Es benötige auch eine Reform der Gewerbeordnung. Lohnnebenkosten-Förderung und Beschäftigungsbonus müssten ebenfalls überarbeitet werden, und zwar so, "dass keine Vorfinanzierung der Kosten durch Start-ups notwendig ist", heißt es in dem Papier. Das wäre über eine Steuerentlastung oder eine vorschüssige Auszahlung der Förderung möglich.

Angepasst gehöre die Risikokapitalprämie für Investoren – "in der derzeitigen Form ist sie eine Totgeburt", sagt Raunig. Beantrage sie ein Investor, könne das Start-up wegen der De-minimis-Regelung der EU nämlich keine Förderungen mehr beantragen. "Es bräuchte eine Art Investitionsfreibetrag wie in Großbritannien, und Investments müssten steuerlich absetzbar sein", sagt Raunig. Auch für Stiftungen müssten Anreize geschaffen werden.

Gründerstipendien für alle

Betreffend Förderungen sagt Raunig, dass Start-ups mehr Planungssicherheit bräuchten. "Es sollen bestehende Start-up-Programme langfristig budgetär abgesichert werden. Förderbudgets sollen über mehrere Jahre vorab an die jeweiligen Förderstellen ausbezahlt werden." Abhilfe schaffen könne auch ein Gründungsstipendium, "damit die bestehende Lücke im frühphasigen Förderangebot geschlossen und der Gründergeist gestärkt wird", sagt der Austrian-Start-ups-Geschäftsführer.

Als notwendig erachtet er ein digitales Förderportal, in dem Anträge für alle Förderungen eingereicht werden können. Entscheidungen über Zusagen müssten schneller getroffen werden, Förderungen – zumindest zur Hälfte – im Voraus ausbezahlt werden. Social Entrepreneurs gelte es extra zu fördern. Es brauche auch einen Förderbonus für Teams mit zumindest einer Gründerin.

Gründer willkommen heißen

Um Österreich zum erfolgreichen Start-up-Standort zu machen, brauche es eine klare Strategie, die mit allen Stakeholdern erarbeitet wird, inklusive Kampagne. Start-ups aus dem Ausland könnten mit einem Welcome-Package – bestehend etwa aus einem Platz in einem Partner-Accelerator und einer anfänglichen Hilfe bei bürokratischen To-Dos – begrüßt werden. Mit einem unkompliziert zu beantragenden Start-up-Visum könnten Jungunternehmen Mitarbeiter aus dem Ausland schneller ins Land holen.

Start-up-Beirat im Bundeskanzleramt

Schließlich haben sich die Start-ups auch überlegt, wie politische Strukturen neu zu gestalten wären. Die Vorschläge: ein regelmäßiger Start-up-Ausschuss im Parlament, ein eigenes Digitalministerium, ein Start-up-Beirat im Bundeskanzleramt, der als unabhängige Instanz alle österreichischen Entscheidungsträger berät. "Der Rat soll aus erfahrenen Gründern, Ökosystem-Experten sowie einer oder einem Finanzmarktbeauftragten bestehen und monatlich zusammenkommen", so steht es im Papier.

Aufgabe des Rats könnte es auch sein, neue Gesetze zu prüfen: "Sind sie Start-up-feindlich?", sagt Raunig und bringt das Beispiel der geplanten EU-Copyright-Reform. "Sie würde dazu führen, dass Betreiber von Online-Plattformen für Handlungen von Nutzern haftbar gemacht werden sollen, wenn diese urheberrechtlich geschützte Inhalte auf den Plattformen publizieren. Für finanzstarke Unternehmen wie Google oder Facebook mag das finanziell und technologisch machbar sein, für viele junge Start-ups wäre es de facto unmöglich, usergenerierte Inhalte konsequent zu überwachen."

Über die gesammelten Forderungen soll die Community in den nächsten Tagen diskutieren und abstimmen – um sie zu priorisieren und an die Politik zu tragen. (Lisa Breit, 20.9.2017)

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