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"Private Raumfahrt heißt nicht: Flieg rauf und mach irgendwas!"

Interview |
24. September 2017, 09:14

Weltraumpolitikexperte Henry Hertzfeld skizziert Eckpunkte einer künftigen Zusammenarbeit.

STANDARD: Wie kann man die Arbeitsteilung zwischen staatlichen und privaten Raumfahrtakteuren organisieren?

Hertzfeld: Alles ist legal, solange man einen Vertrag zwischen zwei Parteien hat und keine staatlichen Regeln verletzt werden. Gesetze wurden in den USA auch bereits angepasst, um sie wirtschaftsfreundlicher zu gestalten. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa und andere Institutionen müssen zudem oft nicht den formalen, staatlichen Beschaffungsregeln folgen. Die Nasa hat etwa das Space Act Agreement, um besser mit verschiedenen Partnern zusammenarbeiten zu können. Partnerschaften, Kooperationen – in diesem Bereich ist sehr vieles möglich.

STANDARD: Wie sehen Sie die Rolle von Start-ups in der Raumfahrt?

Hertzfeld: Start-ups können brandneu sein oder Tochterfirmen eines Konzerns. Manche wollen mehr verkaufen, als sie liefern können. Viele werden aber Erfolg haben. Nachdem das Spektrum der Weltraumwirtschaft sehr breit ist, bieten sich viele Möglichkeiten – vom Bau von Satelliten bis zu Services wie besseren Wettervorhersagen oder Erdbeobachtung.

STANDARD: Manche warnen bereits vor einer Finanzblase rund um den New Space Hype. Gibt es tatsächliche Anzeichen?

Hertzfeld: Viele Unternehmen haben Probleme, Investoren zu finden und die Finanzierung aufrechtzuerhalten. Nicht alle haben Erfolg. Es gibt viele Gründe dafür. Die Weltraumwirtschaft muss mit besonderen Risiken umgehen. Beispielsweise kann das Weltraumwetter die Funktion von Satelliten stören. Auch das Vertrauen der Konsumenten ist wichtig. Es gibt noch viele Barrieren, fehlende Technologien und Forschung, die erledigt werden muss.

STANDARD: Bisherige Weltraumabkommen berücksichtigen kommerzielle Aktivitäten kaum. Laut dem Outer Space Treaty von 1967 müssten die Errungenschaften des Weltraums gerecht aufgeteilt werden.

Hertzfeld: "Aufteilen" ist etwas übertrieben. Der Vertrag verlangt, dass die Erkundung des Weltalls zum Wohl der ganzen Menschheit und aller Staaten ist. Bei wissenschaftlichen Daten waren die Staaten sehr offen und bereit zu teilen. Für die Zukunft stellt sich die Frage, wie das bei privaten Unternehmen sein wird. Sie tendieren dazu, Informationen zurückzuhalten, um sie für ihre Zwecke zu verwenden. Im Allgemeinen verlangt die öffentliche Finanzierung von Weltraumaktivitäten das Teilen von grundlegenden wissenschaftlichen Daten.

STANDARD: Wenn nun ein Unternehmen auf einem Asteroiden Ressourcen abbauen will – wer gibt dann die Erlaubnis?

Hertzfeld: Die Staaten müssten derartige Aktivitäten autorisieren und laufend überwachen. Um etwas ins All zu schicken, braucht man eine Genehmigung. Die Sicherheit der Ladung müsste überprüft werden. Auf dieser Ebene gibt es eine Kontrolle. Die USA und andere entwickelte Staaten haben einerseits Raumfahrtverträge unterzeichnet und andererseits auch Überblick über ihre privaten Akteure. Welche Kontrolle in Zukunft notwendig sein wird, ist eine andauernde Diskussion. Private Raumfahrt heißt nicht: Flieg rauf und mach irgendwas!

STANDARD: Welche Konsequenzen drohen?

Hertzfeld: Wenn etwas schiefgeht, könnten es die Staaten sein, die für eine Katastrophe bezahlen müssen. Die meisten Unternehmen haben bereits spezielle Versicherungen. Wir haben die ethische Verpflichtung sicherzustellen, dass die Weltraumaktivitäten der Unternehmen sicher sind. Ob das in allen Staaten passieren wird, weiß ich nicht.

STANDARD: Gibt es die Chance auf ein neues globales Abkommen, das die kommerzielle Nutzung des Weltraums regelt?

Hertzfeld: Heute werden nicht viele verpflichtende Abkommen geschrieben. Es gibt andere Möglichkeiten wie multilaterale Vereinbarungen. Das ist für die nächste Zeit eine wahrscheinlichere Option, die dann natürlich nicht jede Nation mit einschließt.

STANDARD: Wie werden Europas Raumfahrtaktivitäten in den USA wahrgenommen?

Hertzfeld: Europa ist ein enger Verbündeter – obwohl jeder Staat verschiedene Herangehensweisen hat, etwa was private Akteure betrifft. Europas Raumfahrtinvestitionen sind klein im Vergleich zu den USA, aber groß im Vergleich zu anderen Nationen. Es ist unausweichlich, dass wir die Kooperation aufrechterhalten und verstärken. Leider waren die USA in den vergangenen Jahren etwas zögernd. Europa und Nationen in Asien und Südamerika formen Partnerschaften ohne die USA – eine weitere Chance für Europa.

Henry Hertzfeld ist Professor für Space Policy and International Affairs an der Elliott School of International Affairs der George Washington University und Experte für juristische, ökonomische und politische Aspekte der Raumfahrt. Er war unter anderem Berater der Nasa und der National Science Foundation der USA. (Alois Pumhösel, 24.9.2017)