14-Jährige in Wien getötet: Bruder hatte "irrsinnige Wut"

20. September 2017, 17:31

Weil jüngere Schwester partout nicht nach Hause zurückkehren wollte und ihm einen Stoß versetzt haben soll

Wien – Der 18-jährige Afghane, der am Montag in Wien-Favoriten seine 14 Jahre alte Schwester erstochen haben soll, befindet sich mittlerweile in der Justizanstalt Josefstadt. Dort hat ihn seine Verteidigerin Astrid Wagner am Mittwoch besucht. Bei einem längeren Gespräch versicherte ihr der Mordverdächtige erneut, die Tat nicht geplant zu haben.

"Er sagt, er hat eine irrsinnige Wut bekommen, als sie ihn plötzlich weggestoßen hat", berichtete Wagner. Da habe er zu einem Messer gegriffen und zugestochen: "Er weiß nicht, wie oft." Die Waffe habe er zum Selbstschutz bei sich getragen, nachdem er wiederholt in Auseinandersetzungen mit jungen Tschetschenen verwickelt worden sei.

Familie behielt traditionelle Lebensweise bei

Der 18-Jährige war bei seinen Eltern gemeldet, die vor mehr als zehn Jahren nach Österreich geflüchtet waren. Diese zogen hier insgesamt sechs Kinder auf, zwei weitere sollen sich noch in Pakistan befinden. Die Familie war sehr ihren afghanischen Wurzeln verhaftet und soll ihre traditionelle Lebensweise beibehalten haben. Die Mädchen trugen Kopftuch, die Deutschkenntnisse der Eltern sollen gering sein.

Auf Glaubensregeln des Korans geachtet

Die 14-Jährige dürfte sich im Familienkreis, in dem sehr auf die Glaubensregeln des Korans geachtet wurde, eingeengt gefühlt haben. Sie ging freiwillig ins Krisenzentrum der Stadt Wien. Gerüchte, dass sie außerdem vom Vater geschlagen wurde, ließen sich durch APA-Recherchen nicht bestätigen. Im Krisenzentrum machte das Mädchen dazu keine Angaben. "Ich höre davon das erste Mal", sagte ein Polizeisprecher der APA.

Der 18-Jährige behauptet, seine jüngere Schwester zufällig getroffen zu haben. Er geht keiner Beschäftigung nach, lebt vom AMS und soll zuletzt immer wieder tageweise bei Freunden und Bekannten, teilweise auch außerhalb Wiens, gelebt haben. Er will die Schwester Montagfrüh unerwartet gesehen, ihr nachgerufen und sie in ein Gespräch verwickelt haben.

Verteidigerin beklagt bösartige Mails

"Sie hat freiwillig mit ihm zehn bis 20 Minuten geredet", sagte Verteidigerin Wagner. Der Bruder soll sie dabei mehrmals gebeten haben, nach Hause zurückzukehren, "weil die Eltern so viel wegen ihr weinen". Das Mädchen sei dazu nicht bereit gewesen und habe das auch deutlich gemacht. Nach Angaben des 18-Jährigen versetzte sie ihm schließlich einen Stoß, um das Gespräch zu beenden.

Dass Wagner das Mandat für den 18-Jährigen übernommen hat, hat ihr nach eigenen Angaben mehrere "Hassmails" eingebracht. In einem Fall sei sie "mit unfreundlichen Grüßen" darauf hingewiesen worden, dass man doch nicht einen Mann vertreten können, der seine kleine Schwester "gemeuchelt" habe. (APA, red, 20.9.2017)