Foto: Krinzinger Projekte

Kolonialgeschichte: Venezolanische Klage mit Wiener Gardemusik

21. September 2017, 14:00

Fünf Blechbläser der Gardemusik Wien sind Teil des Kunstprojekts "Archivo Nacional, (an)archive"

Wien – Fünf Blechbläser der Gardemusik Wien sind seit Dienstag Teil des Kunstprojekts Archivo Nacional, (an)archive von Juan Nascimento und Daniela Lovera aus der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Im Rahmen der von Gabriela Rangel anlässlich von Curated by bei Krinzinger Projekte eingerichteten Ausstellung Archive in the Infra Worlds stellte sich das fesch uniformierte Quintett in die Durchfahrt eines Hauses und spielte das Stück Popule Meus des wichtigsten Komponisten Venezuelas, José Ángel Lamas (1775–1814).

Der zur ursprünglich bis ins siebente Jahrhundert zurückgehenden Karfreitags-Heilandsklage gehörende Chor – "Mein Volk, was habe ich dir getan ..." – wurde in der Performance weggelassen. Nascimento und Lovera beziehen sich in dieser minimalistischen, aber äußerst emotionalen Arbeit und ihrem damit verbundenen Ausstellungsbeitrag einerseits auf die katastrophale Politik im heutigen Venezuela, zum anderen auf die Kolonialgeschichte des Landes. An dessen Ostküste hat Kolumbus 1498 erstmals amerikanisches Festland betreten.

"Anarchiv"

Anlässe für Klagen gibt die Kolonialgeschichte zur Genüge her. Nascimentos und Loveras 1996 gegründetes künstlerisches Archivo Nacional, (an)archive verbindet die allgemeine Vorstellung davon, was historisches Wissen ist, mit der kritischen Frage danach, wie dieses Wissen zustande kommt. "Anarchiv" ist ein relativ gängiger Begriff für ein Projekt, in dem Archivalien mit künstlerischen Mitteln über ihre dokumentarische Funktion hinausgeführt werden. In den Nullerjahren produzierte beispielsweise auch das deutsche Choreografenpaar Kattrin Deufert und Thomas Plischke etliche "Anarchiv"-Performances.

Popule Meus ist nur eine von verschiedenen Musikperformances, die Nascimento und Lovera im Rahmen ihres "(An)Archivs" vielerorts inszeniert haben – bis hin zu einem Projekt über die Unmöglichkeit ideologischer Reinheit mit Bezug auf Jean-Paul Sartres Drama Die schmutzigen Hände.

Atemübungen

Im zweiten Teil von Gabriela Rangels Archive in the Infra Worlds-Schau ist übrigens Erick Meyenbergs Videoinstallation Aspirantes zu sehen – eine "Archivalie", in der 230 Performer vor der mexikanischen Mondpyramide von Teotihuacán Atemübungen veranstalten. Das (hörbare) Atmen wird hier als choreografischer Loop auf die Bewegung einer Kamera übertragen, in Analogie dazu, wie die Atembewegungen der Musiker in Popule Meus die Wendungen von Venezuelas Geschichte spürbar machen. (Helmut Ploebst, 21.9.2017)