Foto: LG

3D-Display, Dreh-Kamera, Zweitakku: Handy-Features, die gescheitert sind

24. September 2017, 09:10

Längst nicht jede neue Smartphone-Funktion hat sich als Verkaufsschlager erwiesen

"Wo ist die Innovation?", fragen nicht nur WebStandard-Leser bei der Vorstellung neuer Spitzensmartphones. Die Hardware-Grundausstattung ist bei den besten Geräten mittlerweile oft ident oder zumindest sehr ähnlich. Das einstige Unterscheidungsmerkmal, die Dualkamera, ist nunmehr auch im Mainstream angekommen.

Doch so ideenfaul ist die Branche gar nicht. In der Vergangenheit wurden immer wieder interessante bis eigenwillige neue Features eingepflegt. Längst nicht jedes setzte sich aber durch. Die Redaktion hat sich am Friedhof der Handytechnologien umgesehen.

Ein Werbespot für das LG Optimus 3D.
jacksfi

3D-Displays

Gegen Ende des letzten Jahrzehnts hat die 3D-Technologie ihren Eroberungszug durch die Kinos dieser Welt angetreten. Der erste Blockbuster, der stark auf dieses Feature baute, war "Avatar", das Ende 2009 auf die Leinwand kam. In weiterer Folge versuchten auch TV-Hersteller, den Kunden die stereoskopische Darstellung schmackhaft zu machen.

2011 folgten schließlich die ersten Handyhersteller. LG stellte Anfang des Jahres das Optimus 3D vor, HTC folgte mit dem Evo 3D. Auf den Markt kamen die Geräte, die außerdem auch mit Stereo-Kameras ausgestattet waren, schließlich im Juli. LG legte im folgenden Jahr noch das Optimus 3D Max nach. Seitdem gab es immer wieder einzelne Hersteller, vorwiegend unbekanntere Firmen aus China, die versuchten, mit "3D" zu punkten. Letztlich gingen die Stereo-Displays am Handy aber noch schneller unter, als bei Fernsehern.

Ein Werbespot für das Oppo N1.
the phone commercials hd

Drehbare Kameras

Zwei Generationen lang überlebte ein Experiment des chinesischen Herstellers Oppo, der damals noch versuchte, in Europa Fuß zu fassen. 2013 brachte man das Oppo N1 an den Start, das erste Handy, dessen Kamera sich drehen ließ. Dies ermöglichte Aufnahmen aus sonst schlecht erschließbaren Blickwinkeln und auch die Verwendung der Hauptkamera für Selfies. Eine kleinere Ausgabe des happig großen Sechszöllers kam ein Jahr später auf den Markt.

2015 folgte mit dem N3 das Folgemodell mit verbesserter Kamera, die diesmal nicht händisch, sondern über einen Motor gedreht wurde. Die Verkäufe dürften sich aber nicht zufriedenstellend entwickelt haben, denn seither ist von der Reihe nichts mehr zu hören. Bis auf ein paar chinesische Klone und einen Messe-Eklat mit einem Nachbau unter der Marke Polaroid blieb der an sich interessanten Idee das Kundeninteresse letztlich verwehrt.

Das Innos D6000.
foto: derstandard.at/pichler

Zwei Akkus

Ebenfalls aus China kam die Idee, nicht nur einen, sondern gleich zwei Akkus in ein Handy einzubauen. Die Idee hinter dem Innos D6000: Ein kleiner, fix integrierter Akku bietet eine Basislaufzeit für etwa einen Tag. Ein zweiter Akku rüstet die Kapazitäten auf und lässt sich austauschen, ohne das Gerät dabei ausschalten zu müssen. In der Umsetzung ergab sich daraus ein recht dickes und schweres Handy, das aber mit langer Laufzeit und sonst ebenfalls solider Ausstattung punkten konnte. Getrübt wurde das Paket allerdings von ein paar Softwaremacken.

Die Hoffnungen des Herstellers waren groß, sogar eine internationale Version wurde aufgelegt, die immer noch verkauft wird. Statt 350 Euro kostet es heute allerdings 200, ein Hardwareupdate hat es seitdem nicht gegeben. Softwareseitig gab es ein spätes Upgrade von Android 5 auf Android 6, Android 7 "Nougat" bekam das Handy allerdings nicht mehr. Und auch keine direkte Konkurrenz, das Konzept erwies sich für die breite Masse wohl als zu speziell.

Werbespot zum LG Flex.
the phone commercials hd

Gebogene Displays

Eine Zeit lang war auch das Interesse an gebogenen Displays groß. Was bei Fernsehern begonnen hatte, schwappte auch auf Computermonitore und – erraten – Smartphones über. Diesmal waren es die koreanischen Elektronikgrößen LG und Samsung, die hier 2013 die Vorreiterrolle einnahmen. Und zwar mit dem LG Flex und dem Samsung Galaxy Round.

Das Round blieb das einzige seiner Art. Das Flex, das zusätzlich auch eine "selbstheilende" Rückseite aufwies, bekam 2015 einen Nachfolger. Dessen Absatz war offenbar bescheiden, der Preisverfall dafür so stark, dass das Handy mit dem damaligen Highend-Chip Snapdragon 810 bald zu einem Geheimtipp wurde. Mittlerweile sind auch gebogene TV-Geräte bei den Herstellern wieder aus der Mode gekommen. Bei PC-Displays hat die Krümmung eine Nische im Gaming-Bereich gefunden.

Ein Werbespot zu Project Ara.
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Modularer Aufbau

Jahrelang wurde von Google und Partnern an "Project Ara" gearbeitet. Nachdem man die wichtigsten technischen Hürden genommen hatte, war auch ein testweiser Marktstart in Puerto Rico geplant. Der wurde zuerst auf unbestimmte Zeit verschoben und mittlerweile liegt das Projekt ebenso auf Eis, wie ähnliche Vorhaben anderer Hersteller.

Mit einem einfacheren Modulkonzept auf den Markt traute sich aber immerhin LG mit dem G5 im vergangenen Jahr. Über einen Einsteckmechanismus konnte man etwa die Bedienelemente einer Kompaktkamera nachrüsten. Zur geplanten Entwicklung weiterer Steck-Accessoires kam es aber nicht, denn die Verkäufe des Handys ließen stark zu wünschen übrig. Mit dem G6 gab man sich weniger experimentell und folgte dem Trend zu "randlosen" Designs.

Gescheitert ist die Idee allerdings noch nicht. Denn schon in zweiter Generation bietet Motorola bei der Moto Z-Reihe modulare Erweiterungen an. Und auch der neue Player, Essential Phone, kommt mit Modulanschluss daher. Zu beachten ist auch das Fairphone 2, dessen Kamera mittlerweile mit einem besseren Modell ausgetauscht werden kann. Hier scheint also zumindest eine Nische zu entstehen, in die breite Masse dürften es die Module auf absehbare Zeit nicht schaffen.

Ein Werbespot zum Yotaphone 2.
yotaphone

Display auf der Rückseite

Gelegentlich ist auch die Rückseite von Smartphones von Herstellern für Zusatzfunktionen herangezogen worden. Bekanntester Vertreter ist vermutlich das russisch-chinesische Unternehmen Yotaphone, das sich durch einen Zweitbildschirm auf Basis eines E-Ink-Panels auszeichnet. Dieses soll vor allem beim Stromsparen helfen und auch den Funktionsumfang erweitern – etwa durch Selfies mit der Hauptkamera. Die erste Generation des Yotaphone litt unter Usability-Problemen, da der rückseitige Bildschirm keine Touchfunktion hatte. Dies wurde in der zweiten Generation ausgemerzt. Die Rezensionen waren positiv, aber skeptisch ob es hohen Preises.

Nach zwei Jahren Pause und berichten über heftige Zerwürfnisse im Vorstand wurde nun die dritte Ausgabe präsentiert. Auch sie ist, gemessen an der Hardware, eher hoch bepreist und wurde vorerst nur in China veröffentlicht. Die Erfolgsaussichten dürften nach erster Einschätzung mau sein.

Die Idee fand vereinzelt Nachahmer. Mit dem Hisense A2 und Siswoo R9 waren es zwei chinesische Firmen, die sich am gleichen Konzept versuchten. Auch das spricht eher dafür, dass dieses Feature bald ausstirbt.

meizu

Einen etwas anderen Zugang wählt Meizu bei seinem jüngsten Flaggschiff, dem Meizu Pro 7 (Plus). Hier prangt auf der Rückseite ein kleines AMOLED-Touchdisplay, das vor allem für die Anzeige wichtiger Infos anstelle des Hauptbildschirms herangezogen werden kann. Ihren Mehrwert muss diese extravagante Lösung aber erst beweisen, man wird nächstes Jahr sehen, ob auch der Nachfolger noch mit einem Zweitdisplay bestückt ist. (gpi, 24.09.2017)