Wenn die Chefin als Roboter anrollt

Ein US-Unternehmen hat einen Roboter entwickelt, in den sich Führungskräfte einloggen können

Man stelle sich vor, man kommt morgens ins Büro und wer dann die Aufträge erteilt, ist nicht eine wirkliche Person sondern ein Roboter. Auf einem Bildschirm zeigt er das Gesicht der Chefin oder des Chefs an. Was utopisch klingt, gibt es bereits. Das Unternehmen Steelcase probiert dieses so genannte "Remote Leadership" derzeit in einem Pilotprojekt aus. Gale Moutrey, Vice President of Communications bei Steelcase, arbeitet derzeit in Toronto, Kanada. Bei ihren Mitarbeitern in der Niederlassung in Grand Rapids, USA, schaut sie in Gestalt von Ava vorbei. Ava ist ein Roboter auf Rädern mit integriertem Screen, entwickelt vom US-Unternehmen iRobot.

Was die wohl davon halten? "Die meisten sind schon daran gewöhnt, Gesichter oft nur am Bildschirm vor sich zu sehen", sagt Moutrey im Gespräch mit dem STANDARD. Bei Steelcase halte man ohnehin regelmäßig Videokonferenzen ab. Daran, dass die virtuelle Chefin sich nun aber auch bewegt, hätten sich viele aber erst gewöhnen müssen.

Gale Moutrey beim Bedienen von Ava.
foto: steelcase

Persönlich versus virtuell

Will sich Moutrey mit Ava verbinden, loggt sie sich zunächst am Handy in eine Applikation ein. "Man kann sich das so ähnlich vorstellen, wie bei einer Videokonferenz." Anschließend kann sie den Roboter durch das Gebäude steuern, in bestimmte Gänge oder Räume lenken. Türen öffnen kann Ava allerdings nicht: "Da bin ich auf meine Kollegen angewiesen. Meist sind sie nett und machen mir auch auf."

Gefragt, ob das Gespräch mit einem Roboter ein Ersatz für ein persönliches sein kann, sagt Moutrey: "Mit jemandem im selben Raum zu sehen, ist natürlich immer am besten." Man könne dann die Körpersprache des Gegenübers deuten, schneller eine Beziehung aufbauen. Den Roboter bezeichnet sie als "nächstbeste Lösung", besser jedenfalls als Telefon- oder auch Videokonferenzen.

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Roboter auch als Chefersatz?

Aber Roboter könnten Chefs künftig nicht nur helfen – sie könnten sie auch ganz ersetzen. Das Marktforschungsinstitut Gartner schätzt, dass bis 2018 drei Millionen Arbeiter von einem "Robo-Boss" beaufsichtigt werden.

Alibaba-Gründer Jack Ma prognostizierte kürzlich beim China Entrepreneur Club: "In 30 Jahren wird sehr wahrscheinlich ein Roboter das Time-Cover als 'CEO des Jahres' zieren". Er sagt auch warum: "Sie erinnern sich besser als Menschen, sie zählen schneller als du, und sie werden nicht ärgerlich auf Wettbewerber."

Dass Roboter keine Launen haben, nicht impulsiv, korrumpiert oder intrigant sind, wird als einer der Vorteile von Robochefs angeführt. Die Maschine sei möglicherweise gerechter, nicht nur in der Rekrutierung von Personal, sondern auch im Umgang. Ein Algorithmus könnte Ressourcen zudem effektiver bündeln und Aufgaben effizienter delegieren.

Ava bei einer Besprechung mit Mitarbeitern.
foto: steelcase

"Mehr Zeit für die Menschen"

Erste Bemühungen dahingehend, Künstliche Intelligenz als Chefs in Stellung zu bringen, gibt es bereits. Der japanische Konzern Hitachi entwickelte ein System, das Mitarbeitern konkrete Arbeitsaufgaben zuweist, der STANDARD berichtete. Der Computer analysiert die Arbeitsabläufe und auf deren Grundlage erteilt er Anweisungen.

Ob sie glaubt, einmal von Robotern ersetzt zu werden? Darauf sagt Gale Moutrey von Steelcase: "Das hoffe ich nicht. Aber sie könnten uns Führungskräften vielleicht einige mühsame Arbeiten abnehmen. So haben wir wieder mehr Zeit für die Menschen." (lib, 25.9.2017)

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