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John Waters: "Bitte eine Million Fürze"

Interview mit Video |
23. September 2017, 09:00

Der Regisseur und "Trash-Papst" kommt mit seinem Soloprogramm am 30. September nach Wien. Ein Gespräch über alte Filme und neue Remakes, die Kindheit als Puppenspieler und sein Altersschaffen als Autor und Comedian

STANDARD: Herr Waters, Sie werden demnächst in Wien unter anderem Ihr Soloprogramm This Filthy World präsentieren, von dem mehrere Versionen existieren. Wissen Sie, welche davon es werden wird?

Waters: Sie unterscheidet sich jedenfalls stark von jener, die auf DVD erschienen ist. Ich aktualisiere das Programm fortwährend, sodass sich sehr viel Neues darin befinden wird, das man noch überhaupt nicht kennt.

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STANDARD: Im Anschluss wird eine restaurierte Fassung Ihres Filmes Multiple Maniacs gezeigt. Ein Film, von dem es heißt, er hätte Ihnen geholfen, Ihren Katholizismus zu überwinden.

Waters: Ich bin mir nicht sicher, ob er das hat, aber es war ein Versuch! Auf jeden Fall war es ein Versuch, ihn auf humorvolle Art zu missachten. Und die Ansichten der katholischen Kirche bezüglich Frauen, Schwulen und Sex und Geld können mich heute noch wütend machen.

STANDARD: In einer Schlüsselszene darin wird Divine von einem Hummer vergewaltigt. Wer steckte eigentlich damals im Hummerkostüm?

Waters: Das waren Vincent Peranio und sein Bruder. Vincent ist der Produktionsdesigner all meiner Filme. Dieser Hummer war das erste Stück, das er je für mich entworfen hatte. Er gestaltete auch den Trailerbus in Pink Flamingos, später war er für The Wire tätig, machte viele Fernsehshows und eben den Rest meiner Filme. Aber Multiple Maniacs war unsere erste Zusammenarbeit.

foto: slash film festival

STANDARD: Im Rahmen des Slash-Filmfestivals werden Sie nicht nur fünf eigene Filme zeigen, sondern Sie haben auch drei Ihrer Lieblingsfilme, The Tingler, In a Glass Cage und Tremors, mitgebracht.

Waters: Sie sind sehr unterschiedlich. Tremors ist fast ein Familienfilm und lustig, aufregend, ein Spaß. The Tingler wurde ursprünglich mit Elektrobuzzern unter ausgewählten Kinositzen gezeigt und ist auch der erste Film, in dem das Wort LSD vorkommt. In a Glass Cage ein richtiger Kunstschocker seiner Zeit.

STANDARD: Stimmt es, dass Sie schon sehr früh Puppenspiele basierend auf William Castles The Tingler inszenierten?

Waters: Im Alter von zwölf Jahren war ich tatsächlich Puppenspieler auf Kindergeburtstagen und hatte komplette Programme mit Punch and Judy (vergleichbar dem Kasperltheater, Anm.) und dergleichen. Als ich älter wurde, war ich so besessen von den Filmen von William Castle, dass ich seine Gimmicks in meine Vorführungen miteinbeziehen wollte. In einem seiner Film musste man etwa rot-blaue Brillen tragen, bei der es einem die rote Seite erlaubte, im Film einen Geist zu sehen, den man nicht sah, wenn man durch die blaue Seite blickte. Ich habe versucht, das mit Wachspapier nachzustellen, was aber überhaupt nicht klappte. Dann verwendete ich künstliches Blut, bis es mich langweilte. Aber meine William-Castle-Obsession setzte sich fort, ich traf auch seine Witwe und seine Tochter, und als seine Autobiografie Step Right Up! I'm Gonna Scare the Pants Off America neu aufgelegt wurde, schrieb ich die Einleitung dazu. Und unlängst spielte ich William Castle sogar in einer Mini-TV-Serie namens Feud über Bette Davis und Joan Crawford.

STANDARD: Wenn wir an Ihren Film Polyester und das dazugehörige Rubbelriechgimmick Odorama denken, dann sind Gimmicks eine Vorliebe, die Sie mit William Castle teilen.

Waters: Er hat zwar kein Smellorama gemacht, aber ich stand dabei sicher in der Tradition von William Castle und dem Gimmick.

"Polyester" (1981): Wieder mit Divine nimmt Waters in seiner Satire das amerikanische Mittelstandsvorstadtleben ins Visier.
foto: slash film festival

STANDARD: Waren Sie damals am Design der Gerüche beteiligt?

Waters: Ja, die habe ich mir ausgedacht. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur eine Firma, die diese Geruchskarten herstellte, die 3M Company, ein größeres Unternehmen. Ich hatte damals Hairspray noch nicht gemacht, und da wollte ich nicht unbedingt, dass sie herausfinden, wer sie da kontaktiert. Ich wusste, sie besitzen eine Bibliothek mit Gerüchen, und ich konnte natürlich nicht sagen "bitte eine Million Fürze", also bestellte ich eine Million fauler Eier. Ich war diesbezüglich einfallsreich, und wir haben alle Karten gedruckt bekommen. Und als der Film erschien, lachten sie auch und waren gar nicht sauer. Mittlerweile wurden die Gimmicks zu den unterschiedlichsten Anlässen neu produziert. Für die DVD-Veröffentlichungen, für das Fernsehen in Frankreich und den USA und auch wieder für verschiedene Kinos. Jedes Mal mit kleinen technischen Veränderungen. Mir gefällt die Idee, dass Leute im Kino sitzen und daran rubbeln. Ich habe noch die Originale in meiner Garage untergebracht, weil sie immer noch stinken. Sie scheinen kein Ablaufdatum zu haben.

STANDARD: Wann waren Sie zuletzt in Österreich?

Waters: Ich war nur einmal anlässlich einer Ausstellung bei Georg Kargl in Wien und besuchte damals auch eine Videothek in der Nähe, die wiederum dem jetzigen Betreiber des Gartenbaukinos gehörte. Ich hatte da eine gute Zeit, und ich bin ein großer Bewunderer vieler österreichischer Künstler und Künstlerinnen und freue mich schon auf meinen Besuch.

STANDARD: Vor drei Jahren gab es anlässlich Ihres 50-jährigen Berufsjubiläums zahlreiche Retrospektiven Ihres Werks.

Waters: Ich hatte eine am Lincoln Center in New York, eine weitere am British Film Institute, und ich bekam auch einen Preis für mein Lebenswerk von der Writers Guild. Es ist wie beim eigenen Begräbnis, man hört die Leute all die netten Dinge über einen sagen, doch mit dem Unterschied am Leben zu sein und es genießen zu können.

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STANDARD: Und dabei die eigenen Filme nochmals zu sehen?

Waters: Ich schau sie mir meist nicht an, aber manchmal muss ich es. Multiple Maniacs etwa wurde toll restauriert. Ich habe darin Dinge zum ersten Mal gesehen und Dialoge gehört, die mir zuvor ganz unbekannt waren. Was heute möglich ist, ist unglaublich. Anfangs fragten sie mich, ob ich all den Schmutz und die Markierungen auch restauriert haben möchte, worauf ich sagte, das wollte ich nie drin haben. Wir nehmen das raus und lassen ihn so gut wie möglich aussehen. Nun gleicht er einem schlechten John-Cassavetes-Film! Jetzt habe ich den Film mit einem jüngeren Publikum gesehen, Menschen, die noch nicht auf der Welt waren, als ich ihn drehte. Und er funktioniert immer noch. Man mag ihn vielleicht hassen, aber es gibt nicht viele Filme wie diesen! Meine Eltern fragten mich immer, was ich mir dabei gedacht habe. Beim Wiedersehen habe ich mir beinahe dieselbe Frage gestellt.

STANDARD: Sie scheinen kein Purist zu sein, was Adaptionen Ihrer Filme anbelangt. Es gab sogar einen Kiddie Flamingos.

Waters: Den hab ich im Rahmen einer Ausstellung realisiert. Das war eine Videoarbeit, ich betrachte diese auch nicht als Teil meiner Filmografie und zähle sie zu meiner künstlerischen Arbeit. Als ich Pink Flamingos machte, nannte ich es eine "Übung im schlechten Geschmack". Doch heute verschwendet Hollywood Abermillionen von Dollar in Bad-Taste-Komödien, die nicht lustig sind, sondern versuchen, besonders ekelhaft zu sein. Und der einzige Weg, das zu kommentieren, dachte ich, wäre es umzukehren, indem ich jedes schmutzige Wort aus Pink Flamingos streiche und Kinder, die das Original nicht kennen, das lesen lasse, während die Leute, die den Film kennen, diese Kinder dabei in Panik betrachten, in ständiger Angst, sie würden gleich über Sex mit Hühnern reden, was sie aber eben nicht machen. Manchmal muss man einen Schritt zurück machen, um seinen Standpunkt darzustellen – gerade dann, wenn sich alle ständig überbieten wollen. Als ich damals den Film drehte, machte er sich lustig über das, was links, was illegal war. Die Zensur lauerte überall, und ich fragte mich, was man machen noch könnte, wogegen es noch kein Gesetz gibt. Heute sieht man vieles im Fernsehen, aber längst nicht alles. Der Verzehr von Scheiße ist in der Pornowelt illegal, was auch so sein sollte, weil wir haben es für die Anarchie und nicht Koprophagie getan!

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STANDARD: Der Künstler Joseph Beuys meinte einst: "Wenn ihr alle meine Multiples habt, habt ihr mich ganz!" Was wäre ein Äquivalent in Ihrem Fall?

Waters: Also wenn man all meine Filme und Bücher hat, hat man mich nicht ganz. Weil ich bewusst versuche, auch ein Privatleben zu haben, was nicht immer einfach ist. Aber wer alles mit der Öffentlichkeit teilt, besitzt kein Privatleben. Ich sage immer: Wenn du jedes deiner Essen von der Steuer absetzen kannst, hast du ein schlimmes Leben. Du brauchst auch Essen, die keine Arbeitsessen sind, du brauchst ein Leben. Ich verberge nichts, aber ich teile auch nicht alles über mein Privatleben, weil das einen – negativen – Druck auf ein Leben ausübt.

STANDARD: Glauben Sie, dass Humor etwas ist, das man trainieren kann?

Waters: Vielleicht nicht. Es ist eher etwas, das man entwickelt. Ich denke, meine Eltern haben damit viel zu tun, da sie Humor besaßen, auch wenn sie meine Arbeit entsetzte. Ein wenig kann man sich vermutlich durchs Lesen aneignen, aber hauptsächlich entwickelt man ihn mit Freunden. Am schlimmsten sind Leute, die über keinen Humor verfügen und unangenehm im Umgang sind. Humor ist auch ein Weg, dass einem die Leute zuhören, und das ist insofern politisch, weil man so die Aufmerksamkeit von Menschen bekommt.

STANDARD: Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Aktuell ist auch Ihr Beitrag zur diesjährigen Kunstbiennale in Venedig zu sehen. Aber wann dürfen wir uns wieder auf ein Filmprojekt von Ihnen freuen?

Waters: Es gab zwar einige Filmprojekte, die nicht realisiert wurden, aber ich bin noch immer im Geschäft. Unlängst erarbeitete ich eine Fortsetzung von Hairspray für HBO. Ich lieferte, und sie bezahlten auch gut, aber ließen wieder davon ab, als NBC eine größere, andere Version machte. Ich beschwere mich nicht, Hollywood hat mich fair behandelt. Aber ich würde sagen, das Independent-Film-Geschäft, dessen Teil ich war, gibt es in dieser Form nicht mehr. Es gibt keinen Sechs-Millionen-Dollar-Film, der in Amerika gemacht wird und den andere Länder kaufen, ehe er gedreht wird, und es gibt dann Vorverkäufe usw. Mit geringem Budget könnte ich jederzeit einen Film realisieren, aber ich habe das vor langer Zeit getan, und ich bin nicht interessiert, dahin zurückzugehen. Ich kann auch nicht wie zu Beginn Leute fragen, ob sie bei meinem Film umsonst mitmachen möchten. Ich habe 16 Filme gemacht, es ist nicht so, als wäre es mein erster Film. Vielleicht mach ich noch einen, vielleicht auch nicht. Es kümmert mich im Moment nicht wirklich. Ich habe einen Vertrag für zwei weitere Bücher, und ich mache die Shows. Mir kommt sogar vor, ich habe heute mehr Gelegenheiten Geschichten zu erzählen, als wenn ich Filme machen würde. Heute würde ich fast lieber Fernsehen machen, weil es die Leute sehen und man besser bezahlt wird. Das Fernsehen in Amerika ist so gut, wie es noch nie war. Es gibt so viele Kanäle, es gibt genug Platz für alle!

STANDARD: Ertappen Sie sich dennoch manchmal beim Besetzen neuer Schauspieler und Schauspielerinnen, die für einen Ihrer Filme interessant sein könnten?

Waters: Ich gehe ständig ins Kino, und ja, ich denke besonders an die zwei Filme, aus denen nichts wurde. Der eine war die Fortsetzung von Hairspray, der andere Fruitcake, der ein Kinder-Weihnachtsfilm geworden wäre. Also ich denke daran, aber nicht zu viel. Die Kinder, die ich beim Start des Projekts wählte, sind mittlerweile alle Erwachsene. Aber ich gehe gern ins Kino, schreibe wie jedes Jahr meine Jahresbestenliste für das Kunstmagazin Artforum. Und da die Liste bereits im Oktober abgegeben werden muss, schaue ich gerade sehr viele Filme an.

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STANDARD: Kommen Ihnen im Zusammenhang mit Österreich irgendwelche außergewöhnlichen Verbrechensgeschichten in den Sinn?

Waters: Das ist eine gute Frage, ich bat meine Assistentin, mir das zu recherchieren, da ich solche Dinge stets in meine Show einbaue. Aber sie hat noch nichts geliefert. Was ist der berühmteste Fall?

STANDARD: Also die aufsehenerregendsten sind sicher der Fall Natascha Kampusch, bei dem ein Kidnapper ein Mädchen über lange Zeit festhielt ...

Waters: Das scheint leider häufig zu sein.

STANDARD: ... und der Fall Fritzl, ein Mann, der gewaltsam eine Zweitfamilie im Keller hielt.

Waters: Oh mein Gott, man kann sich nicht vorstellen, wozu Menschen fähig sind. Sind sie so geboren? Ich unterrichte in Gefängnissen und besuche dort kommenden Sonntag einen Freund. Ich habe eine weitere Freundin, über die ich ausführlich publiziert habe, die gerade auf Bewährung freikam. Ich mache nach wie vor Gefängnisarbeit. Ich besuche aber keine Verhandlungen mehr, da ich nicht erkannt werden will. Auch ist die Qualität des True-Crime-Buchgenres eher gesunken, es ist nicht mehr gut. Und wenn ich nach meinen Lieblingsverbrechen gefragt werde, freue ich mich nie, dass sie stattgefunden haben. Mich interessiert der rechtliche Teil daran. Mich interessieren die Anwälte, die sich der schrecklichsten Fälle annehmen. Und wenn sie gewinnen, bekommen die Angeklagten das Leben und nicht den Tod. Das interessiert mich mehr. Wäre ich nicht Filmemacher geworden, dann Rechtsanwalt oder Psychiater.

STANDARD: Man kann sich nur wenige andere Regisseure vorstellen, die mit einem Varietéprogramm touren.

Waters: Kevin Smith macht Ähnliches. Aber es stimmt schon, nicht viele Regisseure haben einen Stand-up-Comedian-Act nebenher.

STANDARD: Weil es eher das Gegenteil der üblichen Arbeit ist?

Waters: Das stimmt auf eine Art. Ich verwende keine Unterlagen und mache es auswendig. Das Programm ist 70 Minuten lang und wird ständig überarbeitet, ich kann das und nehme nicht mal irgendwelche Zettel mit auf die Bühne. Aber wenn ich in anderer Leute Filme auftrete, fällt es mir schwer, mir die Texte zu merken. Wenn ich es geschrieben habe, merke ich es mir gut, wenn nicht, habe ich manchmal Schwierigkeiten.

STANDARD: Es fällt Ihnen auch leicht, Witze über sich selbst zu machen?

Waters: Man muss es auch für sich selbst lustig gestalten. Und ich mache mich gern über Dinge lustig, die ich mag. Das ist der Grund, weshalb die Leute mittlerweile nie wirklich sauer auf mich sind, egal was ich sage. Ich mache mich über Dinge lustig, die ich auf sonderbare Weise respektiere, mit der einen Ausnahme von Trump, über den ich mich auch lustig mache.

STANDARD: Ich denke, Ihre Filme wurden in Österreich immer gut aufgenommen. Ich habe Pink Flamingos etwa das erste Mal im Fernsehen gesehen.

Waters: Es ist erstaunlich, dass er im Fernsehen lief. Ich denke, Österreich war das erste Land, in dem das der Fall war.

STANDARD: Möchten Sie noch etwas über weitere Filme des Festivals sagen?

Waters: Ich weiß, dass sie ein paar extreme Filme zeigen werden, und das ist gut, weil es ist ein extremes Filmfestival, weshalb ich auch mit einem extremen Publikum rechne (lacht). Wenn mich Leute fragen, ob gewalttätige Filme schlecht für Menschen sind, sage ich immer, dass sich nicht einmal die dümmste Person auf Erden das Texas Chain Saw Massacre anschaut, um im Anschluss zu fragen, ob jemand verletzt wurde. Ich mag es zum Beispiel nicht, die Nachrichten oder Ähnliches anzusehen. Wenn Menschen wirklich verletzt werden, kann ich nicht hinsehen! (Christian Egger, Album, 23.9.2017)

John Waters, geb. 1946, ist US-amerikanischer Regisseur, Schauspieler und Autor. Er wurde für seine Trash-Trilogie bekannt, seine kompromisslosen Filme gelten heute als wegweisend. Waters lebt in Baltimore, Maryland.

"An evening with John Waters – This filthy world" findet am 30. 9., 19 Uhr, im Gartenbaukino statt.

Ein Screening mehrerer Waters-Filme findet im Rahmen des Slash-Filmfestivals am Freitag, 29. 9., im Filmcasino statt.

Christian Egger ist Künstler und Mitherausgeber des Künstler*innenfanzines und lebt in Wien.

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