Foto: Heimo Binder

Steirischer Herbst: Zwischen Anti-Oper und Youtube-Lecture

22. September 2017, 17:41

Das Festival wird 50 – und schenkt sich selbst und uns aus diesem Anlass ein Buch, das seiner lebendigen Geschichte sehr gerecht wird

Es vibriert vor Lebendigkeit, das knallrote herbstbuch, das der Steirische Herbst sich – und uns – zum 50. Geburtstag schenkt. Wahlweise auch in Schwarz erhältlich, widmet es sich der Geschichte des Avantgardefestivals, ist aber nur bedingt ein Geschichtsbuch. Ein solches wäre wohl auch eher unangemessen für ein Festival, das vehement gerade an der Idee des Musealen von jeher Skepsis übt; für ein Unterfangen, das Weiterentwicklung und die Aufgeschlossenheit für Neues in seiner DNA trägt.

Selbige vergegenwärtigen sich Leser anhand jener Rede, mit der ÖVP-Politiker und Volkskundler Hanns Koren das Festival einst dankenswerterweise aus der Taufe hob – übrigens im Sinne einer "Idee des Friedens": "Über allem, was der Steirische Herbst bringen will und was sich in ihm entfaltet an geistigen Kräften der Wissenschaft und der Kunst, steht eine sittliche Idee."

Friedliches Zusammenleben? Skandal!

Nun, dass die Idee des friedlichen Zusammenlebens zeitweise eher einseitig blieb, nämlich auf der Seite der Kunstschaffenden, ist bekannt: Für unzählige Skandale sorgte das Mehrspartenfestival, sei's weil bei einem Stück Wolfgang Bauers Nackerte auftraten oder weil Christoph Schlingensief im Rahmen seines Bettlerprojekts Chance 2000 in die Redaktion der Steirerkrone einmarschierte. Eine Top-Ten-Liste der Aufreger findet sich gegen Ende des herbstbuchs, angehängt an einen Text des Kunsttheoretikers Wolfgang Ullrich, der hier erörtert, Warum Skandale förderungswürdig sind.

An sich ist die Theorie hier jedoch nicht vorherrschend. Zwar gibt es ausführliche Abhandlungen zur Entwicklung der Kunst beim Herbst, geordnet nach Sparten, von Literatur über bildende Kunst bis hin zu Choreografie und Film. Dazwischen breiten sich jedoch großräumig Bildstrecken aus oder finden sich sehr persönliche "Lobhudeleien" an die fünf bisherigen Intendanten. Schlaglichtartige, intuitive Blicke statt trockener Analyse stehen aber auch im Mittelpunkt, wenn Mitarbeiter des Herbsts zu Wort kommen oder "Medienmenschen" sich an eindrückliche Momente erinnern.

Der Spirit des Herbstes

Angelegt zwischen "historischer Analyse und Künstlerbuch", vermittelt das Buch trefflich den Spirit des Herbsts, bietet ein kurzweiliges Lese- und Schauvergnügen. Das Ihrige tun eingestreute Fun-Facts. So erfährt man etwa, dass die Zahl der Besucher, die in 50 Jahren zum Herbst kamen, der Bevölkerungszahl von Uruguay entspricht, bekommt aber gewitzterweise auch eine chronologische Auflistung von Untertiteln bei Herbst-Theaterproduktionen vorgesetzt – von "Eine Anti-Oper" bis "Youtube Lecture".

Versetzt ist das herbstbuch zudem mit künstlerischen Arbeiten, etwa Fotografien Valie Exports, aber auch – man muss halt am Puls der Zeit bleiben – einer Zeichnung Stefanie Sargnagels. Besonders charmant ist die Serie Irrläufer von Peter Piller: Der Künstler schnitt Zeitungsberichte über den Steirischen Herbst aus, zeigt nun aber die Rückseiten dieser Ausschnitte – und holt so zufällige Momente aus der richtigen Welt abseits aller Herbst-Utopien ins Buch. (Roman Gerold, 22.9.2017)

Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger (Hg.), "herbstbuch. 1968-2017". € 35,- / 416 Seiten. Styria-Verlag, Graz 2017