Jens Steiner: Das Bedürfnis, ins Handy zu beißen

25. September 2017, 11:12

Erschöpftes Abendland – Archiv der Zusammenbrüche, Teil 13

Es war nach einer äußerst unbefriedigenden Telefonkonferenz, als Selma Tomic wieder einmal das Bedürfnis verspürte, in ihr Handy zu beißen. Diesmal tat sie es wirklich, und zu ihrem Erstaunen schmeckte das gar nicht mal so schlecht. Leicht nussig, dazu ein Anklang an Fenchel, dachte sie, während sie den ersten Bissen hinunterschluckte, und hörte dabei in ihrem Kopf Stimmen, herrlich Einfältiges vor sich hin quatschend. Ein zweiter Biss, immer noch der interessante nussige Grundton, immer noch die Stimmen. So schrumpfte das Kästchen in Selmas Hand, und allmählich vergaß sie, wie ihr Chef sie eben noch heruntergeputzt hatte, und auch die Deadlines von nächster Woche sowie den jämmerlichen Rest von Privatleben, der ihr noch geblieben war.

Eine halbe Stunde später, als ihre Büronachbarin Steffi Eder aufs WC ging, konnte sie nicht widerstehen und schnappte sich deren nigelnagelneues iPhone 7 in matt schimmerndem Roségold. Diesmal wurde sie von einem herben Meerrettichgeschmack überrascht. Nach wenigen Tagen waren jegliche Essenseinkäufe in Selmas Leben überflüssig geworden. Der Gedanke, wie viele unbefriedigende Telefonkonferenzen sie ihren Kolleginnen schon erspart hatte, erfüllte sie nachhaltig mit einem Gefühl des Glücks. (Jens Steiner, 23.9.2017)

Jens Steiner, geb. 1975, lebt als Schriftsteller in Zürich.