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"Höllenangst": Wenn der Blitz einschlägt

24. September 2017, 10:43

Regisseur Felix Hafner sorgt für eine Nestroy-Turnstunde am Volkstheater

Wien – Wie weit oben die oberen Zehntausend leben, zeigt in Felix Hafners Höllenangst-Inszenierung eine Strickleiter an, die andeutungsweise zwei Kilometer in den Schnürboden des Volkstheaters hinauf ragt. Dort oben, in den lichten Höhen der Eliten, werden Ministerposten verschoben und wird immenser Reichtum auf Kosten anderer angehäuft. Will einer in diese Etage hochkrabbeln, so rutscht er an der wie eine Skaterrampe gebogenen Wand von Bühnenbildnerin Camilla Hägebarth ab wie ein Mäuschen am Glas.

Da kann es schon passieren, dass einem armen Schustersohn die Fantasie durchgeht und er auf die Idee kommt, unter den Privilegierten könne es doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Und weil er nichts anderes zur Verfügung hat als den Aberglauben, überinterpretiert Wendelin (Thomas Frank) um sein Leben deklamierend einen wie auf Kommando aufleuchtenden Blitz als ein ihm geltendes Teufelszeichen.

Der Erstbeste als Teufel

Die im Kontext des Vormärz und der missglückten bürgerlichen Revolution zu lesende Posse (sie wurde 1849 am Wiener Carl Theater uraufgeführt) zeigt ein an den Verhältnissen strauchelndes Individuum, das für die ringsum geschehenden Übeltaten dringend einen Urheber ausfindig machen will, den Teufel! Es trifft den erstbesten aus dem Nebel der Nacht tretenden Oberrichter (Christoph Rothenbuchner). Mit ihm, den er unbedingt für den Beelzebub hält, will Wendelin nun auch endlich ins Geschäft kommen und dient ihm für ein Säckchen Golddukaten die Seele an. Was ihn sogleich wieder reut!

In das Schlamassel dieses Irrglaubens zieht der Bursche sämtliche Nebenfiguren hinein, die auf und unter der Reling dieser Rampe ihr reiches oder armes Dasein fristen: die über Erbschaftsintrigen verbundenen Familien von Stromberg und von Reichthal. Baronesse Adele (Laura Laufenberg) wird von ihrem skrupellosen Vormund (Stefan Suske) um ihr Vermögen gebracht, genauso wie deren ausgebooteter und nun aber aus dem kalten Exil zurückgekehrter Onkel (eilfertig: Gábor Biedermann im grauen Pelz).

Twerking-basiertes Gendarmenballett

Regisseur Felix Hafner, der im Vorjahr mit Der Menschenfeind sein respektables Regiedebüt am Haus feierte, nimmt diese Nestroy-Posse turnfreudig und recht harmlos in Angriff. Viel Körpereinsatz und geblähte Lungen sind notwendig, um die Textmassen vom Papier abzulösen, was mitunter auch achtlos geschieht, verschluckt und im Sturm der jeweils ureigenen Anliegen oft zu einem leblos-gleichtönenden Deklamieren führt. Action ist angesagt, und so stürzen die Figuren kopfüber aus eilig aufgetanen Fenstern in der Skaterrampe, rutschen diese schwungvoll bergab oder stürmen sie spidermangleich hinauf.

Der Abend ist geschäftig, bleibt aber ohne Vision, selbst die neuen Couplets von Peter Klien (Text) und Clemens Wenger (Musik) wirken als Rap mit neuem Vokabular (Brexit, Echokammer etc.) aufgesetzt. Schauspielerische Gustostückerln halten den Abend aufrecht. So verblüfft Thomas Frank mit einem Twerking-basierten Gendarmenballett. Und Günter Franzmeier gibt einen schmierig-geschmeidigen Pfrim mit knieweicher Gangart und Gummivokalen, wie man sich einen teufelsbereiten Trittbrettfahrer nur vorstellen kann. Viel Applaus. (Margarete Affenzeller, 25.9.2017)