DER STANDARD

Das Leben in der Bushaltestelle neben Sebastian Kurz

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25. September 2017, 18:31

Noch bis Donnerstag lässt sich Barbara Ungepflegt am Wallensteinplatz in Wien-Brigittenau beim Wohnen zuschauen. Ihr Protest gilt Airbnb und sozialen Netzwerken

Wien – Der erste Mensch, den Barbara Ungepflegt morgens seit fast zwei Wochen sieht, ist Sebastian Kurz, Spitzenkandidat der ÖVP. Sein Wahlplakat hängt an der Außenwand ihrer Bleibe, eines nachgebauten Buswartehäuschens, das direkt an das offizielle Buswartehäuschen am Wallensteinplatz in Wien-Brigittenau anschließt. Noch bis Donnerstag wohnt die Künstlerin dort an der Buslinie 5B und lässt sich beim Wohnen zuschauen.

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Mit einer kleinen Küche samt Küchentisch, dem ausziehbaren Sofa, Stickbildern an den Wänden, Schnickschnack und "Schundromanen" im Regal strahlt das Häuschen Behaglichkeit aus. Radio Wien und wahlweise auch Radio Burgenland übertönen den Verkehrslärm. Auf dem Tisch steht ein Doppler Weißwein, dessen Inhalt sie gemeinsam mit ihren Gästen leert.

Mit dem vom Bundeskanzleramt und der Stadt Wien finanzierten Projekt will die Künstlerin darauf aufmerksam machen, dass die ursprüngliche Idee von Airbnb, wonach Privatpersonen ihr Zuhause vermieten, mittlerweile von großen "Immobilienhaien" getragen werde. Das sorge für immer höhere Mietpreise. Auch die Frage, wem der öffentlich Raum gehört, und die Omnipräsenz der eigenen Privatsphäre in den sozialen Medien will sie thematisieren.

Starren und zurückstarren

Wie ein "Afferl im Zoo, das angestarrt wird", fühle sie sich, sagt Ungepflegt. "Andererseits, wenn ich gegenstarre, dann schauen die Leute auch weg." Die überwiegende Mehrheit würde ihr freundlich begegnen. Manche Passanten ignorieren sie und wechseln dann doch die Straßenseite, um sie heimlich zu beobachten.

Die Geschenke ihrer Gäste hält sie in Ehren. Eine ältere Dame hat eine Kastanie überbracht. In die Jackentasche eingesteckt, soll sie für Gesundheit sorgen. Rumänische Trinklieder und einen Eiweißriegel hatte der "Jesus aus Ottakring" im Gepäck. Nach Dienstschluss um sechs Uhr kommt die Friseurin von gegenüber, sie will Ungepflegt die Spitzen schneiden. Meistens sei es "lustig", hier zu leben. Nur nachts wird es manchmal unheimlich. Dann etwa, wenn Männer an ihr Fenster klopfen und "Ficken" oder "Massage" rufen.

Hungrige Obdachlose

Spät am Abend dreht die Künstlerin für Obdachlose oft den Herd auf. Dann gibt es Dosenravioli oder Eierspeis. "Ganz hart ist, es wenn ein Obdachloser vor dir sitzt, und du sitzt hier herinnen und isst den Topfelstrudel. Dann muss ich rausgehen und ihn hereinbitten, weil ich das einfach nicht ertrage."

Nach sieben oder acht Gläsern Wein werden die Gäste dann wieder hinausgebeten. Und wenn sie befindet, es sei "Zeit wegzuschauen", werden die roten Vorhänge zugezogen. Drei Jacken, viele Decken und eine rote Plüschhaube sollen helfen, die kalten Nächte zu überstehen. (Katrin Burgstaller, 25.9.2017)

Airpnp – Air pause and peep

Wallensteinplatz, 1200 Wien, bis 28. September

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