Foto: Ärztekammer für Wien

Wiener Ärztekammer fordert Tariferhöhung von bis zu 40 Prozent

25. September 2017, 12:57

Standesvertretung hält Vergütung für Hausärzte für zu gering und warnt mit Stockbetten vor überlasteten Spitälern

Wien – Ende 2017 laufen die Tarifverträge zwischen Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) und Ärztekammer für den niedergelassenen Bereich aus. Die Standesvertretung hat am Montag nun ihre Forderungen bei der Kasse deponiert. Priorität habe die "Stabilisierung des Hausarztes" und damit verbunden eine bis zu 40-prozentige Tariferhöhung – als "erster Schritt", sagte Kammer-Vizepräsident Johannes Steinhart.

Um die Zukunft des Hausarztes zu sichern, brauche es einen echten Systemwechsel. Man könne diesmal nicht "über ein paar Prozente im geringsten Bereich" diskutieren, stellte Steinhart – er ist auch Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte – in einer Pressekonferenz klar. Der aktuellste WGKK-Jahresbericht aus 2015 weise für Allgemeinmediziner je Fall durchschnittlich 45,16 Euro Vergütung aus, für Fachärzte 70,24 Euro. Das sei keinesfalls angemessen.

Warnung vor sinkender Lebenserwartung

Daneben wünscht sich die Kammer eine Reihe anderer Maßnahmen. So soll etwa die derzeitige Deckelung von Leistungen in Kassenordinationen aufgehoben werden. Man dürfe das Angebot nicht künstlich verknappen, sondern müsse den realen Bedarf als Maßstab heranziehen, meinte Steinhart. Außerdem werden einmal mehr 300 zusätzliche Kassenstellen in Wien gefordert. Denn kamen vor sechs Jahren noch 969 Einwohner auf einen Arzt, seien es mittlerweile schon 1.110. "Wenn die Anzahl der Kassenärzte sinkt, sinkt die Lebenserwartung der Patienten gleich mit", formulierte es der Vize-Chef drastisch.

Steinhart warnte bei der Gelegenheit erneut vor einem Medizinermangel. Denn 60 Prozent der Ärzte würden in den kommenden zehn Jahren das Pensionsalter erreichen, der Nachwuchs leide gleichzeitig unter schlechten Rahmenbedingungen. Die Ärztevertretern fordern hier unter anderem ein Modell der Arzt-bei-Arzt-Anstellung und eine flexiblere Vertretungsregelung.

Um dem Forderungskatalog für die niedergelassenen Ärzte Nachdruck zu verleihen, lanciert die Wiener Ärztekammer eine Kampagne, die unter dem Motto "Kranke Zukunft? Nicht mit uns Ärzten!" steht. Als Symbol hat man sich ein Stockbett aus zwei Spitalsbetten ausgesucht. Die Aktion soll aufzeigen, "was passiert, wenn Patienten weiter ins Spital gedrängt werden. Dann werden sie nämlich nicht nur am Gangbett liegen, sondern sie werden sich stapeln", warnte Steinhart. Kassenfunktionäre könnten ja gerne einmal probeliegen.

Krankenkasse kontert

Die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) sieht die Forderung der Ärztekammer nach einer bis zu 40-prozentigen Tariferhöhung für Hausärzte "gelassen" und verweist auf Anhebungen in der Vergangenheit. Ein Allgemeinmediziner mit einem WGKK-Vertrag komme somit pro Jahr auf durchschnittlich 213.000 Euro an Honoraren, hieß es am Montag.

Konkret seien die Tarife für Allgemeinmediziner von 2011 auf 2016 um 28,02 Prozent gestiegen, jene der Fachärzte je nach Fachgruppe zwischen 16,56 und 34,73 Prozent, rechnete die Gebietskrankenkasse vor. "Statt ständig höhere Honorare zu fordern, sollte die Standesvertretung die Studentinnen und Studenten sachlich über den Beruf der Allgemeinmedizinerin/des Allgemeinmediziners informieren und nicht die Nachwuchskräfte abschrecken", so der Appell in einer Aussendung.

Die Ärztekammer informiere nämlich nicht über die Chancen, sondern nur über die Belastungen des Berufs. Außerdem lege sich die Ärztekammer quer, wenn es um die rasche Erweiterung der Öffnungszeiten oder bei der – heute ebenfalls von der Berufsvertretung geforderten – Anstellung von Ärzten bei Ärzten geht. Letztere sei jüngst im Nationalrat diskutiert worden, aber am Widerstand der Kammer gescheitert. Dem Wunsch nach einer Aufhebung von Leistungsdeckelungen erteilt die WGKK eine Absage. Die Limitierung sei einerseits Teil des mit der Kammer ausverhandelten Tarifkatalogs und berücksichtige andererseits die medizinischen Notwendigkeiten. (APA, 25.9.2017)