Foto: Maschek Susi

"Turnton Docklands" im Lentos: Erzählung bis ins letzte Winkerl

25. September 2017, 16:53

Das Künstlerkollektiv Time's Up hat aus einer Zukunftsvision über das Jahr 2047 eine begehbare Erzählung geschaffen. Ein Besuch lohnt sich

Linz – Wie könnte unsere Welt anno 2047 aussehen? Um diese Frage dreht sich die Ausstellung Turnton Docklands im Lentos, eröffnet noch während des Ars-Electronica-Festivals Anfang September als eines von dessen dünn gesäten Highlights. Ein Witz der Schau liegt darin, welche Zukunftsvision das verantwortliche Künstlerkollektiv Time's Up ersann. Was einen jedoch vor allem umwirft, ist die Aufbereitung.

Die Turnton Docklands sind ein Stadtteil einer fiktiven Metropole, der raumnehmend beschworen wird. Man betritt das Hafenviertel über eine Holzbrücke und findet sich inmitten angedeuteter Hausfassaden wieder. Aus der "Medusabar" gegenüber dem Leuchtturm tönt erquickliche Musik, im Meer, markiert durch dünne Plastikfolie, treiben dafür skelettierte Fische. Gut, dass es auch eine "Ocean Recovery Farm" gibt.

Architekturen, Objekte, Projektionen, Sounds werden aufgeboten, um Betrachter in eine Art Filmset zu versetzen. Wie "der Neue in der Stadt" fühlt man sich, während man sich den Geheimnissen der Turnton Docklands und ihrer (abwesenden) Bewohner nähert. Dies tut man, indem man sich Teilchen einer Zukunftsvision zusammensucht, die das Kollektiv zu einer detailverliebten "begehbaren Erzählung" anordnete. Ob man nun in der Bar Gesprächen lauscht, die Plakette auf einem seltsamen Fluggerät liest oder im Tagebuch einer Forscherin blättert, die sich in einem Container ihr lauschig-enges Labor einrichtete.

Die zugrunde liegende Vision über das Jahr 2047 ist eine, die geschickt zwischen Dystopie und Utopie vermittelt. Artensterben und Meeresverschmutzung sind Thema, zugleich will man aber auch "positive Signale" setzen, wie Tina Auer von Time's Up sagt. So lässt sich herausfinden, dass ein Charakter namens Hamish Dornbirn Algen züchtet, die das Mikroplastik im Meer vertilgen. Man könnte aber auch Dornbirns Liebelei mit Barbetreiberin Fen Fang Lin auf die Spur kommen.

Überhaupt franst die buchstäblich bis ins letzte Winkerl sich erstreckende Erzählung vielfach produktiv aus, ist nicht fixiert auf ökologische Themen, lässt manches offen. "Liebe zum Detail bei gleichzeitigem Mut zur Lücke" habe man walten lassen wollen, sagt Auer. Insgesamt 110 Leute beschäftigte das im Kern sechsköpfige Kollektiv. Flyer für den Bareingang wollten ebenso designt werden wie das Touchscreen-Interface eines der händischen Blumenbestäubung dienenden Gefährts – und sogar eine Zeitung, die Turnton Gazette. Ob es aber Printmedien im Jahr 2047 immer noch geben wird? Wir wollen es natürlich hoffen. (Roman Gerold, 25.9.2017)